SELBSTKOMPETENZ

05 - Glücklicher mittels Reframing

Wechselnde Sichtweisen helfen Ihnen und anderen

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Nutzlose Zurechtweisung

Foto: "No" (pixabay)Ein Beispiel: Ein Ihnen nahestehender Mensch beharrt andauernd stur auf seiner Meinung. Sie finden das "unmöglich!", denn es "nervt" Sie immer wieder. Deswegen werfen Sie ihm dieses Verhalten immer wieder vor: "Deine ständige Sturheit geht mir furchtbar auf den Senkel!" – Sie merken: Das nützt nichts. Im Gegenteil: Die Sturheit scheint zuzunehmen, die Beziehung gerät in Gefahr sich schließlich zur gegenseitigen Ablehnung aufzuschaukeln. Und das obwohl Ihnen der nahestehende Mensch "eigentlich lieb und wichtig" ist.

Bedenken Sie bitte: Sie können Ihre Mitmenschen nicht ändern. Das kann jeder nur selbst. Also können Sie an der Situation nur etwas ändern, wenn Sie etwas an Ihrer eigenen Einstellung dazu ändern.

Sie könnten einwenden, dass Sie dazu überhaupt keinen Anlass sehen, denn das Verhalten Ihres Gegenübers sei ja der Stein des Anstoßes. Schon sein ständiges, ablehnend intoniertes "M - m!" macht sie zornig. "Nun hör doch endlich auf damit! Das ist ja nicht auszuhalten!" platzt Ihnen der Kragen. Und die Antwort könnte ein wiederholtes "M - m!" sein.

Ungute Folgen

357 zeichen sackgasseAnscheinend eine ausweglose Sackgasse. Manche Beziehungen scheitern an ständig wiederholten Vorhaltungen, auch wenn diese noch so verständlich sein mögen. In der Folge sind meistens beide Personen die Leidtragenden: Sie, denen ihr Mitmensch ja "eigentlich lieb und wichtig" war, und jene Person, die Ihre Zuneigung entbehren muss. Zahllose Scheidungen haben das Scheitern von andauernd fruchtlosen Vorhaltungen als Ursache. In der Folge wird eine Scheidung aber meist von beiden Partnern als leidvoll erfahren.

Ursachen

Ihr Ärger beruht offenbar darauf, dass Sie Ihre eigenen, wiederholt enttäuschten Erwartungen im Blick haben. Ihre Enttäuschung beruht aber auf einer negativen Deutung und Bewertung des Verhaltens ihres Mitmenschen: Sie finden es "unmöglich".

Obwohl man im Deutschunterricht die Regel "Erst die Beobachtung, dann mögliche Deutungen" lernt und übt, scheitert deren Beherzigung oftmals. Dafür sind zwei Gründe erkennbar:
deutungZum einen ist es unsere Gewohnheit, in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zu denken.
Zum anderen die emotionale Betroffenheit durch ein Verhalten oder Vorkommnis. Beides kann dazu führen, dass Deutungen und Bewertungen uns gar nicht als solche bewusst sind. Erwachsen daraus Konflikte oder Psychosen, ist professioneller Rat vonnöten.

 

Ratschlag

In solcher Lage lenken Verhaltenstherapeuten den Blick Ihrer Klienten auf deren Gegenüber:

» Fragen Sie sich,

  1. was ihr Gegenüber mit seinem Verhalten Wichtiges für sich selbst bezweckt oder
  2. was ihm Anlass gibt, sich so zu verhalten, oder
  3. in welcher Situation ihm selbst dieses Verhalten nützen kann oder
  4. welche positive Wirkung sein Verhalten (auch) hat (oder haben kann). «

Mit den ersten drei Fragen wenden Sie den Blick von sich selbst auf ihr Gegenüber, mit der vierten auf Wirkungen seines Verhaltens.  Dieser [1] Perspektivwechsel eröffnet Ihnen eine andere Sichtweise. Der Wechsel der Blickrichtung ermöglicht Ihnen eine andere Deutung seines Verhaltens.

Wendung

Sie können erkennen, dass womöglich – ja sogar wahrscheinlich – gar nicht gegen Sie gerichtet ist, was Sie so betroffen stimmt. Sobald Sie das erkannt haben, tritt neben Ihre Ablehnung ein ganz anderer Impuls: Wie können Sie dem Gegenüber behilflich sein , dass es sich gut verstanden und angenommen fühlt?

Was sich so in wenigen Zeilen beschreiben lässt, ist allerdings ein durchaus beschwerlicher Weg. Ihr "heiliger Zorn" muss verrauchen, Ihr Kopf fähig und ihr Herz dazu bereit werden, die Perspektive zu wechseln und mit den gefundenen Antworten eine tragfähige Umdeutung vorzunehmen. Das fällt umso schwerer, je länger der Ärger in Ihnen schon gebrodelt hat. Aber Sie haben den Schlüssel dazu ja immer noch in der Hand: Ihr Mitmensch ist es Ihnen wert, weil er Ihnen ja "eigentlich lieb und wichtig" ist. Das sollte Sie motivieren, den Fragen des Verhaltenstherapeuten auf den Grund zu gehen.

Erklärung

Im "Wörterbuch des NLP" von Ötsch/Stahl wird "Umdeutung" mit folgendem Beispiel erklärt: "Ein Vater bezeichnet seine Tochter als stur. Der Therapeut meint: Stellen Sie sich vor, ihre Tochter würde von einem Mann belästigt. Wäre es nicht sehr nützlich, wenn sie dann stur wäre?"  

nicht immerIn diesem Beispiel kommt die dritte der oben genannten Fragen zur Anwendung: Sie macht erkennbar, dass sich das Verhalten "Sturheit" in einem anderen Kontext (hier gegenüber einem Fremden) als nützlich erweist. Das Verhalten ist in diesem Zusammenhang offenbar völlig ok. Durch diese positive Deutung des Verhaltens ist die Verallgemeinerung *) des Vaters "Du bist immer so stur!" mit einem Gegenbeispiel entkräftet. Das veranschaulicht die Abbildung links.

Der Vater kann feststellen, dass die Sturheit seiner Tochter auch eine gute Seite hat. Beide werden sich danach wohler fühlen.
_______________
*) Vom Umgang mit Verallgemeinerungen wird ein späteres Kapitel handeln.

 

Reframing

Der NLP-Trainer [2] Stephan Landsiedel erklärt den Hintergrund dieses Umdeutens folgendermaßen:

landsiedel reframingDie "Bedeutung eines Ereignisses, einer Aussage, eines Verhaltens, einer Überzeugung oder eines Glaubenssatzes, eines Auslösers oder eines Reizes hängt vom Kontext, vom Rahmen ab, von der Sichtweise des Beobachters / Zuhörers bzw. Lesers, von dem Rahmen, in den es gestellt wird." 
Den "Prozess des Umdeutens durch Einnehmen einer neuen Perspektive und neue Interpretation eines Ereignisses, Ausspruchs oder Sachverhalts" bezeichnet er als "Kontext-Reframing".

fpk1s8h6 bnyeDas Wort "Reframing " ist die anglophone Bezeichnung für das Umdeuten einer Wahrnehmung : In einem anderen, neuen "Rahmen" (engl. " frame") entfaltet das davon umgebene Bild einen anderen Eindruck. In Analogie dazu erlaubt z.B. eine kritische Wahrnehmung eine andere, auch eine positive(re) Deutung.  

Mit folgendem Beispiel verdeutlicht Landsiedel, was er unter "Inhaltsreframing" versteht:

 
Wenn eine Mutter ihren Ärger über die Fußabdrücke auf dem Teppich mit der Klage "Keiner respektiert meine Arbeit" quittiert, könnte ihr die Umdeutung helfen: "Die Fußabdrücke zeugen doch davon, dass liebe Menschen im Haus sind".  Zu dieser Deutung könnte die vierte der o.a. Fragen des Verhaltenstherapeuten hinführen.

Die Beispiele verdeutlichen: Störendes Verhalten wird durch Umdeutung verständlicher und damit als weniger störend empfunden. Das dem Störenfried zuteilwerdende Verständnis kann bewirken, dass er sein Verhalten von sich aus ändert:

Störendes Verhalten  → Umdeutung  →  Verständnis  → Verhaltensänderung

Dann sind beide glücklicher.

Auslöser - nicht Ursache

Der Ärger über das sture Verhalten eines Mitmenschen verlangt noch den Hinweis, dass die Verärgerung zwar durch sein störendes Verhalten ausgelöst, aber nicht verursacht ist. Auch wenn Sie den Satz als Zumutung zurückweisen möchten, bleibt wahr:

"Sie sind für Ihre Emotionen ganz allein verantwortlich, niemand sonst!"

Auf die Frage "Wer oder was ärgert Sie?" lautet die zutreffende Antwort nämlich:
"Ich ärgere mich." – Mit emotionaler Intelligenz bekommen Sie Ihre Emotionen in den Griff. Dann fällt es Ihnen auch leichter, die Fragen des Verhaltenstherapeuten ohne inneres Aufbegehren zu beantworten.

Ihre Deutungshoheit

Hilfreich dürfte auch sein, dass Sie sich bewusstmachen:
Sie haben die volle Deutungshoheit über alle Ihre Wahrnehmungen und Empfindungen. Ob ihnen etwas schmeckt oder nicht, bestimmen Sie allein.
Ebenso, ob sie etwas stört.

 

kleinkind zwiebel essendEin [3] Videoclip zeigt ein Kleinkind (Foto links), das eine Zwiebel isst, als ob es ein Apfel wäre. Es macht von seiner Deutungshoheit eindrucksvoll Gebrauch.

Sie können also durch Ausübung Ihrer Deutungshoheit auch für Ärgerliches Verständnis aufbringen. Nein, Sie müssen nicht alles "entschuldigen". Aber Sie dürfen sogar für nicht entschuldbares Verhalten doch Verständnis aufbringen. 
Das sollte Ihnen ihr lieber, wichtiger Mitmensch wert sein. Mitempfinden und Verständnis sind heilsamer als Ablehnung und Zurechtweisung – für beide Seiten!

Fehler als Lerngelegenheiten

man 932840 640Ein anderes Szenario markiert der Satz:

"Nichts ist so ärgerlich wie die eigene Unvollkommenheit".

Sie sind in solcher Lage nicht auf einen Mitmenschen böse, sondern auf sich selbst.

"Das hätte mir nicht passieren dürfen!", werfen Sie sich selbst vor. Auch dagegen hilft Umdeuten: "Fehler sind Lerngelegenheiten!" – Geben Sie sich Rechenschaft, was zu dem Fehler geführt hat. Überlegen und prägen Sie sich ein, wie sie einer Wiederholung vorbeugen können. Dann haben Sie Ihre Lektion gut bearbeitet.
Wer die Lerngelegenheit nutzt, braucht sich deren Anlass nicht länger vorzuwerfen. Er ist dann glücklicher – und erfolgreicher.

Auswegsuche bei Misserfolgen

Schlimmer als Fehler sind Misserfolge, egal ob sie durch eigenes Versagen oder fremdes Verschulden verursacht sind. Damit umzugehen ist schwer, weil die Bedrängnis zum Grübeln und Erheben von Vorwürfen verleitet.

shield 490816 1280 bearbeitetMisserfolge kann man aber nicht ungeschehen machen, indem man sich darüber beklagt oder sich Selbstmitleid hingibt. Der Blick zurück kann allenfalls lehren, was man künftig vermeiden sollte. Aber den Blick nach vorn öffnet die Auswegfrage an sich selbst:

"Was geht trotzdem?"

 

Aktiver Optimismus

Wer sich diese Frage auch in anscheinend ausweglosen Situationen stellt, der praktiziert aktiven Optimismus. Der nimmt den Schlüssel in die Hand, mit dem sich ein Ausweg finden und Zukunft besser gestalten lässt.

 

Mein Rat: Prägen Sie sich die Auswegfrage "Was geht trotzdem?" ein, damit Sie aus jeder anscheinend aussichtslosen Lage doch einen Ausweg finden. Diese Frage sei Ihr geistiger "Dietrich"! Mit diesem Nachschlüssel finden Sie neue Perspektiven und neue Handlungsmöglichkeiten. Er wandelt Hoffnungslosigkeit in Zuversicht, macht Sie also glücklicher. Dieser Tage las ich eine Überschrift: [4] "Auf meine schwerste Niederlage folgte mein größter Erfolg". Ist das nicht ein Beleg für die Wirksamkeit von aktivem Optimismus?

Stress und Eustress

burnout 3721062 250Ständige Bedrängnis in Beruf oder Alltag erzeugt Stress. Anhaltender Stress mach krank und führt schließlich zu Burnout. Sie sollten sich die Frage stellen, ob die von Ihnen empfundene Bedrängnis vielleicht durch Umdeutung wenigstens gemildert werden kann. Es ist ja normal, dass nicht jede Arbeit Freude macht. Ebenso, dass keine Arbeit ständig Freude macht.  
Aber:

Über die emotionale Bewertung Ihrer Arbeit haben Sie die Deutungshoheit!

Wenn Sie eine Tätigkeit ausüben, die Ihnen ständig gegen den Strich geht, ist der Stress unerträglich. Haben Sie hingegen eine Arbeit, die Ihnen grundsätzlich gefällt und meistens Freude macht, gibt es neben dem belastenden auch einen "Eu"-Stress, bei dem Anstrengung sie zu "Flow" und Höchstleistung beflügelt. Dann ist dies ein immaterieller, aber wesentlicher Teil der "Vergütung" für Ihre Arbeit.

Überforderung

Leiden Sie hingegen überwiegend unter den Bedingungen und Anforderungen Ihrer Arbeit, sollten Sie bedenken, dass kein Arbeitsentgelt an ein Schmerzensgeld heranreicht. Darum ist außerordentlich wichtig, sich eine Arbeit zu suchen, die Ihnen überwiegend Freude macht. Ehe Sie hinnehmen, dass eine unerfreuliche Arbeit Sie krankmacht, stellen Sie sich die Auswegfrage "Was geht stattdessen?"

Unlust

Im Hinblick auf zeitweilige Überlastung oder in einer aktuell unerfreulichen Situation sollten Sie bedenken, dass für Ihre diesbezüglichen Empfindungen ihre Erwartungshaltung großen Einfluss hat. Wer mit Unlust zur Arbeit geht, dem wird die Arbeit keine Freude machen.

denkeWer sich hingegen auf dem Weg zur Arbeit fragt, was er heute gern erledigen möchte, hat größere Chancen, am Ende des Tages zufrieden zu sein. Die angeblich "sich selbsterfüllenden Prophezeiungen" beruhen zu einem Großteil auf der inneren Erwartungshaltung des davon Betroffenen.

Diese Wechselwirkung von Erlebnis und Erwartung drückt das Sprichwort einprägsam aus:

"Wie man sich bettet so liegt man,
und wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus."

Beklagen Sie das nicht, sondern machen Sie es sich zu Nutze. Dann sind Sie glücklicher!

Frust und Stress

Wenn Sie trotz positiver Erwartungshaltung an Ihrer Arbeitsstelle Frust und Stress als bedrängend erleben, hilft Ihnen – oder auch betroffenen Kollegen – die Frage:  "Mit welchem erfüllbaren Wunsch könntest du jetzt dein Wohlbefinden steigern?"

Der Wirksamkeit dieser Frage liegt eine allgemeine Erfahrung zugrunde: Wer sich wohlfühlt ist gesünder! Und wer sich wohlfühlt ist belastbarer. Ein Chef, der einem erkennbar überlasteten Mitarbeiter ein paar Tage zur Erholung frei gibt, handelt nicht nur menschenfreundlich, sondern auch klug. 

Trauer

child 3540922 300Zum Abschluss dieses Kapitels einige Gedanken zum Umgang mit Trauer z.B. über den Verlust eines lieben Mitmenschen.
Eine Umdeutung, die das womöglich Sinnhafte in den Blick zu nehmen versucht, verbietet sich mitfühlenden Angehörigen und Freunden. Sie ist dem Trauernden nicht zugänglich. Allenfalls Jahre später mag die Trauer-Empfindung soweit gemildert sein, dass dem Trauenden selbst erkennbar wird, welche sinnvolle Entwicklung die schmerzhafte Veränderung nach sich gezogen hat. Nach dem Verlust kann Trauer den Trauernden erst einmal lähmen. Er empfindet seine Lage als ausweglos. Der erlittene Verlust ist nicht zu heilen. Der Kummer darüber ist mitleiderregend

 

Trauer braucht Trauerarbeit. Gedanken dazu finden Sie im meinem Aufsatz [5] "Trösten ohne zu vertrösten".  

Für den Trauernden wird die Frage an sich selbst "Was tut mir jetzt gut?" hilfreich sein. Denn damit lenkt er seinen Blick vom Verlust auf die Verbesserung seiner Befindlichkeit. Dazu kann ihm Ihre Frage "Was tut dir jetzt gut?" vielleicht behilflich sein. Mit einfühlsamem Umgang mit dem Trauerden fühlt er sich verstanden und auch Sie fühlen sich erleichtert, wenn Ihnen das gelingt.

Fazit

target 1955257 640 Mit klarer Unterscheidung von Beobachtung und Deutung wird deutlich, dass jede Beobachtung vielfältige Deutungen erlaubt.
Sie können sich für diejenige Deutung entscheiden,
die Ihrem und ihrer Mitmenschen Wohlbefinden am besten dient.

Insbesondere können Sie eine unreflektierte Deutung in dieser Absicht abändern.
Durch "Umdeutung" versehen Sie die Beobachtung mit einem "neuen Rahmen",
der ihr ein für Sie und ggf. auch ihrem Mitmenschen eine gefälligere Bedeutung vermittelt. Die Auswegfrage "Was geht trotzdem?" hilft Ihnen in anscheinend ausweglosen Situationen. 

 


LINKS: 

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https://p-j-r.de/pdf/articles/reframing.pdf 
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[1] Video "Perspektivwechsel
https://youtu.be/kIidyJQlykk
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 [2] Stephan Landsiedel, Reframing:
https://www.landsiedel-seminare.de/nlp-bibliothek/practitioner/p-05-00-reframing.html
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 [3] YouTube Video-Clip "Kleinkind isst Zwiebel":
https://youtu.be/Lj8Oo7QRjcQ
- zurück zu [3]

 [4] "Auf meine schwerste Niederlage folgte mein größter Erfolg":
https://www.xing.com/news/klartext/auf-meine-schwerste-niederlage-folgte-mein-grosster-erfolg-3093
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 [5] Essay "Trösten ohne zu vertrösten"
https://p-j-r.de/publicationes/wissen/psychologie/65-trost-spenden.html
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99 - Geplante Fortsetzungen

Die Reihe der Artikel zu "SELBSTKOMPETENZ" wird fortgesetzt.

Diskussionsbeiträge und Anregungen in den Gruppen "SELBSTKOMPETENZ als Schlüssel zum Erfolg" führen zunächst zur Sammlung von Stichworten, die dann in weiteren Artikeln aufgegriffen und erläutert werden sollen.

Bisher gesammelte Stichworte

  • Skepsis trainieren, Fake News erkennen, sich gegen Werbung immunisieren
  • Verallgemeinerungen auflösen
  • Pacing and Leading
  • Perspektivwechsel – durch Veränderung des Blickwinkels neue Handlungsmöglichkeiten finden
  • Kritikfähigkeit: Kritik äußern und Kritik annehmen / Umgang mit Fehlern
  • Aktives Zuhören
  • Symmetrische Kommunikation
  • Kommunikationsquadrat
  • Inneres Team
  • Achtsamkeit
  • Resilienz
  • Win-Win-Situationen anstreben
  • Selbstsicherheit / Selbstachtung:

    Was kann ich besonders gut, was möchte ich besser können, w

    ie reagiere ich auf herabwürdigende Äußerungen, w

    as schulde ich meiner Selbstachtung und wie erhalte ich sie. 

    Umgang mit Blamage: "Wer hat gerade wen blamiert?"
  • Diskussion: Erfolg / Selbst / …
  • ...

 


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04 - Konfliktlösung durch Perspektivwechsel

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Bedenkzeit Eine heftige Auseinandersetzung oder ein ernstzunehmender Tadel sind Beispiele für Konfliktauslöser. Sie sollten gründlich analysiert werden, um den damit verbundenen Konflikt in einem anschließenden Gespräch aufzulösen. Nachfolgend also Gedanken dazu, wie die eingeräumte [1] Bedenkzeit zur Situationsanalyse und Gesprächsvorbereitung genutzt werden kann.

Grundlage und Ziel

runder Tisch mit 3 PlätzenZur Vorbereitung auf ein Konfliktgespräch ist eine gründliche Analyse des Verhaltens der beiden Beteiligten aus unterschiedlichen Blickwinkeln nötig, [2] Perspektivwechsel also. Als Beteiligter erschließen Sie sich damit zusätzliche Wahrnehmungs- und Deutungsmöglichkeiten, also eine objektivere Sicht auf den Konflikt. Dadurch verringert sich auch Ihre emotionale Betroffenheit. Mit mehr Verständnis für Ihrer beider Anliegen können Sie sich auf ein Gespräch vorbereiten, das durch Verständigung eine Auflösung des Konflikts ermöglicht.

Vorbereitungen

Nehmen Sie sich für die Analyse etwa eine Stunde Zeit in einem Raum, in dem Sie nicht gestört werden, möglichst zeitnah zu dem unangenehmen Aufeinandertreffen. Nacheinander reflektieren Sie dort in der Rolle "ICH" Ihre eigenen Eindrücke und Empfindungen, in der Rolle "DU" die Ihres Kontrahenten sowie schließlich in der Rolle "ES" die eines unbeteiligten Beobachters der konflikthaften Begegnung.

questions 2132217 640Dabei beantworten Sie die für jede Rolle aufgeführten "W-Fragen" (Wer, Wie, Wo, Was, Wodurch, Womit, ...). Diese übertragen Sie auf je einen Zettel mit den Überschriften ICH, DU bzw. ES.

Wenn Sie Perspektivwechsel schon öfter geübt haben, fällt es Ihnen nicht schwer, sich dabei rein gedanklich und gefühlsmäßig in die jeweilige Rolle hineinzuversetzen. Andernfalls hilft Ihnen der "Rollentausch am runden Tisch" dabei, mit Wechsel der Position gedanklich und empfindungsmäßig eine je andere Sichtweise einzunehmen.

Rollentausch am runden Tisch

Vorbereitungen

Hierfür richten Sie für jede Rolle einen Platz und Stuhl an einem runden Tisch ein. Sie ordnen diese drei Plätze z.B. so an, wie es die obige Abbildung andeutet.

Sie legen dann auf jeden der drei Tischabschnitte

  • den Zettel mit den für die jeweilige Rolle vorgesehen Fragen,
  • je ein weiteres leeres Blatt mit der Aufschrift ICH, DU bzw. ES sowie
  • je einen Schreibstift.

Außerdem stellen Sie vor jeden der drei Tischabschnitte je einen Stuhl. Sodann nehmen Sie auf dem Stuhl "ICH" Platz.

Eigene Erinnerungen

ICH du esDiese Rolle verlangt noch keinen Wechsel Ihres Blickwinkels, sondern leitet Sie zu einer Selbstreflexion des Geschehens an. Nehmen Sie also gedanklich und emotional den Platz "ICH" (rot) ein, an dem Sie sich Ihre Erinnerungen an das ärgerliche Zusammentreffen ins Gedächtnis rufen.

Dazu beantworten Sie z.B. folgende Fragen:

  1. Was genau hat mein Gegenüber denn gesagt, behauptet oder unterstellt?
  2. Welche Fakten hat er genannt oder angenommen?
  3. Welche körpersprachlichen Signale - Mimik, Gestik und Tonfall - habe ich bei ihm wahrgenommen?
  4. Was genau hat mich emotional so stark berührt?
  5. Wodurch habe ich meinem Gegenüber womöglich Anlass gegeben, so ausfällig zu werden?
  6. Welche Anzeichen gibt es dafür, dass absichtlich gegen mich gerichtet war, was mich aufgebracht hat?
  7. Was möchte ich mit dem bevorstehenden Gespräch erreichen?

Notieren Sie Ihre Antworten auf dem mit "ICH" überschriebenen Blatt.

Ihr Gegenüber

DU ich esIm zweiten Schritt nehmen Sie die Rolle der Person "DU" ein, die Sie verärgert hat, und am runden Tisch auch deren Platz (grün).

Stellen Sie sich in dieser Rolle z.B. folgende Fragen:

  1. Welcher Anlass hat mich gegen "ICH" so aufgebracht? Welcher sachliche Grund?
  2. Warum habe ich mich "ICH" gegenüber so aggressiv verhalten, statt ruhig mit ihm zu sprechen?
  3. Welches andere Erlebnis hat womöglich dazu beigetragen, jetzt "ICH" gegenüber so unbeherrscht aufzutreten?
  4. Welche Reaktion von "Ich" hat mich noch stärker in Rage gebracht?
  5. Was hatte ich denn gegenüber "ICH" Wichtiges für mich im Sinn, und welches Ziel wollte ich damit eigentlich erreichen?
  6. Wie beurteile ich das Vorkommnis rückblickend?
  7. Was möchte ich in dem Gespräch erreichen, das "ICH" vorgeschlagen hat?

Notieren Sie Ihre Gedanken hierzu auf dem mit "DU" überschriebenen Blatt.

Aus unbeteiligter Warte

ES du ichVersetzen Sie sich in die Rolle "ES" eines unbefangenen Mitmenschen, der die Auseinandersetzung zwischen "ICH" und "DU" aufmerksam beobachtet hat, ohne einzugreifen. Nehmen sie gedanklich oder auch wirklich seinen Platz (blau) in der Tischrunde ein.

Aus dieser Beobachterposition heraus beantworten Sie z.B. folgende Fragen:

  1. Welchen Verlauf hat die emotionale Begegnung zwischen "ICH" und "Du" aus meiner Warte genommen? Wer hat zuerst die Selbstbeherrschung verloren? Was war anscheinend der Auslöser?
  2. Welche Emotionen waren bei "ICH" und welche bei "DU" zu beobachten?
  3. Wie zeigte sich, ob einer von beiden oder beide überempfindlich reagiert haben? Woran genau bei wem von beiden?
  4. Woran konnte ich ggf. gegenseitige Voreingenommenheit wahrnehmen? Bei wem und mit welcher Äußerung?
  5. Worin bestand eventuelle ein Missverständnis zwischen den beiden?
  6. Welche Absicht verfolgte anscheinend "DU", und welche "ICH"?
  7. Wie könnte ein Kompromiss aussehen? Worin könnten „DU“ und „ICH“ übereinstimmen?

Notieren Sie Ihre Antworten hierzu auf dem mit "ES" überschriebenen Blatt.

Zielklarheit gewinnen

SMART-Zielparameter

In einem vierten Schritt verlassen Sie die Tischrunde gedanklich und ggf. tatsächlich. Damit begeben Sie sich auf eine Position außerhalb der Tischrunde. Das könnte z.B. Ihr Schreibtisch sein. In der Erkenntnistheorie bezeichnet man eine solche Position als "Metaebene" *). Dort werden Sie nun Ratgeber für "ICH". Diese Aufgabe beginnen Sie, indem Sie die 3 Notizen der Reihe nach aufmerksam durchlesen. Die Aufzeichnungen machen Ihnen den Konflikt aus drei Blickwinkeln in einer Zusammenschau bewusst. Sie haben damit erreicht, die bloße Betroffenheit des "ICH" um andere Wahrnehmungen und Deutungen zu erweitern, also einen Zugewinn an Objektivität. Für die Beratung von "ICH" besonders belangvolle Antworten unterstreichen Sie.

*) Metaebene nennt man eine Sichtweise, bei der man einen Vorgang oder einen Gegenstand von außen her, aus "übergeordneter" Warte, unvoreingenommen und möglichst umfassend ("vielperspektivisch") betrachtet, um ihn möglichst objektiv zu erkennen.

Balance suchen

Aus dieser "übergeordneten" Warte können Sie klären, welches Ergebnis das vorgesehene Gespräch haben soll. Auch, wie "ICH" darauf hinwirken kann. Die Notizen zu den 7. Fragen - besonders die von "ES" - sind dafür hilfreich. Bei den an "ES" gerichteten Fragen 5 bis 7 geht es auch um [3] Balance der Interessen. Dem "DU" nur "die Leviten zu lesen", wäre für "ICH" vielleicht eine Genugtuung. Das wäre aber kein Gespräch, sondern eine Art Einbahnstraße, auf der "DU" und dessen Befindlichkeit und Absichten gleichgültig und unerreichbar blieben. Zufriedenheit beider entsteht nur durch einen Interessenausgleich, also wenigstens mit einem Kompromiss, besser noch durch Konsens. Als "Ratgeber" haben Sie auf der Metaebene zu überlegen, welche Vorschläge dazu taugen.

Bedauerliches bedauern

Die meisten Menschen mögen sich für das eigene ungute Verhalten nur ungern entschuldigen. Es gibt allerdings einen Ausweg: Wer eine Entschuldigung erwartet, ist oftmals schon versöhnt, wenn sein Gegenüber das Geschehene bedauert. Bedauern ist eben kein Schuldbekenntnis, aber eine Brücke, die zur Versöhnung führen kann. Wenn "ICH" selbst die Auseinandersetzung "angeheizt" hätte, sollte der Ratgeber ihn auf diese versöhnliche und seine Selbstachtung wahrende Möglichkeit hinweisen: "Ich bedaure, dass ich Sie so aufgebracht habe". Auch dem "DU" ist leichter ein Bedauern als eine Entschuldigung abzuringen, z.B. mit einer - zugegeben suggestiven - Frage wie: "Tut Ihnen rückblickend nicht auch leid, dass wir so aneinandergeraten sind?".

Für ein erfolgreiches Gespräch ist mindestens so wichtig wie Zielklarheit die innere Haltung, mit der "ICH" in das Gespräch hineingeht. Der "Ratgeber" sollte "ICH" darauf eindringlich aufmerksam machen.

Ihre innere Einstellung

IchDuSelbst wenn jemand die Form nicht wahrt und unzutreffende Behauptungen aufstellt, ist es kein Ausweis Ihrer Selbstkompetenz, ihn - bildlich gesprochen – „in die Pfanne zu hauen". Der Irrende hat das gleiche Anrecht auf menschenwürdige Behandlung wie Sie.

Es spricht für Sie, wenn Sie das achten und jenem die Gelegenheit geben, sich zu erklären und ggf. Fehler einzusehen.

Jeder Mensch hat nämlich

  • das Recht, Fehler zu machen,
  • die Aufgabe, sie selbst zu erkennen und möglichst wiedergutzumachen, sowie
  • die Möglichkeit, aus ihnen zu lernen.


Darum nenne ich selbst Fehler sogar "meine Freunde", die ich häufig wechsle, nachdem ich aus ihnen gelernt habe. Dazu hat [4] Sabine Gessenich auf meinen Artikel [5] "Aus Fehlern lernen" hingewiesen.

Ihr Einfluss

Sie haben keine Möglichkeit, das Verhalten eines Anderen unmittelbar zu beeinflussen, es sei denn Sie überzeugen ihn, seinerseits sein Verhalten ändern zu wollen. Das einzige Verhalten, das Sie unmittelbar verändern können, ist Ihr eigenes! Diese Feststellung mögen Sie als ernüchternd oder enttäuschend empfinden. Sie stellt aber auch eine Herausforderung dar. Deren Bewältigung gelingt Ihnen nach dem Perspektivwechsel leichter, weil sich Ihnen mit neuen Sichtweisen auch weitere Handlungsmöglichkeiten erschließen. Aber behalten Sie im Hinterkopf: Die einzig sichere Stellschraube ist Ihr eigenes Verhalten.

Ihr Verhalten

Diese Überlegung soll Sie bestimmen, das Gespräch nicht aggressiv zu führen, sondern im Bemühen um Verständigung. Dem dient es, wenn Sie auf Vorwürfe und Anschuldigungen verzichten. Überlegen Sie darum gut, wie Sie das Gespräch beginnen. Sie kennen vermutlich das Sprichwort:

"Wer fragt führt"

fragenAlso: Fragen Sie, und zwar so entspannt wie möglich. Zuerst: "Wieviel Zeit sollten wir uns für unser heutiges Gespräch nehmen?". Mein Rat: Höchstens eine Stunde, besser nur eine halbe. Zeitlich ausufernde Gespräche sind nämlich meistens unbefriedigend.

Dann zum Gesprächsanlass: "Habe ich Sie mit der Äußerung richtig verstanden, an die ich mich so erinnere: ...?" Enthalten Sie sich dabei eigener Bewertungen und lassen Sie sich Ihre Betroffenheit möglichst nicht anmerken. Fragen Sie nach dem Anlass, den Fakten und der Absicht der gefallenen Aussagen. Fragen Sie, ob sich Ihr Gegenüber vorstellen kann, welche Empfindungen das bei Ihnen ausgelöst hat, und ob das von ihm so gewollt war. "Was können Sie mir sagen, damit ich Ihr Anliegen besser verstehe?" oder "Was genau wollten Sie mir gegenüber erreichen?"

Solche Fragen verdeutlichen: Es geht Ihnen nicht darum, dass ihr Gegenüber sich rechtfertigt, sondern um Verständigung. Dieser Absicht bereiten Sie mit Bedauern des Bedauerlichen (s.o.) einen guten Boden. Bereiten Sie Notizen auch hierzu vor, die sie bei dem Gespräch vor sich hinlegen können.

Warum aufschreiben?

notiz thnGedanken sind flüchtig. Was man aber notiert, wird klarer bewusst und länger erinnert. Außerdem lassen sich Notizenbesser überprüfen und korrigieren als zurückliegende Gedanken. - Ihnen aber ist Schreiben vielleicht zu lästig? Dann könnten Sie erwägen, Sprachnotizen z.B. auf Ihrem Smartphone aufzunehmen. Das bietet sich vorrangig für Menschen an, deren bevorzugtes Wahrnehmungsorgan das Gehör ist. Die Schriftform bevorzugt, wer optische und haptische Eindrücke am besten erinnert. Die Audionotiz eignet sich allerdings nicht zur Verwendung im Gespräch, aber doch zur Anfertigung einer gleichlautenden schriftlichen Notiz.

Äußere Bedingungen

Nehmen Sie nicht gegenüber ihrem Gesprächspartner Platz, sondern am besten übereck und links von ihm. Mit dieser Sitzordnung vermeiden Sie Konfrontation und lassen Wertschätzung erkennen. Klären Sie zu Anfang, ob es beim vorgesehenen Zeitrahmen bleibt, und wachen Sie während des Gesprächs darüber. Reicht der Zeitrahmen einer Stunde nicht aus, verabreden Sie danach besser einen neuen Termin. Eine für beide sichtbar auf dem Tisch platzierte Uhr ist besser als wiederholte Blicke auf die Armbanduhr. Ihr Notiz-Zettel kann Ihnen helfen Ihnen, den Faden nicht zu verlieren.


Achtsam kommunizieren

Das Gespräch selbst gelingt Ihnen "auf Augenhöhe" und mit befriedigenden Ergebnissen, wenn Sie dabei auch die Technik des "aktiven Zuhörens" anwenden.

Die "symmetrische Kommunikation" und das "aktive Zuhören" werden in späteren Kapiteln ausführlich vorgestellt.

Ergebnisse sichern

head 1825517 150Am Ende des Gesprächs sollten Sie die (Zwischen-) Ergebnisse wenigstens stichwortartig notieren und durch Rückfragen absichern. Wenn dabei bestimmte Aktionen für die Zukunft verabredet werden, sollte auch eine Kontrollvereinbarung dazu getroffen und notiert werden: "Wann stellen wir fest, ob wir das erreicht haben, und wie können wir nötigenfalls zu einer Nachbesserung kommen?". Der Austausch der Notizen kann die Zuversicht untermauern, mit Transparenz der Ergebnisse eine gute Grundlage für die künftige Beziehung gewonnen zu haben.

 


LINKS:

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https://p-j-r.de/pdf/articles/solving_conflicts.pdf
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[1] "Bedenkzeit für bessere Lösungen" beschreibt, wie Zeit gewonnen werden kann, um über einen Konflikt und seine Lösung nachzudenken:
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/selbstkompetenz/236-bedenkzeit.html
- zurück zu [1]

[2] Den Begriff "Perspektivwechsel" und die Bedeutung, Anwendungsmöglichkeiten und den Nutzen der gleichnamigen Methode veranschaulicht mein Video-Clip:
https://youtu.be/kIidyJQlykk
- zurück zu [2]

[3] "Balance suchen" enthält Tipps zum Finden ausbalancierter Kompromisse:
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/54-balance-suchen.html
- zurück zu [3]

[4] Sabine Gessenich:
https://lernberatung-ingelheim.de/sabine-gessenich/
- zurück zu [4]

[5] "Aus Fehlern lernen" vermittelt eine bessere Einstellung zu sich selbst und zu anderen:
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/68-aus-fehlern-lernen.html
- zurück zu [5]

 


© Copyright 2019 by Peter J. Reichard -  details:
www.p-j-r.de/allgemeines/copyright.html


03 - Bedenkzeit für bessere Lösungen

Bedenkzeit benötigen bzw. gewähren

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1. Bedenkzeit benötigen

Sie kennen das: Jemand setzt Sie unter Druck: "Hier und jetzt!" – "Sofort!" – "Augenblicklich!" – "Unbedingt!" – "Unverzüglich!" – "Jetzt aber los!" – "Mach schon!" – "Sag endlich was!" – …

Wie Unangenehm! Innerlich wehren Sie sich dagegen. Aber wie können Sie damit umgehen?

Spontane Reaktionen

Stop-HandWomöglich neigen Sie dazu, den Angriff auf Ihr Wohlbefinden mit einem Gegenangriff abzuwehren? Etwa so: "Hau ab!" – "Du hast mir überhaupt nichts zu sagen!" – "Das geht dich gar nichts an!" – "Lass mich in Ruhe!" – "Ich verbitte mir jede Maßregelung!" – …

Oder Sie versuchen spontan mit einer Ausrede auszuweichen? Vielleicht so: "Bin längst dran!" – "Bin einfach noch nicht dazu gekommen!" – "Es gibt Wichtigeres!" – …

OK-HandOder Sie stellen die Balance zwischen Fremderwartung und Selbstbestimmung her: "Natürlich kümmere ich mich darum; und ich möchte selbst bestimmen, wann!" - Beachten Sie das Und nach dem Semikolon: Ein Aber an gleicher Stelle würde weniger dazu einladen, Ihrem Wunsch zu entsprechen. Mit dem Und  ist es eine für beide Seiten annehmbare Äußerung. Man muss allerdings erst darauf kommen. In sofern ist es nützlich, sich dieses Vorgehen übend anzueignen, um es passend anzuwenden.

Selbststeuerung

Unterbrecher-SchaltbildWenn Sie sehr heftig unter Druck gesetzt werden, müssen Sie womöglich erst einen [1] Unterbrecher setzten, um sich dann an diese Strategie der Balance zu erinnern. Das ist vor allem bei vorwurfsvollen Mahnungen erforderlich, die meist mit Verallgemeinerungen gespickt sind, z.B. "Immer verschiebst du alles bis auf den letzten Drücker!" oder "Ich bin es satt, dich immer wieder zu ermahnen!".

Die Verallgemeinerung ist Ihnen natürlich unangenehm, vor allem, wenn damit eine Schwäche angesprochen wird, die Sie ungern bekennen. Die Abwehr mit dem Gegenangriff "Das ist eine unverschämte Unterstellung!" verschlimmert den Konflikt. Hingegen ist ruhiges Nachdenken über die Sache, ihre Dringlichkeit und ihren voraussichtlichen Zeitaufwand sachgerecht und hilfreich.

Zur Versachlichung und Beschwichtigung trägt es bei, dem Mahner für seine Erinnerung freundlich zu danken und ihm anzubieten, seinen Hinweis so bald wie möglich aufzugreifen. Sie müssen sich dabei zur Sache selbst gar nicht sofort äußern. Das trifft insbesondere für schwierige Angelegenheiten zu, die reifliche Überlegung oder aufwändige Vorbereitungen erfordern.

Hilfreicher Schlaf

In solchen Fällen und wenn es um weitreichende Entscheidungen geht, sollten Sie darum bitten, sie frühestens am nächsten Tag zu treffen. Das dient Ihnen, den von der Entscheidung betroffenen und der Sache gleichermaßen. Nehmen Sie sich also die Zeit, darüber mit sich und anderen zu Rate zu gehen und möglichst einmal darüber zu schlafen.

schlafen thnDenn im Schlaf gewinnen Sie nicht nur Abstand zu dem, was Sie bedrängt, sondern durch Entspannung am nächsten Morgen auch mehr Klarheit. Ausgeschlafen finden Sie leichter mit wachem Bewusstsein mögliche Lösungen. Das führt Sie zu Ergebnissen, die sachdienlicher und aussichtsreicher sind als ein spontan gefällter Entschluss. Daher wird auch der Mahner Verständnis dafür aufbringen, wenn Sie als Wunsch formulieren: "Ich wünsche mir Zeit, die Angelegenheit zu überschlafen." Oder: "Ich möchte jetzt nichts Verkehrtes sagen, sondern wünsche mir wenigstens bis Morgen Zeit darüber nachzudenken." So geben Sie sich keine Blöße, und lassen zudem erkennen, dass Sie eine weitere Eskalation vermeiden möchten.

Das gilt in ähnlicher Weise für die Bewältigung von Konflikten. Dabei geht es weniger um Entscheidungen, sondern mehr um die Bereitschaft, eine Übereinkunft zum Ausgleich der Interessen anzustreben. Die Möglichkeiten dazu wollen gut überlegt und auf Annehmbarkeit für beide Seiten ausbalanciert werden. Das Kapitel [2]  Konfliktlösung durch Perspektivwechsel handelt davon.

Klare Terminvereinbarung

Terminkalender-FotoMit Vereinbarung eines ausreichend großen Zeitfensters sollte auch dessen Abschluss verabredet werden, nämlich wann, wie lange und wo man sich zum klärenden Gespräch treffen kann.

Gesichtspunkte dafür sind:

  • Beginn: Zeitnah – wenn möglich am Folgetag,
  • Ende: begrenzt – auf eine halbe bis eine Stunde,
  • Ort: "auf neutralem Boden".

Als neutraler Ort kann gelten, wo beide keinen Heimvorteil haben und jeder die Möglichkeit hat zu gehen, wenn er denn möchte.

Moderation?

Moderator schlichtetIm Konfliktfall ist erwägenswert, einen Moderator zu dem Gespräch hinzuziehen. Dann müssten Sie sich auf eine Person einigen und diese in die Terminvereinbarung einbeziehen. Ein in Konfliktmanagement erfahrener Moderator würde sogar in einem schweren Konflikt bewirken können, dass die Kontrahenten eine für beide akzeptable Lösung finden.

Die Kernfrage

Die ausbedungene Bedenkzeit nützt Ihnen nur, wenn Sie diese auch tatsächlich aktiv nutzen. Überlegen Sie: "Was ist für mich selbst, für die übrigen Betroffenen und für die Umwelt jetzt und künftig am besten?". Dieses [3] "Balance-Kriterium" kann Ihnen als Richtschnur für das Abwägen unterschiedlicher Möglichkeiten dienen. Ihre Gedanken dazu sollten Sie mit stichwortartigen Notizen so dokumentieren, dass Sie Ihre gewonnene Einsicht im vereinbarten Gespräch überzeugend darstellen können.

Aufgepasst!

Schließlich sollten Sie den vereinbarten Termin auch wahrnehmen.

SmartphoneWenn Sie viel um die Ohren haben, tragen Sie den Termin am besten sogleich mit einem Erinnerungsvorlauf z.B. in Ihrem Smartphone ein. Ein versäumter Termin würde dem, der Ihnen am Zeuge flickte, ein tatsächliches Argument gegen Sie liefern. Und ein unzureichend vorbereitetes Gespräch nimmt leicht einen ungewissen Verlauf. Beides wollen Sie ja bestimmt nicht.

Also: Nutzen Sie die beanspruchte Zeit zu Ihrem Vorteil, machen Sie Ihre Bedenkzeit zu gewonnener Zeit!

2. Bedenkzeit gewähren

Angenommen Sie tragen Verantwortung für ein Projekt oder Mitarbeiter oder Angehörige. Sie haben klare Erwartungen formuliert und wichtige Verabredungen getroffen. Aber sie werden nicht eingehalten. Wie werden Sie dann vorgehen?

Lösungsorientierung

Indem Sie sich – wie oben – in die Lage von ermahnten Menschen versetzen, werden Sie versuchen, die Säumigen nicht unter Druck zu setzen. Sie tun gut daran, die bislang oder wiederholt nicht erfüllten Erwartungen und die dadurch eigetretenen Folgen sachlich zu beschreiben, aber nicht vorwurfsvoll. Es geht Ihnen um eine Lösung des Problems, die der Säumige mittragen kann. Er sollte sich in einer vereinbarten Bedenkzeit Gedanken dazu machen, auf welche Weise er dazu beitragen kann und will, die entstandenen Probleme zu lindern und künftigen vorzubeugen.

Dieselbe Bedenkzeit sollten Sie auch für sich nutzen, indem Sie überlegen, welche Rahmenbedingungen Sie so ändern können, dass sie leichter und besser erfüllt werden können.

Lohnende Nachsicht

Indem Sie für andere Verantwortung übernommen haben, sollten Sie gegenüber deren Unvollkommenheit auch Nachsicht üben. Lassen Sie [4] Fehler anderer ebenso als Lerngelegenheiten gelten wie Ihre eigenen für sich. Vielleicht gibt Ihnen das Beispiel eines Konzernchefs zu denken, das ich in [5] "Schule brauchen gute Lehrer" zitiert habe:

coins 1857222 150Zum Konzernchef wurde ein Manager gerufen, nachdem er mehrere Millionen Dollar "in den Sand gesetzt" hatte. Kleinlaut räumte er ein, nun um seine Entlassung bitten zu müssen. Der Konzernchef entgegnete: "Wieso entlassen? Ich werde Sie doch nicht entlassen, wo ich gerade ein paar Millionen Dollar in Ihre Ausbildung investiert habe." -
Sie können sich vorstellen, wie der Manager darauf reagiert hat.

In Fehlern ihren Nutzen zu erkennen, ist offenbar auch ein Ausweis hoher Selbstkompetenz.

Fazit

Auch für denjenigen, der einem Säumigen Bedenkzeit einräumt, ist diese Zeit nicht verloren, sondern gewonnene Zeit. Und Nachsicht zu üben ist Ausweis von Stärke, nicht von Schwäche!


LINKS:

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https://p-j-r.de/pdf/articles/time_to_think.pdf
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[1] "Unterbrecher setzen":
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/selbstkompetenz/235-unterbrecher.html
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[2] "Konfliktlösung durch Perspektivwechsel" beschreibt die Analyse der Situation und Vorbereitung des klärenden Gesprächs:
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/selbstkompetenz/237-konfliktloesung.html
- zurück zu [2]

[3] Das Balance-Kriterium und das daraus abgeleitete Verantwortlichkeits-Kriterium werden im Kapitel "Freiheit verantworten" meines Buches "Schule des Bewusstseins" erläutert:
https://p-j-r.de/publicationes/pd-nachrichten/205-sdb-doku.html#2.16
- zurück zu [3]

[4] Aus Fehlern lernen:
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/68-aus-fehlern-lernen.html
- zurück zu [4]

[5] "Schulen brauchen gute Lehrer", Kap 1.5 "Emotionale Intelligenz", S. 67 "Anders deuten" – dokumentiert in
https://p-j-r.de/publicationes/pd-nachrichten/207-sbgl-dokumentation.html#Kap.1
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© Copyright 2019 by Peter J. Reichard -  details:
www.p-j-r.de/allgemeines/copyright.html


02 - Notwendigkeit und Nutzen Unterbrecher zu setzen

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SELBSTBEHERRSCHUNG
ist lernbar und nützlich

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Sie fühlen sich angegriffen

Sie kennen das: Eine Frechheit, eine Bosheit, eine Beleidigung, eine böse Unterstellung empört Sie. - Den Angriff auf Ihre Selbstachtung und Ihr Wohlbefinden wollen Sie abwehren - spontan, sofort, heftig und authentisch.
Zum Beispiel so: "Unverschämtheit! Das ist der Gipfel! Das nehmen Sie sofort zurück!"

Danach stellt sich bei Ihnen womöglich das Gefühl ein, sich zu Recht verteidigt zu haben, es dem Boshaften "so richtig gegeben" zu haben. Das tut gut, meinen Sie vielleicht. Aber doch wohl nur Ihnen selbst. Wie steht es um jenen und um den Eindruck, den Sie bei ihm hinterlassen? – Wir kommen darauf am Schluss dieses Kapitels zurück.

Womöglich haben Sie gelegentlich die Erfahrung gemacht, dass spontane Äußerungen sich nicht dauerhaft als glücklich erweisen. Das im Nachhinein zu bekennen fällt vielen schwer. Sie fürchten nämlich, es könnte nachteilige Urteile über ihr Verhalten nach sich ziehen. Also Schwamm drüber? Besser nicht; denn der - wenn auch zu Recht - Gedemütigte wird in seiner Bosheit auf Rache sinnen. Und Beobachter der Auseinandersetzung werden über beide Kampfhähne den Kopf schütteln.

Auf den kompetenten Umgang mit Fehlern und Kritik wird ein späteres Kapitel ausführlich eingehen. Vorab schon einmal der Hinweis auf bereits bestehende Artikel: [1] "Aus Fehlern lernen" bzw. [2] "Kritik nutzen".

Spontanreaktionen

Bekanntlich können alle Kreaturen auf Angriffe spontan mit drei Verhaltensweisen reagieren, nämlich mit Angriff, Flucht oder Totstellen.

Ein tierisch-eindrucksvolles Beispiel für Konfliktvermeidung durch Sich-totstellen und Flucht nach dem Ende der akuten Gefahr zeigt ein [3] Video-Clip von @TrendNieuws: Eine Ente duckt sich vor einem Hund auf den Boden. Ihr ist klar, dass sie sich vor dem Hund weder mit Angriff noch mit Flucht retten kann. Sie rechnet damit, dass der Hund an ihr das Interesse verliert, wenn sie sich totstellt. Das tritt genauso ein. Nachdem der Hund sich abgewandt hat, kann die Ente gefahrlos fliehen.

Für Menschen mag das Beispiel in einer Gefahrensituation wie z.B. einer Schießerei nachahmenswert sein. Bei einem boshaften Angriff auf Ihre Selbstachtung könnte hilfreich sein, "einfach" so zu tun, als beträfen Sie die Unterstellungen oder Beschimpfungen gar nicht. Solches Sich-totstellen fällt allerdings den meisten Menschen sehr schwer. Selbst wenn es Ihnen gelänge, könnte das die Angriffslust des Boshaften womöglich noch weiter steigern.

Also den Boshaften einfach stehen lassen und selbst weggehen? Schön, wenn der Ihnen dann nicht nachstellt. Aber sicher ist das auch nicht.

Sollte der Boshafte so weit gehen, sich bedrohlich und sprunghaft zu nähern, könnten Sie das zulassen und in letzter Sekunde mit einem Schritt zur Seite ausweichen. Auch das will geübt sein und wird nicht in jedem Fall gelingen. Wenn es gelingt, fällt der Angreifer womöglich hin. Das mag Sie mit Genugtuung erfüllen. Aber der Aggressor wird vermutlich umso wütender. -

Alle beschriebenen Spontanreaktionen gehen also mit dem Risiko des Scheiterns und der Eskalation einher. Was also bleibt außer Angriff, Flucht oder Sich-totstellen übrig? Vor einer Antwort darauf ein Blick auf die „Schaltzentrale“ für das Verhalten in Gefahrensituationen, das menschliche Gehirn.

Spontanes Verhalten

Die Entscheidung zwischen den drei Optionen (Gegen-) Angriff, Flucht oder Sich-totstellen geschieht unbewusst und in Sekundenbruchteilen in einem Bereich des Gehirns, der keiner rationalen Kontrolle unterliegt.


Schnitt durch das menschliche Gehirn  (Abbildung von www.goodair.ch)

Die Amygdala ("Mandelkern", rot) bewertet die Wahrnehmung durch Abgleich mit dem benachbarten Hippocampus (als Erinnerungszentrum, blau) und löst bei erkannter Gefahr im nahen Hypothalamus (oberhalb der Amygdala, unterhalb des Thalamus) die Ausschüttung der Nervenbotenstoffe für das Bewegungszentrum aus. Der Gesamtvorgang benötigt nicht mehr als einige hundert Millisekunden. Das rettet Sie z.B. vor einem auf Sie zufahrenden PKW durch einen schnellen Sprung zur Seite.

Bei den oben dargestellten Reaktionsweisen auf eine Gefahrensituation würden Sie sich eben dieses „kurzen Schaltweges“ bedienen. Allerdings hat die sekundenschnelle, nicht rational kontrollierte Reaktion den Nachteil zu misslingen oder zur Eskalation des Konflikts zu führen.

Kontrolliertes Verhalten

Gesunde Menschen sind aber offenkundig auch in der Lage, wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen, bei der Für und Wider im Hinblick auf absehbare Folgen abgewogen werden. Solche Abwägungen leistet der präfrontale Cortex ("Stirnlappen") des Gehirns. Aufgrund seines Abstands von den Sinnesorganen und zu Amygdala und Hippocampus benötigen die Deutung und Bewertung der Situation, die Folgenabschätzung und die willkürliche Auslösung der gewählten Verhaltensweise erheblich mehr Zeit als die Spontanreaktion. Qualität und Schnelligkeit Ihrer Entscheidung über das eigene Verhalten sind also gegenläufig. Zu klären bleibt, wie man bei Gefahr eine kontrollierte Verhaltensentscheidung überhaupt ermöglichen kann.

Unterbrecher setzen

Verzweifelte, unter Ängsten leidende Patienten fühlen sich nicht imstande, ihr Verhalten selbst zu steuern. Um solche emotionalen Selbstblockaden aufzulösen, kommt erfolgreich eine Methode zum Einsatz, die den Patienten „dissoziiert“, das heißt, ihn aus seinem aktuellen Zustand entführt. Der Therapeut setzt einen Separator ("Unterbrecher"), indem er mit einer Frage oder einem Auftrag die Aufmerksamkeit des Patienten auf einen Gegenstand oder Vorgang richtet, der mit dem behandlungsbedürftigen Zustand in keinerlei Zusammenhang steht, so z.B. mit der Frage „Wie spät mag es jetzt sein?“ 

Unterbrecher-SchaltbildDie Abbildung links stellt einen elektrischen Schaltkontakt dar, der sich – wie durch den Pfeil angedeutet – öffnet, also den zuvor geschlossenen Stromkreis unterbricht. Sie symbolisiert den Vorgang des Unterbrecher-Setzens in sinnfälliger Weise. Der emotionale „Strom“ spontanen Reaktionseifers oder anhaltender Selbstblockade soll willentlich unterbrochen werden, um den „Umweg“ über die Vernunftinstanz zu eröffnen.

Innehalten

Stoppuhr zeigt 7 Sekunden

Auch ohne Gegenwart eines Therapeuten lässt sich das Unterbrecher-Setzen als Methode zur Selbststeuerung anwenden. Sie besteht darin, zu einer emotional bewegenden Wahrnehmung erst einmal wenigstens sieben Sekunden keine Reaktion zuzulassen.

Warum 7 Sekunden:
Diese Zeit genügt dem menschlichen Gehirn,

  • um die Lage bewusst wahrzunehmen,
  • um die erfolgte Wahrnehmung einer Kontrolle durch den Stirnlappen (Präfrontaler Cortex) zu unterwerfen und
  • damit zu beginnen, nach einer möglichst günstigen Lösung zu suchen.

Mehr Zeit führt also zu besseren Entscheidungen.

7 Sekunden innezuhalten ist allerdings nicht nur ungewohnt, sondern auch schwer. Die Willensanstrengung gelingt erst durch Einübung, indem man sie wiederholt mit dem selbstsuggestiven, unausgesprochenen Auftrag verbindet: "Halt inne!".

Der Selbstauftrag lässt sich mit einer individuell wählbaren Geste verstärken. Das kann z.B. ein indifferentes Lächeln sein. Aber Vorsicht: Üben Sie das vor dem Spiegel oder einer Selfie-Kamera, damit es weder aggressiv noch hämisch, überlegen oder abweisend wirkt. Auch ein vertrauter Mitmensch kann Ihnen dabei behilflich sein, indifferent lächeln zu lernen.

Indifferentes Lächeln ist immer dann hilfreich, wenn Sie Zeit gewinnen wollen, um eine Aussage oder Situation skeptisch zu prüfen. Bei ihrem Gegenüber kann ihr Lächeln womöglich sogar Verunsicherung auslösen.

Mit der Aussage "Ich brauche etwas Zeit zum Nachdenken" entspannen Sie die Situation.

Einem kundigen Gegenüber machen Sie damit auch deutlich, dass Sie gerade dabei sind, die "schnelle Umgehungsstraße" (Amygdala - Hippocampus) zugunsten des "Umwegs" über den präfrontalen Cortex zu unterbrechen.

Immer nur Lächeln?

Dem Schauspieler Charly Chaplin (1889 – 1977) schreibt man den Spruch zu:

"Wenn du jemanden ohne ein Lächeln siehst:
Schenk ihm deins!
"

Man nennt dem entsprechend ein freundliches Lächeln auch "entwaffnend". Es ist imstande, einem Konflikt die Spitze zu nehmen, indem es ohne Worte ausdrückt: "Ich bin dir nicht böse und möchte gut mit dir auskommen."  Menschen mit Charme und Charisma sind Meister in der Kunst, gewinnend zu lächeln. Wem diese Merkmale nicht in die Wiege gelegt sind, kann sich wenigstens vornehmen, statt eines indifferenten sogar ein freundliches Lächeln zu üben und anzuwenden.

Natürlich gibt es Situationen – z.B. in Verbindung mit einem Trauerfall – in denen Lächeln unpassend wäre. Hier kann ein ganz neutraler Gesichtsausdruck in Verbindung mit "Lassen Sie mich bitte einen Moment nachdenken" ebenso hilfreich wie angemessen sein. Wenn Sie weder lächeln noch etwas sagen mögen, können Sie auch irgendeine andere Handlung wie z.B. das gerade Ausrichten der linken Handfläche mit der Selbstsuggestion "Halt inne!" verbinden, um sie zu "ankern". So nennen Kenner von NLP die Herstellung einer Verbindung zwischen einer inneren Haltung mit einer äußeren Handlung. Zugrunde liegt die Erfahrung, dass eine eingeübte äußere Handlung die zugeordnete innere Haltung leichter und sicherer einzunehmen ermöglicht.

Zur Einübung des "Unterbrecher-Setzens" eignen sich vorzüglich Rollenspiele mit zwei oder mehreren Teilnehmern. Das ist in Übung 4 meines Buches [4] "Schulen brauchen gute Lehrer" näher ausgeführt.

Suche nach einer Lösung

Mit der bewussten Wahrnehmung der Situation geht schon deren intuitive Deutung einher. Diese Deutung muss man sich ebenfalls bewusst machen und sie zudem skeptisch prüfen. Die skeptische Prüfung können Sie ebenso wirkungsvoll wie einfach einleiten, indem Sie sich unausgesprochen die simple Ein-Wort-Frage: "Wirklich?" stellen. "Welche anderen Deutungsmöglichkeiten sind möglich?" leitet einen Perspektivwechsel ein. Der wiederum mündet in die Frage "Welche Handlungsweisen eröffnen sich mir dadurch?" sowie schließlich "Welche Handlung ist für mich, mein Gegenüber und die Sache an sich - jetzt und künftig - am besten?".

Diese Lösungssuche ist ein komplexer Vorgang, der ausreichende Bedenkzeit braucht. Davon handelt der Artikel  [5] "Bedenkzeit für bessere Lösungen".

Erfolg

Schon mit dem geäußerten Wunsch nach ausreichender Bedenkzeit wird ihr Gegenüber Sie als bedächtig reagierend und selbstbeherrscht wahrnehmen. Dadurch erlangen Sie schon einen Achtungserfolg für sich. Der ist eine gute Voraussetzung für die Akzeptanz eines wohlüberlegten Lösungsvorschlags. Damit ist bereits deutlich mehr gewonnen, als wenn Sie es dem Gegenüber einfach nur "gegeben" hätten, nicht wahr?


LINKS

union jack icon von pixabay  Englischsprachige Version:

https://p-j-r.de/pdf/articles/interrupter.pdf
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[1] Aus Fehlern lernen:
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/68-aus-fehlern-lernen.html
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[2] Kritik nutzen:
https://p-j-r.de/publicationes/wissen/psychologie/155-kritik-nutzen.html
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[3] Video von @TrendNieuws auf Facebook:
https://www.facebook.com/TrendNieuws/videos/2234601033452274/
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[4] Peter Denker, "Schulen brauchen gute Lehrer":
https://p-j-r.de/publicationes/pd-nachrichten/207-sbgl-dokumentation.html
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[5] "Bedenkzeit für bessere Lösungen":
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/selbstkompetenz/236-bedenkzeit.html:
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© Copyright 2019 by Peter J. Reichard -  details:
www.p-j-r.de/allgemeines/copyright.html


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