Christliche Oekumene

Bedeutung von Ostern

 

Die Auferstehung Jesu Christi

Die vorliegende Schilderung der [1] Karwoche hat zu jedem Tag - von [2] Palmsonntag an - den neutestamentlichen Bezugsrahmen aufgewiesen und eine persönlichen Sinndeutung hinzugegeben. Zum Osterfest selbst hat der Autor 2009 eine [3]  Andacht am Ostermorgen beschrieben und sie in einem [4] Dialog mit seiner Enkelin erläutert. Die dabei bis 2013 verbliebene Lücke schließt der folgende Beitrag, der die Profezeiungen der Auferstehung und deren Erfülliung skizziert sowie für deren Würdigung in Kunst, Musik und mit liturgischen Osterfeiern Beispiele aufzeigt.

Die Auferstehung im Neuen Testament

Ankündigungen

Nachdem Jesus einen Blinden geheilt hatte (Mt 12, 22), verlangten die Schriftgelehrten und Pharisäer nach einem Zeichen, das ihn legitimiere. Jesus entgegnete darauf, es werde kein anderes Zeichen geben als das des Propheten Jonas; denn so wie der nach drei Tagen im Walfischbauch auf die Erde zurückkehrte, werde es sich mit ihm selbst nach drei Tagen unter der Erde verhalten (Mt 12, 40; andeutungsweise auch bei Lk 11, 29).

In Cäsarea Philippi fragte Jesus die Jünger, für wen die Menschen und sie, sie Jünger, ihn, Jesus, hielten. Darauf antwortete Petrus, Jesus sei der Messias (Mk 8, 29). Daraufhin beschrieb Jesus ihnen den ihm bevorstehenden Leidensweg, an dessen Ende er hingerichtet und am dritten Tag auferstehen werde (Mk 8, 31, Mt 16, 21 und Lk 9, 22).

Auf dem Weg nach Jerusalem erklärte Jesus seinen Jüngern erneut, was ihm dort bevorstehe: Die Hohepriester und Schriftgelehrten werden ihn da zum Tod verurteilen und den Heiden zu Spott, Geißelung und Kreuzigung ausliefern. Am dritten Tag aber werde er auferstehen (Mt 20, 18, Mk 10, 33f. und Lk 18, 32f.).

Bei der Tempelreinigung am [5] Montag der Leidenswoche hatten am Tempel in Jerusalem dort versammelte Juden von Christus eine Rechtfertigung für sein Vorgehen gegen die dortigen Händler und Geldwechsler verlangt (Joh 2, 18-22). Daraufhin sagte er auf sich weisend:

"Macht diesen Tempel zunichte,
so werde ich ihn innerhalb von drei Tagen wieder aufrichten."

Die Fragesteller betrachteten das als abwegig und provokant. Und die Jünger begriffen erst nach der Auferstehung Christi, was er damit gemeint hatte.

Die Frauen am leeren Grab

Sowenig die Jünger diese Andeutungen in ihrem Bewusstsein hatten, so wenig die Frauen, die das Grab Jesu am frühen Morgen nach dem [6] Passah-Sabbat aufsuchten, um Jesu Leichnam einzubalsamieren. Unter ihnen war Maria Magdalena, die Jesus zum Entsetzen der Jünger schon am [7] Karmittwoch mit Nardenöl gesalbt hatte (Mk 14, 3-9, Mt 26, 6-13, Lk 7, 36-50 und Joh 12, 1-8). Der große Stein, mit dem die Gruft verschlossen war, war zum Erstaunen der Frauen beiseite gerollt (Mk 16, 1-4, Mt 28, 1, Lk 24, 1-2 und Joh 20, 1). Sie betraten das Grab, um darin dem Leichnam die Ehrerbietung zu erweisen, mit der sie ihre Trauer ausdrücken wollten, wie es der Tradition entsprach.

Die Botschaft der Engel

Zum Entsetzen der Frauen waren in der Gruft nur die leeren Tücher und Binden, die Joseph von Arimathäa für den Leichnam bereitgestellt hatte (Mk 15, 43-46, Mt 27, 57-59, Lk 23, 50-53, Joh 19, 38-40 und 20, 5). Ihr Schrecken wird noch größer angesichts eines Jünglings in langem, strahlend weißem Gewand, der neben den Tüchern saß. Seine Worte "Seid ohne Furcht" erinnern an dieselben Worten der Engel auf dem Feld bei den Hirten an [8] Weihnachten.

Mit der Frage "Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?", ruft der Engel (nach Lk 24, 5 einer von zweien) den Frauen die Ankündigungen Jesu ins Bewusstsein. Der von den Toten Auferstandene werde ihnen in Galiläa begegnen. Das sollten sie Petrus und den übrigen Jüngern ausrichten.

Nach Markus (Mk 16, 8) flohen die Frauen in panischem Entsetzen und wollten niemand etwas darüber sagen. Nach Lukas (Lk 24, 9f.) berichteten sie es den Aposteln, die es nicht glauben wollten. Und nach Johannes (Joh 20, 2-10) veranlassten Sie Petrus und Johannes, sich davon zu überzeugen. Am deutlichsten berichtet Matthäus (Mt 28, 8) über die gemischten Gefühle der Frauen: "Sie eilten von der Gruft hinweg mit Furcht und großer Freude und liefen, um es den Jüngern zu verkünden".

Die Erscheinung des Auferstandenen

Nur Matthäus berichtet (Mt 28, 9f.), dass Jesus den Frauen sogleich begegnet sei und sie gegrüßt habe - wie eine Belohnung für die Wandlung ihrer Furcht in Freude und ihrer Ungewissheit in Glauben. Die Frauen haben sich vor ihm zu Boden geworfen und voll Ehrfurcht seine Füße ergriffen. Und Jesus selbst bestätigt ihnen gegenüber die Ankündigung des Engels, er werde seinen Brüdern in Galiläa begegnen.

Dies ist die einzige Erscheinung des Auferstandenen an diesem dritten Tag nach seiner Kreuzigung, von der das neue Testament berichtet. So ist österliche Freude zunächst den Frauen geschenkt, die ihm die Totenehre erweisen wollten.

Einige Jünger, unter ihnen Petrus, eilten den Aussagen der Frauen folgend am gleichen Tags zur Gruft, um dort nachzuschauen. Da aber erschien ihnen weder ein Engel noch der Auferstandene selbst. So hielten sich die Zweifel der Jünger, bis einige ihm auf dem Weg nach [9] Emmaus und danach alle in Galiläa tatsächlich begegneten. Der Apostel Thomas gab seine Zweifel erst an dem Tag auf, als sich die Jünger aus Frucht vor den Juden zum zweiten Mal hinter verschlossenen Türen trafen (Joh 20, 26-29) und der Auferstandene dann trotzdem wieder bei ihnen eintrat und dann Thomas erlaubte, seine Wundmale zu berühren.

Der verklärte Leib

Das Geheimnis der Durchdringung verschlossener Türen wird verständlich, indem der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief erklärt, dass Christus als "Erstling der Entschlafenen" (1Kor 15, 20) mit seiner Auferstehung einen "geistigen Leib" (1Kor 15, 44) angenommen hat. Dessen Erscheinungsweise lässt den natürlichen Leib offenbar wiedererkennen.

Als blendende Lichtgestalt ist Christus dem Paulus bei dessen Bekehrungserlebnis auf dem Berg Tabor erschienen. Diese besondere Erscheinungsweise gleicht der auf dem Berg der Verklärung (Mt 17, 1-9). Dort bringt Jesus selbst sie in Zusammenhang mit seiner Auferstehung: Daran sollten die Jünger sich erinnern und dann erst dürften sie davon berichten, wie sie ihn "verklärt mit einem Angesicht wie die Sonne und Kleidern weiß wie Licht" wahrgenommen hätten. Das Johannesevangelium (Joh 16, 14) berichtet, dass Jesus selbst gesagt hat, er werde (bei seiner Auferstehung) "verklärt".

Auferstehung in Kunst und Musik

Die Auferstehung Christi in der Gestalt des verklärten Leibes beflügeln viele Künstler zu eigenen Interpretationen der hierdurch in ihnen inspirierten Vorstellungen. Im folgenden dafür ein bildhaftes und zwei musikalische Beispiele.

Ein Bild


"Auferstehung" von Gerda Dittmann, Foto von Peter J. Reichard

Die verklärte Gestalt Christi steht in weißem Gewand vor der gleißenden Sonne über den Bergen um Jerusalem - mit den leeren Kreuzen auf Golgatha rechts und der Grabesgruft links, aus der den Frauen ein engelhaft heller Schein entgegen leuchtet. Die Armhaltung der Lichtgestalt mag andeuten, dass durch sie die Fülle des himmlischen Lichts nun der Erde geschenkt ist.

Zwei Kompositionen

In besonders beeindruckender Weise verleihen zwei Komponisten der Auferstehung Ausdruck, nämlich

  • Johannes Brahms in seinem "Deutschen Requiem" op. 45 im 6. Satz
    und
  • Gustav Mahler in seiner 2. Sinfonie c-Moll, mit dem häufig verwendeten, aber nicht von Mahler selbst stammenden Beinamen "Auferstehungssinfonie" im 5. Satz.

Im [A] Deutschen Requiem deutet der Solo-Bariton im 6. Satz mit den Worten des Paulus "Siehe ich sage euch ein Geheimnis" (in [A] ab 47:54) das bevorstehende Ereignis an. Beim Übergang von Takt 64 zu 65 nach dem Text "… wir werden alle verwandelt werden; und dasselbige plötzlich, in einem Augenblick" (in [A] ab bei 49:25) hält die Musik für die Dauer von drei Vierteln inne, ihr Fortgang wird unterbrochen, es stockt der Atem. Sprachlosigkeit ist die natürliche menschliche Reaktion beim Erleben von Ungeheuerlichem. Wenn nach dieser unerwarteten Zäsur dann mit dem Text "… zu der Zeit der letzten Posaune" der Klang der Posaunen mit beeindruckender Kraftfülle ertönt, dann hat die Vision von der Auferstehung musikalische Gestalt angenommen. Dann kann der Chor als Vertreter aller Menschen, deren Heil die Auferstehung gilt, mit Paulus jubelnd feststellen: "Der Tod ist verschlungen in den Sieg, Tod, wo ist dein Stachel". Mit Lob und Dank beschließt eine gewaltige Fuge den Satz mit den Worten aus der Offenbarung des Johannes (Apk 4, 11): "Herr, du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft, denn du hast alle Dinge erschaffen, und durch deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen".

Mahlers [B] 2. Sinfonie hat ihren Beinamen nach dem Chorsatz im 5. Satz der Sinfonie auf den Text von Friedrich Gottlieb Klopstock "Auferstehen, ja auferstehen wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh" (in [B] ab 1:13:20). - Ebenso wie bei Brahms macht auch hier die Musik eine Pause. Dieses Innehalten ist erfüllt vom Unaussprechlichen, nämlich der Auferstehung selbst. Danach ist nichts mehr wie zuvor. Bei Mahler geschieht dieses Andere durch einen kompositorisch geradezu genialen Klangfarbenwechsel: Der Orchesterklang wechselt in den Chorklang! Wenn ein sehr großer gemischter Chor im Pianissimo mit dem Vokal "a" - von Aufersteh'n - anhebt zu singen, quasi nur gehaucht, dann kann die akustische Wahrnehmung ein überwältigendes Seelenerlebnis davon auslösen, wie der "geistige Leib" sich zu regen begonnen hat. Mahler selbst hat (gegenüber Natalie Bauer-Lechner) den Stimmungswechsel in seiner 2. Sinfonie so beschrieben:

"Während die ersten Sätze erzählend sind, ist der letzte episch:
Hier ist alles Geschehen!"
.

Wie Mahler hat auch Brahms die Auferstehung als ein Geschehen erlebbar gemacht, das den Zuhörer in der unüberhörbaren Pause den Atem anhalten lässt und ihm vor Staunen die Sprache verschlägt. Man verstummt.

Ostern: Sieg der Freude über die Trauer

Über seinen Tod und die Auferstehung hat Jesus - so in Joh 16, 20 - vorausgesagt:
"Die Welt wird sich freuen, während ihr noch traurig seid; aber auch eure Traurigkeit wird sich in Freude wandeln."

Ostern erkennt man in seiner ganzen Tragweite eben erst im Nachhinein, so wie der Sinn von Leid sich nicht schon während des Leidens erschließt, sondern - wenn überhaupt - erst rückblickend aus genügend großer innerer und zeitlicher Distanz.

Die heutigen Christen haben zu Karwoche und Auferstehung eine beträchtliche zeitliche Distanz und wissen, welches Glaubensgeschenk von dem zunächst unglaublich anmutenden Ereignis der Auferstehung Christi ausgegangen ist: Nicht nur Jesus Christus hat den Tod überwunden, sondern jeder kann mit dem Glauben an die Auferstehung sicher sein, dass der Tod nur das Ende des natürlichen Lebens markiert, aber zugleich den Anfang des Lebens in der 'geistigen Welt'.

Das vergängliche Saatkorn ist der Keim neuen Lebens, so sagt es Jesus (Joh 12, 24) und so bekräftig es Paulus (1Kor 15, 36). Die Unsterblichkeit der Seele, nach der Platon im Dialog "Phaidon" ahnend suchte, hat in der Unvergänglichkeit des Lebens in christlicher Überzeugung ihre Wirklichkeit gefunden. Der "Tod hat seinen Stachel verloren" (1Kor 15, 55): Das Sterben mag ja zu fürchten sein, so wie Christus sein Sterben qualvoll durchlitten hat. Aber der Tod ist zwar das Ende allen Leidens, jedoch eben nicht das Ende des ganzen Lebens. Vielmehr ist der Tod seither der Beginn eines neuen, unvergänglichen Lebens in der geistigen Welt: Welche Verheißung, welche Freude!

Ausdruck der Osterfreude

Liturgie

Die Kirchen haben der unsäglichen Freude der Osterbotschaft in der Liturgie zu Ostern Ausdruck verliehen. Die Osterliturgie der katholischen Kirche beispielsweise lässt diese Freude in der Osternacht nach dreitägigem Schweigen der Orgel im festlichen Gloria eindrucksvoll erklingen. Schon das gesungene 'Lumen Christi' beim Eintritt in den Kirchenraum verkündet den Sieg des Lichtes über die Finsternis. Die am Osterfeuer aus den trockenen Palmzweigen entzündete Osterkerze als Sinnbild des verklärten Leibes Christi symbolisiert mir ihrem Schein seine lichthafte Gegenwart über das ganze Kirchenjahr und insbesondere bei jeder Taufe. Die katholische Liturgie der Osternacht gibt so der Freude über das Ewige Leben in geradezu mitreißender Weise Ausdruck.

Gemeinschaft

Ein Erlebnis der orthodoxen Osternachtfeier in Korfu 1961 hat sich dem Autor unvergesslich eingeprägt: Von der überdachten, säulengetragenen Kultstätte mitten auf der großen Esplanade breitete sich das Licht von der dortigen Osterkerze Reihe um Reihe in konzentrischen Kreisen schließlich über den ganzen großen Platz aus. Ungesäuertes Brot und ein gekochtes Ei bekam hernach auch jeder Gast von seinem Gastgeber zum Geschenk mit den Worten "Christos anesti", d.h. "Christus ist auferstanden", und gab zur Antwort "Alithos anesti", d.h. "Ja, er ist wirklich auferstanden". So war zu spüren: Osterfreude breitet sich aus und verbindet!

Andacht

Das Erlebnis österlicher Freude beim Aufsuchen einer Quelle, deren unaufhörlich frisch strömendes Wasser das Leben und seine Unvergänglichkeit versinnbildlicht, beschreibt der Aufsatz ‹3› "Sonnenaufgang am Ostermorgen".


LINKS:

[1] Essay Die Karwoche:
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/89-karwoche.html -
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[2] Essay Palmsonntag:
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/90-palmsonntag.html -
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[3] Essay Sonnenaufgang am Ostermorgen:
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/88-ostermorgen.html -
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[4] Essay Osterandacht verstehen:
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/156-ostern.html -
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[5] Essay Karmontag:
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/91-karmontag.html -
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[6] Essay Karsamstag:
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/96-karsamstag.html -
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[7] Essay Karmittwoch:
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/93-karmittwoch.html -
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[8] Essay Bedeutung von Weihnachten:
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/105-weihnachten.html -
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[9] Essay Auf dem Weg nach Emmaus:
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/97-emmaus.html -
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[A] Johannes Brahms, Ein Deutsches Requiem op. 45 :
www.youtube.com/watch?v=dJelOS-fjrY
© Danmarks Radio - Sinfonieorchester und Konzertchor, Leitung: Herbert Blomstedt
Solisten: Camilla Tilling (Sopran),Peter Mattei (Bariton)
Satz 2 Teil II ab 18:18, Satz 6 "Siehe, ich sage euch ein Geheimnis" ab 47:54.
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[B] Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 2 in d-Moll:
www.youtube.com/watch?v=sHsFIv8VA7w
© Royal Concertgebouw Orchestra, Leitung: Mariss Jansons
Solisten: Ricarda Merbeth (Sopran), Bernarda Fink (Mezzosopran)
Satz 6 "Auferstehn, ja auferstehn ..." ab 1:13:20
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Osterandacht verstehen

Ein Dialog über die Frage
"Warum gehst du am Ostermorgen zu einer Quelle?"

Meine Enkelin Katlin hat die [1] Beschreibung der Andacht am Ostermorgen gelesen und bekundet offen, sie verstehe den Sinn des Ganzen nicht. Nachfolgend unser Dialog:

Warum zu einer Quelle, Opa Peter?

Meine liebe Katlin, du kennst den Kreislauf des Wassers, den die Sonnenwärme in Gang hält: Sie macht, dass Wasser über dem Meer verdunstet, das sich in Wolken sammelt, die der Wind über die Erde schiebt und aus denen es regnet. Der Regen nährt die Erde und versickert. Erdschichten reinigen das Wasser, das in Quellen sauber und frisch zu Tage tritt und über Bäche und Flüsse zum Meer zurückfließt. Wie mit dem Kreislauf des Wassers, ist es auch mit dem menschlichen Leben. Es hört nicht auf, wenn der Körper eines Verstorbenen in die Erde gelegt ist, sondern seine Seele lebt weiter. Vergleichbar dem Wasser aus der Erdentiefe, das an der Quelle wieder zutage kommt, hat Jesus Christus mit seiner Auferstehung an Ostern wieder Gestalt angenommen. Darum nennt man die Quelle ein Sinnbild für die Auferstehung und für die Unvergänglichkeit des Lebens.

Woher weißt du das?

Geahnt haben das manche Menschen immer schon. Gewissheit ist es geworden, als Jesus Christus nach seiner Hinrichtung und Grablegung am Ostermorgen nicht mehr in seinem Grab gelegen hat, sondern Menschen begegnet ist. Er ist ihnen in einer Gestalt erschienen, die sie sehen und wiedererkennen konnten. Die Gestalt heißt in der Bibel »verklärter Leib«. So ein Leib besteht nicht aus Materie, ist aber sichtbar und kann mit den Menschen reden. So haben ihn am Ostermorgen Menschen erlebt, die sein Grab trauernd aufsuchten. Jesus Christus hatte es ihnen vor seinem Tod versprochen. Damals konnten sie es kaum glauben. Am Ostermorgen aber haben sie es erlebt. Und sie waren darüber zuerst sehr erschrocken und aufgeregt über das Erlebnis: "Jesus Christus lebt, er ist wahrhaftig auferstanden!". Das löste bei seinen Jüngern jubelnde Freude aus.

Warum vor Sonnenaufgang?

Der täglich wiederkehrende Aufgang der Sonne hat auch eine sinnbildliche Bedeutung: Nach der dem Tod verwandten nächtlichen Dunkelheit, geht am Morgen wieder die lebensspendende, wärmende Sonne auf. Der Sonnenaufgang an Ostern ist nicht nur Zeitpunkt der Auferstehung von Jesus Christus, sondern auch Sinnbild für die Auferstehung der Toten, die Christus den Menschen versprochen hat. Der Sonnenaufgang schenkt uns also nicht nur jeden neuen Tag. Er schenkt uns auch die Gewissheit, dass wir am Lebensende nicht in der Dunkelheit des Todes bleiben. Wie Jesus Christus werden auch wir nach dem Tod in »verklärtem Leib« neues Licht geschenkt bekommen. Wer also vor Sonnenaufgang am Ostermorgen zu einer Quelle geht, möchte diesen bedeutenden Augenblick nicht verpassen. Denn dieser Sonnenaufgang ist es, der an das Geschehen und an das Versprechen von Jesus Christus erinnert, wie kein anderer.

Warum zu Fuß dorthin?

Beim Zufußgehen können einem viele Gedanken kommen. Darum unternimmt man auch jede Wallfahrt nach Möglichkeit zu Fuß. Das Sich-auf-den-Weg-machen ist nämlich nicht nur eine Art der Fortbewegung des Körpers. Auch Gedanken wandern mit. Wenn du dich mit bedächtigen Schritten an etwas annäherst, kommst du gut dort an. Das verlangt meist eine kleine Anstrengung. Die belohnt dich mit dem Gefühl der Zufriedenheit, wenn du sie geschafft hast. Sich österliches Quellwasser kommen zu lassen, hätte nicht die gleiche Wirkung, wie es selbst an der Quelle zu schöpfen. Das wirst du erleben, wenn du mitkommst.

Was ist eine Wallfahrt?

Es ist eine Reise zu einem besonderen, schon verstorbenen Menschen, den viele Menschen verehren und liebhaben. Indem man sein Grab oder den Ort aufsucht, an dem er gelebt hat, werden Erinnerungen an ihn lebendig, die in Berichten über sein Wirken überliefert sind. Pilger erleben bei ihrer Wallfahrt, dass sie dem so Verehrten in ihren Gedanken immer näher kommen. Sie können sein Denken und Wirken im Laufe der Wallfahrt immer besser verstehen. Am Ziel der Wallfahrt empfinden deswegen viele Pilger Freude und fühlen sich gestärkt. Manche erleben dann sogar ihre Heilung von Krankheit oder Leid.

Warum geht man zusammen mit andern?

Du weißt ja, liebe Katlin, was man gemeinsam unternimmt, macht mehr Freude. Bei Unternehmungen, die mit dem Glauben an Jesus Christus zu tun haben, gibt es darüber hinaus etwas Besonderes. Denn er hat den Menschen versprochen: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen". So lebt der Glaube vor allem in der Gemeinschaft von Menschen. Er verbindet sie. Der Gang zur Osterquelle verbindet also die Menschen, die ihn gemeinsam unternehmen, auch zu einer Gemeinschaft. Diese Pilger wollen sich an Tod und Auferstehung von Jesus Christus erinnern. Am Ziel ihrer kleinen Wallfahrt wünschen sie sich, wieder zu spüren, was sie längst wissen: Jesus Christus ist auch für jeden von ihnen auferstanden.

Weshalb schweigt man auf dem Weg dorthin?

Wenn wir uns der Osterquelle nähern, tun wir es eben nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit Gedanken und mit dem Herzen. Reden kann ablenken. Schweigen aber lenkt die Gedanken auf das Wichtige. Schweigen fällt uns manchmal schwer. Es ist aber eine gute Übung. Je öfter und intensiver man schweigend nachdenkt, desto mehr innere Klarheit gewinnen die Gedanken. Wer auf dem Weg zur Osterquelle schweigend über Jesus Christus nachsinnt, kommt auch mit seinem Herzen dort an.

Was erlebst du an der Osterquelle?

Wenn alle schweigend um die Quelle herumstehen, höre ich nur das Vogelgezwitscher und das Geplätscher der sprudelnden Quelle, manchmal noch fallende Regentropfen. Die Dämmerung hat abgenommen und die Sonne geht auf, es wird allmählich immer heller. Ein neuer Tag hat die Nacht überwunden. Das lebendig frische Quellwasser lädt mich ein, es zu nehmen, um seiner Bedeutung nahe zu kommen, nämlich dem Versprechen der Unvergänglichkeit des Lebens.

Warum wäschst du dir dort Hände, Ohren und Augen?

Es ist nicht, um sich äußerlich zu reinigen. Das haben wir ja schon gleich nach dem Aufstehen besorgt. Es geht jetzt darum, es seiner Bedeutung entsprechend zu mir zu nehmen. Indem Jesus Christus auferstanden ist, haben das Hören, Sehen und Handeln der Menschen eine neue Richtung gezeigt bekommen, nämlich ihn als Vorbild. Um wie er liebevoll wahrzunehmen und zu handeln, braucht man saubere Ohren, klare Augen und reine Hände. Indem wir sie in lebendigem Quellwasser reinigen, geben wir dem Wunsch Ausdruck: Wir wollen verständnisvoll zuhören, wohlwollend beobachten und beherzt handeln. Diese Vorsätze nehme ich jedes Jahr wieder von der Osterquelle mit in den Alltag.

Und warum trinkst du von dem Quellwasser?

Einerseits reinigt es die Zunge und den Mund; denn was wir sagen, will liebevoll bedacht sein, bevor wir es äußern. Andererseits reichen wir einander das Wasser zum Trinken als Zeichen der Verbundenheit mit einander und mit Jesus Christus. Manche erinnern sich dabei an ihre eigene Taufe, mit der sie von Schuld befreit und in die christliche Glaubensgemeinschaft aufgenommen worden sind. Einige denken beim gemeinsamen Trinken auch an das Abendmahl von Jesus Christus mit seinen Jüngern und verspüren den Wunsch nach seiner Nähe und seinem Segen.

Wozu wird das Osterevangelium vorgelesen?

In der Lesung des Evangeliums vergegenwärtigen wir uns Jesus Christus und das Ereignis, für das wir den Weg zur Quelle unternommen haben. Natürlich kennt es jeder schon. Aber wichtige Dinge muss man wiederholen, um sie dauerhaft im Gedächtnis zu haben, das weißt du aus der Schule. Die jährliche Wiederholung der wichtigsten Geschehnisse im Leben von Jesus Christus über das Kirchenjahr hin macht uns deren Bedeutung für das eigene Leben immer wieder aufs Neue bewusst. Das gibt uns Klarheit, Richtung und Kraft. Man sollte Ostern nicht feiern ohne zu wissen warum. Wir müssen uns selbst immer wieder daran erinnern. Sonst meinen wir am Ende womöglich, Ostern hätte nur mit dem Osterhasen oder den Ostereiern zu tun.

Haben denn die Ostereier nichts mit Ostern zu tun?

Doch, natürlich. Das Ei ist ja auch ein Symbol für neues Leben. Es passt also zu den Ostergedanken des unvergänglichen Lebens und der Auferstehung. Aber ohne inneren Bezug dazu sind Osterhasen, gekochte oder gefärbte Eier oder Schokoladenformen reine Äußerlichkeiten. Wenn Menschen solche käuflichen Sachen für Ostern halten, fehlt ihnen die Freude, die ihnen das Osterfest seiner Bedeutung nach schenken könnte.

Wozu denn Osterlied und Vaterunser an der Quelle?

Du meinst, beides gehöre in die Kirche? Gewiss auch, aber nicht ausschließlich. Zu singen, wenn man Gefühle mit einander teilt, ist eine schöne und lebendige Form, ihnen gemeinsam Ausdruck zu geben. Du wirst mitsingen mögen, wenn dir danach ums Herz ist, nicht nur in der Kirche. Mit dem Vaterunser ist es ähnlich. Das alle Bitten einschließende Gebet hat überall im Leben einen wichtigen Platz. An Ostern ist es das Preisgebet dafür, dass unser Leben nicht mit dem Tod aufhört.

Woher weißt du das alles, Opa Peter?

Oftmals habe ich schon mit Freunden am Ostermorgen den Weg zu einer Quelle so unternommen, wie ich ihn beschrieben habe. Jedes mal habe ich das als schön und kraftspendend erlebt. Indem du mich eben dazu befragt hast, ist mir vieles klarer und bewusster geworden, was ich vorher noch nicht so deutlich formuliert habe. Darum hab vielen Dank für deine Fragen, meine liebe Katlin!

Nachwort:

Beim Aufschreiben unseres Gesprächs ist mir ein Ausspruch des 1999 verstorbenen Dom Helder Camara wieder eingefallen, einem Bischof aus Brasilien, der sich mit aller Kraft für die Menschenrechte eingesetzt hat. Er hat einmal von sich gesagt:

"Jeder meiner Schritte ruft mir in Erinnerung,
dass ich - wohin ich auch gehe -
immer zur Ewigkeit unterwegs bin.
"

Passt dieser Gedanke nicht auch wunderbar zu unserem Weg zur Quelle an Ostern?


LINK:

[1] Essay "Sonnenaufgang am Ostersonntag" - Wie man Ostern an einer Quelle feiern kann:
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/88-ostermorgen.html -
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Bedeutung von Weihnachten

Ursprung und Sinn des Weihnachtsfestes

Ungefähr ein Viertel Jahr lang steigern sich vorweihnachtliche Aktivitäten mehr und mehr. Werbung in Geschäften und auf Straßen, in Zeitungen, Broschüren, im Fernsehen und Radio: Als ob Weihnachten sich darin erschöpfte, mit Geschenk- und Saisonartikeln zu handeln, oder in anderen Äußerlichkeiten. Was hat das Angebot des Weihnachts-Sortiments bei Discountern ab September noch mit Weihnachten zu tun? So entsteht jedenfalls der Eindruck, vielen Menschen sei das Bewusstsein für den Sinn und die Bedeutung von Weihnachten verloren gegangen. Dem können folgende Gedanken womöglich entgegen wirken.

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Pfingsten verstehen

'Heiliger Geist' als Zumutung und Geschenk

Das Fest Pfingsten - 50 Tage (griechisch: Pentekoste) nach Ostern - erinnert an das Geschenk des Heiligen Geistes und dessen Auswirkungen. Neben [1] Weihnachten und [2] Ostern ist es als Kirchenfest mit zwei Feiertagen im Kirchenjahr ausgezeichnet. Was hat es damit für eine Bewandtnis und welche Bedeutung kann dieses Fest der "Ausgießung des Heiligen Geistes" in der heutigen Zeit haben?

J.M.Roscher um 1735 'Die Ausgießung des Hl. Geistes' - Deckengemälde im Café am Markt in Schwäbisch Hall, Foto von Peter J. Reichard

'Die Ausgießung des Hl. Geistes' - Deckengemälde (um 1735)
im Café am Markt Schwäbisch-Hall, Foto: Peter J. Reichard

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Himmelfahrt

Hoffnung auf ein gutes Ende

Himmelfahrt ist hierzulande ein gesetzlicher Feiertag. Tatsächlich wird deutschlandweit an diesem Tag Vatertag gefeiert: Und wie! Nicht, dass man dabei den Vätern Ehre erweist. Nein, die schlagen selbst über die Stränge, als ob sie nicht Väter wären, sondern der Pubertät kaum entwachsen. Alkohol bis zum Abwinken. Die traurigste Folge drückt sich in der Tagesverkehrsopferstatistik aus: Dreimal so viele Verkehrstote wie an andern Tagen gehen an Himmelfahrt auf Alkoholkonsum zurück, Jahr für Jahr wieder. Wo bleibt unsere Verantwortung für uns selbst, für einander und für die nachwachsende Generation? Was für ein Vorbild bekommen unsere Kinder? Unverantwortlich ist solches Verhalten und zudem schamlos die Missachtung des christlichen Hochfestes. Ist es nicht überfällig, sich den ursprünglichen Sinn des Feiertags zu vergegenwärtigen?

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