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als Schlüssel zum Erfolg

 

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INHALT:


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Über das Hören

vier Ohren

Die Sinne - Teil 4-

Nach den Essays [1] "Über das Riechen" , [2] "Über das Sehen" sowie [3] "Über den Mund, die Zunge und das Schmecken" ist dieses die vierte Abhandlung der entstehenden Reihe über die Sinne als "Tore zur Außenwelt". Die unmittelbaren Sinneseindrücke bestimmen das Empfinden, das Verhalten und die Ausdrucksweise des Menschen. Stellen Sie sich einmal vor, was uns alles fehlen würde, wenn wir nicht hören könnten. Dann wird sehr schnell klar, wie wichtig dieser Wahrnehmungskanal für jeden von uns und für unser Miteinander ist. Den Nutzen des (Radio-)Hörens beschreibt der Sender "hr-info" mit seinem eingängigen Werbeslogan: "Wer's hört, hat mehr zu sagen." - Wie bei den übrigen Sinnen ist also auch beim Hören das Miteinander vielfältiger Wahrnehmungen und Deutungen eingehender Betrachtung wert.

Hören, Gehör und das Ohr

Begriffsbestimmung

  • "Hören" bezeichnet die sinnliche Wahrnehmung von Schall und die nähere Bestimmung der Schallquelle bzw. des Ereignisses, von dem Schall ausgeht. Meistens geht das Hören mit einer - teils gar nicht ganz bewussten - Bewertung des Gehörten einher, z.B.: "Das höre ich gern oder ungern, deutlich oder undeutlich, … ".
  • Unter "Gehör" versteht man einerseits die Fähigkeit zu hören, aber auch die Gelegenheit, von andern angehört zu werden oder ihnen die Gelegenheit zu bieten, sich zu äußern.
  • "Ohren" sind nicht nur die paarig angeordneten Organe des Hörens, sondern auch des Gleichgewichts. Auf Letzteres wird im Folgenden nicht weiter eingegangen.

Physiologische und neuronale Grundlagen

Das Gehör und die Verarbeitung der akustischen Signale im Gehirn beschreiben zahlreiche im Internet abrufbare Artikel, so z.B. bei [4]› Wikipedia und auf der sehr anschaulich-instruktiven Webseite [5] dasGehirn.info.

Akustische Wahrnehmungen

Hörerlebnisse von Menschen lassen sich in drei Klassen einteilen, nämlich solche, die auf messbaren Luftdruckschwankungen beruhen, solche, bei denen Training zu besonderer Hörfähigkeit verhilft, und schließlich solche, die nicht auf messbarem Schall beruhen, sondern die von Gehirnaktivitäten ausgehen. Erstere umfassen:

  • Geräusche in unserer Umgebung (z.B. Bäume rauschen im Wind, Türen schlagen zu, Bremsen quietschen, Maschinen rattern, Glocken läuten),
  • Laute von Tieren (z.B. Katzen miauen, Ziegen meckern, Kühe muhen, Pferde wiehern, Hunde bellen, Frösche quaken, Vögel zwitschern),
  • Sprache und Gesang,
  • Musik, Rhythmus, Melodie, (Dis-)Harmonie, erzeugt mit Instrumenten,
    ggf. auch übermittelt von Tonträgern über Lautsprecher oder Ähnliches.

Zur zweiten Kategorie gehören das "angeleitete Hören" und das "absolute Gehör":

  • "Angeleitetes Hören", wie es beispielsweise Musikunterricht vermitteln kann, ermöglicht differenzierteres Hören von Musik und Geräuschen.
  • Eine angeborene, aber auch erlernbare Sonderbegabung von Menschen - besonders von manchen Musikern - ist das "absolute Gehör", auch "Tongedächtnis" genannt: Es bezeichnet die Fähigkeit, jedem einzeln gehörten Ton den Notennamen zuzuordnen, ohne einen definierten Bezugston vorgespielt zu bekommen.

Zur dritten Kategorie der vom Gehirn selbst ausgehenden Hörerlebnisse zählen:

  • Musiker "hören" den Klang von Musik beim Lesen der Noten in einer Partitur.
  • Die meisten Menschen können sich nach einem Traum nicht nur an Bilder und Bewegungen erinnern, sondern auch an Geräusche und Stimmen, die sie träumend "gehört" haben.
  • Unter dem Einfluss optischer Erscheinungen - wie z.B. den Nordlichtern - "hören" manche Menschen Phonismen. Vom "Tönen" der Gestirne wie z.B. "Die Sonne tönt nach alter Weise" ist - wie schon bei den Pythagoräern - auch im "Prolog im Himmel" in Goethes Faust I die Rede.
  • Menschen mit Gehirnerkrankungen (z.B. Schizophrenie) "hören" Stimmen (akustische Halluzinationen), so auch Menschen mit erlebten Traumata oder nach Drogenkonsum.

Zweck des Hörens

Bei allen Säugetieren hat das Gehör vorrangig Gefahren oder Laute anderer Lebewesen wahrzu-nehmen. Wie andere Kreaturen kann auch der Mensch auf Gefahrensignale schreckhaft und spontan reagieren, indem solche Signale nicht erst bewusst analysiert und bewertet werden, sondern zusammen mit zugehörigen Wahrnehmungen anderer Sinnesorgane binnen Millisekunden Bewegungs- und Verhaltensimpulse im Gehirn auslösen, um der möglichen Gefahr zu entgehen.

Beim Menschen ist das Hören darüber hinaus ein Vorgang, der zur vielfältigen, akustischen Wahrnehmungen und deren Deutung befähigt, sogar noch bei [6] Komapatienten. Gesunde Menschen können ihr Gehör kultivieren und sich darüber mit anderen austauschen, also kommunizieren. Neben körpersprachlichen Signalen - Mimik und Gestik - können sie dazu ein ganzes Spektrum akustischer Signalformen einsetzen.

Solche Signale sind z.B. emotionale Laute, Sprache, Gesang und Musik sowie in bestimmter Absicht erzeugte Geräusche, wie z.B. das heftige Zuschlagen einer Tür oder das Beifallklatschen. All diese akustischen Signale lösen beim Hörer gewollt oder unbeabsichtigt Wirkungen aus, die mit den Absichten ihrer Erzeugung übereinstimmen können aber keineswegs müssen. Damit einher geht die Erkenntnis: Äußerungen sind die Quelle aller Missverständnisse und Konflikte.

Dennoch ist ihr Nutzen ungleich größer als ihre Konfliktträchtigkeit. Denn in der bewussten Analyse der Hörwahrnehmung im Vergleich zu der vom Sprechenden beabsichtigten Wirkung, liegt ein Schlüssel zu Konfliktvermeidung und Konfliktbewältigung. Dazu verhelfen Kommunikations-Techniken, die man erlernen, üben und erfolgreich anwenden kann.

Über die Kommunikation

Methoden, mit denen sich Missverständnisse und deren Folgen vorbeugen und abhelfen lässt, sind Aktives Zuhören, Perspektivwechsel und einfühlsame Sprache.

Aktives Zuhören nennt man die Methode, sich durch vorwurfsfreies Rückfragen des tatsächlich Gemeinten zu vergewissern und zugleich den Gesprächspartner die eigene, wohlwollende Aufmerksamkeit spüren zu lassen.

Perspektivwechsel nennt man die Methode, sich selbst und einander mögliche Alternativen zur spontanen Deutung eines Geschehens oder einer Äußerung erkennbar zu machen, indem man sie aus verschiedenen Blickwinkeln anschaut. Eine andere Sichtweise einzunehmen, setzt Einfühlungsvermögen voraus und erschließt mit einer Umdeutung auch andere Handlungsmöglichkeiten. Den Sachverhalt veranschaulicht ein [7] YouTube-Video.

Einfühlsame Sprache ist durch das Bemühen gekennzeichnet, dem Gesprächspartner Verständnis und Achtung entgegenzubringen, ihn also nicht durch Vorhaltungen, Vorwürfe, Anschuldigungen oder Beleidigungen zu kränken oder zu verärgern. Sie erschließt sich mittels vorausschauendem Perspektivwechsel: "Wie würde ich mich fühlen, wenn mir jemand sagt, was ich spontan sagen möchte?" Diese Frage ist ein Prüfstein für die Einfühlsamkeit der angedachten Äußerung und womöglich ein Impuls, nach einer einfühlsameren Formulierung zu suchen. Das Bemühen um einfühlsame Sprache ist eine Art, das Gebot der Nächstenliebe zu praktizieren.

Ein Kommunikationsmodell hat der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun ersonnen, das vier verschiedenen Perspektiven auf eine Äußerung (oder "Nachricht") für den Sender und für den Empfänger deutlich macht: Jede Nachricht kann demnach aus einer Sachbotschaft, einer Selbstkundgabe, einer Beziehungsbotschaft und einem Appell bestehen. Hierfür ein Beispiel:

Jemand sagt: "Es schneit". Das ist eine "Nachricht". Sie erlaubt vier Deutungen:

  1. Sachbotschaft: "Die Wege sind glatt."
  2. Selbstkundgabe-Botschaft: "Ich finde Kälte unangenehm."
  3. Beziehungsbotschaft: "Ich möchte nicht, dass du dich erkältest."
  4. Appell: "Kehre den Gehweg vor dem Haus!"

Bildhaft gesprochen - so Schulz von Thun - hat der Sprecher der Nachricht "vier Zungen" zur Verfügung. Der Empfänger der Nachricht hat dieselbe Zahl von Deutungsmöglichkeiten, im Bilde Schulz von Thuns also "vier Ohren". Das skizziert folgende [8] Abbildung:

vier Zungen und vier Ohren

Zwischen Sender und Empfänger ist die Zahl der möglichen Missverständnisse dreimal so groß wie die Zahl der möglichen Übereinstimmungen in der Deutung der Nachricht. Darum ist es wichtig, Missverständnissen auf der Empfängerseite zu vermeiden. Dazu verhilft, die "Zunge", mit der man spricht, - also die Art der "Botschaft" - durch eindeutige Formulierung klar erkennbar zu machen. Das Hören wird also umso unmissverständlicher, je deutlicher der Sprecher sich vor seinen Äußerungen bewusst macht, was genau er damit bezweckt, und wie sein Gegenüber sie vermutlich interpretiert.

Das Wortumfeld

Während "hören" den Vorgang der akustischen Wahrnehmung im Allgemeinen beschreibt, bringen damit verwandte Verben auch etwas über Intensität, Richtung oder Absicht des Hörens zum Ausdruck:

  • "Horchen", "lauschen", "hinhören", "die Ohren spitzen", "ganz Ohr sein", jemandem "Gehör schenken" oder "sein Ohr leihen" beschreiben Hörvorgänge, auf die der Hörende sich konzentriert und die ihm wichtig sind. Bei etwas "aufhorchen", etwas "zu Ohren bekommen", etwas "aufschnappen" oder "mitbekommen" drückt aus, dass etwas ohne Anstrengung eher zufällig gehört worden ist.
  • Einiges Interesse an dem Gehörten zeigt "von etwas Wind bekommen", "etwas erfahren", "etwas anhören" oder "etwas vernehmen". Bedenkliches Interesse verraten "ein Gespräch mithören" oder gar "abhören", demonstratives Desinteresse das willentliche "Weghören" oder "Überhören".
  • Das Gegenüber steht überall dort im Fokus, wo von "jemandem" die Rede ist, so auch bei "jemanden anhören", "jemandem zuhören" oder gar jemandem "aktiv zuhören".
  • "Sich etwas sagen lassen" oder gar "jemandem gehorchen" geben zu erkennen, dass das Gehörte auf das Verhalten des Hörers unmittelbaren Einfluss hat.
  • Einige Verben des Wortfeldes "Hören" sind auch mehrdeutig, so z.B.
    • "jemanden vernehmen" im Sinne von "akustisch verstehen" oder "um Erklärung oder Rechtfertigung ersuchen", und
    • "aufhören" kann bei etwas oder jemandem "aufhorchen" oder "etwas beenden" bedeuten.

Die Bibel und das Ohr

Eindrucksvolle und bedenkenswerte Aussagen über das Hören finden sich schon im Alten Testament:

  • Im Buch der Weisheit heißt es: "Des Eifrigen Ohr hört alles" (Weish. 1.10). Interesse weckt Aufmerksamkeit. Immer schon!
  • Nach Inhalt und Sprecher unterscheidet der Satz: "Es ist besser, das Schelten der Weisen als den Gesang der Narren zu hören" (Prediger 7.5). Nicht, ob eine Botschaft gefällig ist, bestimmt ihre Bedeutsamkeit, sondern ob sie aus weisem oder törichtem Munde zu Gehör kommt.
  • Die Frage Hiobs "Muss, wer lange redet, nicht auch hören?" (Hiob 11.2) richtet sich in unserer Zeit an alle, die gern viel reden, z.B. Politiker, Lehrer, Verkäufer. Und seine Aussage "Das Ohr prüft die Rede" (Hiob 34.3) mag z.B. jedem Wähler, Schüler und Käufer als Aufforderung zum Selbstschutz dienen.

Auch im Neuen Testament ist einige Male vom Hören die Rede.

  • Lukas weist darauf hin, wie wichtig ist, Gottes Worte nicht nur zu hören, sondern auch zu bewahren (Lk 11.28), sich also dem entsprechend zu verhalten.
  • Jesus selbst wird bei Markus (Mk 4.9), Matthäus (Mt 11.15, 13.9 und 13.43) sowie bei Lukas (Lk 14.35) wiederholt mit der Aussage zitiert "Wer Ohren hat zu hören, der höre!". Damit wird die Wichtigkeit der jeweils vorangehenden Äußerungen unterstrichen; das sind zwei Prophezeiungen bei Matthäus und die Gleichnisse vom Sämann (bei Markus und Matthäus) und vom verdorbenen Salz (bei Lukas). Es genügt offenbar nicht, Ohren zu haben - man muss sie auch nutzen! Leichter gesagt als getan, nicht wahr?

Aphorismen

In der [9] Literatur finden sich unzählige Aphorismen über das Hören und das Ohr. Nachfolgend eine kleine, kommentierte Auswahl:

  • Der Theologe, Psychologe und Humorforscher Thomas Holtbernd (* 1959) ergänzte das allbekannte Sprichwort "Wer nicht hören will, muss fühlen" um den Zusatz "und wer nicht fühlen will, kriegt etwas zu hören".
  • Die lapidare Feststellung "Im Alter lässt das Gehör nach" hat der Werbefachmann KarlHeinz Karius (* 1935) mit einem tröstlichen Zusatz entschärft: "Erfreulicherweise hört man zum Ausgleich manchmal wenigstens die innere Stimme etwas deutlicher."
  • Nachdenklich mach der Satz des österreichischen Autors Ernst Ferstl (* 1955), dem viele Aphorismen zu verdanken sind: "Jeder Mensch vermag uns viel mehr zu sagen, als wir zu hören imstande sind". Seine Feststellung mag auch als Aufforderung gelten, den Mitmenschen liebevoll soviel Gehör zu schenken, dass wir auch immer besser verstehen können, was sie nur andeuten.

Beim Verfassen dieses Artikels ist dem Autor selbst deutlich geworden:

  • Zuhören ist eine Kunst, deren schönstes Resultat sich in einer gelingenden zwischenmenschlichen Beziehung zeigt.

Mögen auch Sie, liebe Leser, diese Erfahrung machen!



LINKS:

[1] Essay "Über das Riechen":
www.p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/193-riechen.html -
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[2] Essay "Über das Sehen":
www.p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/195-sehen.html -
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[3] Essay "Über den Mund, die Zunge und das Schmecken":
www.p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/196-schmecken.html -
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[4] Wikipedia, "Auditive Wahrnehmung":
https://de.wikipedia.org/wiki/Auditive_Wahrnehmung -
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[5] dasGehirn.info, "Hören":
www.dasgehirn.info/wahrnehmen/hoeren/ -
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[6] Essay "Ansprechbarkeit im Koma":
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/psychologie/117-ansprechbarkeit-im-koma.html -
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[7] YouTube, "Perspektivwechsel":
https://youtu.be/kIidyJQlykk -
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[8] Peter Denker, "Schulen brauchen gute Lehrer", Kap. 1.8 "Über die Kommunikation":
www.publicationes.de/allgemeines/nachrichten/192-sbgl-dokumentation.html#Kap.1 -
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[9] Aphorismen, "Hören":
www.aphorismen.de/suche?thema=Hören -
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Über den Mund, die Zunge und das Schmecken

Die Sinne - Teil 3-

Nach den Essays [1] "Über das Riechen" und [2] "Über das Sehen" ist dieses die dritte Abhandlung der entstehenden Reihe über die Sinne als "Tore zur Außenwelt". Die unmittelbaren Sinneseindrücke bestimmen das Empfinden, das Verhalten und die Ausdrucksweise des Menschen. Das Miteinander vielfältiger Wahrnehmungen und Äußerungen wird wie bei den Augen auch beim Mund sehr deutlich.

Das Wortfeld

um Schmecken, Geschmack und den Mundraum

  • "Schmecken" bezeichnet die sinnliche Wahrnehmung des Geschmacks von etwas oder die nähere Beschreibung oder Beurteilung des Geschmacks; z.B. "Ich schmecke darin Vanille", "Das schmeckt sauer", "Es schmeckt mir gut".
  • "Schmecken" wird häufig auch im Sinne von "gefallen" gebraucht; z.B. "Dessen Meinung schmeckt mir gar nicht."
  • "Geschmack" ordnet man nicht nur Nahrungsmitteln zu, sondern auch Personen, die sich "geschmackvoll" einrichten, kleiden oder verhalten; z.B. "Sie zeigt einen guten Geschmack", "Was er sagt, ist einfach geschmacklos".
  • Ein "Geschmäckle" sagt man - nicht nur in Schwaben - einer Regelung nach, die den Anschein erweckt, demjenigen ungebührlich zu nützen, der diese Regelung erwirkt hat.
  • Indem der Mund nicht nur zum Essen und Trinken da ist, sondern auch als "Sprachrohr" dient, sind manche Formulierungen doppeldeutig; z.B. wenn jemand den "Mund sehr voll nimmt" findet man das weder beim Essen oder Trinken noch bei der Art sich zu äußern gut. Äußert sich jemand "vollmundig", tadelt man nicht, dass er mit vollem Mund redet, sondern dass übertrieben wirkt, was er sagt. Dass jemand "auf den Mund gefallen" ist, beschreibt in den seltensten Fällen die Folgen eines Sturzes, sondern meist im übertragenen Sinn, dass jener sich sprachlich nicht klar auszudrücken versteht. Wird etwas "von Mund zu Mund" verbreitet, meint das meist nicht das mütterlich vorgekaute Säuglingsessen, sondern eine Art der vertraulichen Mitteilung von Information, die nicht dokumentiert sein will und die deswegen bisweilen als nicht wahrhaftig gilt.
  • Mit den Zähnen verhält es sich ähnlich: Wer "Haare auf den Zähnen hat", ist übertrieben mitteilsam und zwar meist im Sinne übler Nachrede. Von Kritik oder Spott sagt man bisweilen, sie seien "beißend", also verletzend. Und "klappert" jemand mit den Zähnen, so mag es ein Zeichen dafür sein, dass er friert oder aber, dass er Angst hat.
  • Heißt es von der Zunge, sie sei "spitz" meint das in den seltensten Fällen deren Gestalt, sondern dass sich jemand "spitzfindig" oder gar verletzend äußert. Wenn jemand etwas "auf der Zunge liegt", hat er Schwierigkeiten, das, was er gerade meint, richtig zu benennen.
  • Die Lippen sind besonders stark durchblutet und daher auch sehr empfindlich und verletzlich. Die Stellung der Lippen gibt deutliche Hinweise auf die Stimmung des Menschen. Mit Berührung ihrer Lippen tauschen Verliebte Zärtlichkeit mit einander aus. Die Formulierung "das kommt mir nicht über die Lippen" ist eine Metapher dafür, eine Meinung so stark abzulehnen, dass man sie selbst nicht aussprechen mag.

Mund, Zunge und Geschmack haben es keineswegs nur mit seiner Nahrungsaufnahme, sondern mit dem ganzen Menschen zu tun. Über den Geschmack sagt Baltasar Morales (1601 - 1658), ein spanischer Jesuit, er lasse sich "genauso kultivieren wie der Geist". Ein schlesisches Sprichwort aus dem 18. Jahrhundert weiß: "Die Gewohnheit nimmt auch der besten Speise den Geschmack weg." Und in China ist ein Sprichwort verbreitet, dass den Einfluss der Essensmenge auf den Geschmack beschreibt: "Je mehr du isst, desto weniger Geschmack; je weniger du isst, desto mehr Geschmack."

Die sinnliche Wahrnehmung

"Schmecken" als Wahrnehmung der geschmacklichen Eigenschaften einer mit Lippen, Zunge, Gaumen, Rachenraum und Speiseröhre in Berührung kommenden Substanz ist ein Vorgang, an dem besondere Sinneszellen (Geschmacksknospen) und komplizierte Verarbeitungsprozesse im Gehirn zusammenwirken. Von Menschen mit Störung oder Ausfall der Geschmackswahrnehmung abgesehen, sind folgende Geschmacksqualitäten in unterschiedlicher Stärke und Mischung wahrnehmbar: Süß, bitter, salzig, sauer, würzig und mineralisch. Zudem besitzt der Mundraum von den Lippen an Sensoren für unterschiedliche Temperaturen und für die jeweilige Härte der im Mund befindlichen Substanz. All dies, um uns zu warnen, anzuregen und Empfindungen unterschiedlichen Wohlbefindens auszulösen.

Wie angenehm oder unangenehm Speise oder Trank empfunden werden, wird darüber hinaus sehr stark von der Geruchswahrnehmung mitbestimmt, indem ja Mund und Nase über den Rachenraum verbunden sind, in den die Luft- und die Speiseröhre einmünden. Fehlender Geruch lässt manche Nahrung fade schmecken. Gegenüber starker Kälte wie z.B. von Speiseeis sind die Zahnwurzel-Nerven besonders empfindlich, aber auch Nerven in der Nase.

Vor zu heißem Essen warnen uns schon die Lippen. Die Wahrnehmung unterschiedlicher Festigkeit von flüssig, sämig, schleimig, breiig, fest bis hart kommt zu den Geruchs- und den eigentlichen Geschmackswahrnehmungen noch hinzu. Was wir also mit dem Mund wahrnehmen, ist äußerst vielfältig und spannend.

Abhängigkeit vom Wahrnehmenden selbst und seiner Umgebung

Die Komplexität wird noch dadurch vergrößert, dass wir in unserem Urteil über den Geschmack sehr stark beeinflussbar sind. Werbung macht sich das zunutze. Die Erwartung, von der man sich beim Essen oder Trinken leiten lässt, hat erheblichen Einfluss darauf, was wir dem Geschmack nach als angenehm oder unangenehm beurteilen. Schließlich können sich alle mit diesen Wahrnehmungen einhergehenden Urteile von Mensch zu Mensch sehr stark unterscheiden, so schon die Intensität der Wahrnehmung der sechs Geschmacksqualitäten. Erst recht unterscheiden sich die Vorlieben der Menschen für Essen und Trinken: Was einem angenehm ist, kann einem andern zuwider sein, einem Dritten weder noch. Schließlich spielt dabei auch eine Rolle, was man in welcher Kombination oder Reihenfolge zu sich nimmt. Viele schätzen Rotwein zu dunklem Fleisch, Weißwein zu hellem Fleisch oder Fisch, Bier zu rustikalem Essen. Andere lehnen alkoholische Getränke strikt ab. Auch Gewohnheiten können also das Geschmacksurteil beeinflussen.

Sie kennen das: Was Ihnen am Urlaubsort besonders mundete, schmeckt mitgenommen oder nach gleichem Rezept daheim zubereitet nicht ebenso gut. Es liegt gewiss nicht an der Speise oder dem Getränk. Die Urlaubsatmosphäre und alles, was dazu gehört, haftet der Wahrnehmung als Erinnerung an, die sich daheim nicht wieder in gleicher Weise einstellt. Man ist geneigt, den mitgebrachten Wein oder das Rezept für abweichend zu erklären. Tatsächlich bleiben nur die Unterschiede des Ortes und der Stimmung. Der Autor erzählt, er habe (noch) nirgendwo sonst einen so köstlichen Kaiserstühler Gewürztraminer getrunken wie am Kaiserstuhl selbst.

Apropos Wein: Der Bericht im Johannis-Evangelium über die Hochzeit zu Kana (Joh 2, 1-11) nennt es ein Wunder. Wer bezweifelt, dass Jesus Christus es tatsächlich geschafft hat, Wasser in Wein zu verwandeln, könnte den Bericht wenigstens als eindrucksvolles Beispiel für die Beeinflussbarkeit der Geschmackswahrnehmung durch besondere Umstände begreifen. Erkennbar ist nämlich die Wirkung der Gegenwart und Anweisungen Jesu Christi auf die gesamte Hochzeitsgesellschaft: Alle waren überzeugt, nun aus den Krügen, die mit Wasser gefüllt waren, köstlichsten Wein kredenzt zu bekommen. Selbst der Chefkoch, der zuerst davon kostete, war sich dessen gewiss.

Die meisten Menschen wissen, dass die räumliche und menschliche Umgebung, die Temperatur und die Stimmung ihr Befinden mehr oder weniger angenehm beeinflussen. Auch Gefäße, Bestecke und der gedeckte Tisch tragen dazu bei. Wer kultiviert und mit Freude isst und trinkt, dem schmeckt und bekommt es gut. Anders manchem Einsamen, dem sein Essen nicht recht schmeckt, obwohl er es sich selbst so ausgesucht oder zubereitet hat. Allerdings isst und trinkt man in geselliger Runde oftmals mehr, als zur Sättigung und zum Durststillen nötig wäre. Das Gleichgewicht kann durch gesellige Kumpane leicht ins Wanken geraten. Im Extremfall kann sich nach übersteigertem "Genuss" Freude in Abscheu wandeln.

Damit zusammen hängt die Frage, welche Speisen und Getränke der Gesundheit des Menschen zuträglich und welche eher abträglich sind und jeweils in welcher Menge. Damit beschäftigt sich im Vorfeld die Ernährungswissenschaft, im Nachhinein die Medizin. - Eine einfache Regel lässt erkennen, was bekömmlich ist:

Was dir schmeckt, bekommt dir auch, wenn du Obacht gibst, wann du genug davon hast.

Kultivierung des eigenen Geschmacks und Auftretens

Das, was uns an andern stört, sollten wir uns selbst bewusstmachen, um es zu vermeiden. Die Frage im Matthäus-Evangelium (Mt 7,3) nach dem Wahrnehmen des Splitters im Auge des Nächsten und dem Verkennen des Balkens im eigenen Auge richtet sich an jeden von uns. Die "Goldene Regel", die Lukas "Was ihr von andern erwartet, das tut ebenso auch ihnen" (Lk 7,31) ist eine tragfähige Richtschnur, um selbst nicht "mit spitzer Zunge zu reden", "den Mund nicht zu voll zu nehmen" und anderer Fehler nicht "bissig" zu brandmarken. Mit etwas mehr Nächstenliebe fühlen sich alle wohler, schmeckt es allen besser. Indem es heißt, den "Nächsten zu lieben wie sich selbst" (Mk 12, 31), sind wir gehalten, auch uns selbst etwas Gutes zu tun, z.B. auch, indem wir unser Essen und Trinken kultivieren. Bekanntlich "halten Essen und Trinken Leib und Seele zusammen" (Heinrich Hinsch, um 1690). Miteinander an einem gedeckten Tisch zu sitzen, tut der Seele gut, da schmeckt es uns einfach besser.

In diesem Sinne: Guten Appetit!



LINKS:

[1] Essay "Über das Riechen": Die Sinne - Teil 1 -
www.p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/193-riechen.html -
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[2] Essay "Über das Sehen": Die Sinne - Teil 2 -
www.p-j-r.de/publicationes/wissen/christliche-oekumene/195-sehen.html -
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Über das Sehen

Die Sinne - Teil 2 -

Nach dem Essay [1] "Über das Riechen" ist dieses die zweite Abhandlung der entstehenden Reihe über die Sinne als "Tore zur Außenwelt". Deren Nutzen, Beschränktheit und Subjektivität wie auch deren Beziehung zur inneren Befindlichkeit des Wahrnehmenden und zu dessen Äußerungen werden nachfolgend für das Sehen beschrieben und erläutert.

Gesunde Augen - selbstverständlich?

Die Augen sind das wichtigste und wunderbarste Sinnesorgan des Menschen. Es heißt, dass vier Fünftel aller menschlichen Sinneswahrnehmungen von den Augen vermittelt werden. Dabei unterliegt die optische Wahrnehmung vielfältigen Einschränkungen. Rein physikalisch umfasst sie vom Spektrums elektromagnetischer Strahlung nur den sichtbaren Teil, der von Objekten im jeweiligen Blickfeld ausgeht oder reflektiert wird. Manche Menschen können statt Farben nur Hell-Dunkel-Unterschiede wahrnehmen, sie sind farbenblind. Etliche können ebene Darstellungen dreidimensionaler Gebilde nicht als räumlich erkennen. Andere können wegen Fehlsichtigkeit Objekte ohne Brille nicht scharf sehen, manche sind durch Unfall, Krankheit oder gar von Geburt an sehbehindert oder gar blind. Gesunde Augen sind also keine Selbstverständlichkeit.

Ist alles Sichtbare erkennbar?

Auch wer ganz gesunde Augen hat, erkennt nicht alle sichtbaren Objekte und Vorgänge in seinem Sichtfeld "richtig". Optische Täuschungen sind dafür ein bekanntes Beispiel. Was man sieht, kann außer vom Gegenstand der Wahrnehmung auch vom Blickwinkel, von der Beleuchtung, von der Umgebung, vom Beobachtungsauftrag, von der eigenen emotionalen Verfassung und davon abhängen, was man sehen will oder erwartet. "Wir alle sehen ja nur, was wir sehen wollen", hat Kurt Tucholsky (1890 - 1935) formuliert. Und Johann Wolfgang Goethe (1749 -1832) wusste schon: "Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht."

Sogenannte "Kippbilder" sind dafür eindrucksvolle Beispiele. Ein solches zeigt die nachfolgende Abbildung, bei der es dem Betrachter leicht fällt, einen Saxophonspieler zu erkennen. Um das ebenfalls darin angelegte Frauengesicht erkennen zu können, mag der Hinweis dienen, dass der Fleck rechts neben dem Mund des Saxophonisten das linke Auge und sein Kinn das linke Auge des überwiegend weiß dargestellten Gesichts markieren.


Abb. "Kippbild": Saxophonspieler oder Frauengesicht
(Quelle: www.onlinewahn.de)

Bekanntlich hat auch die innere Befindlichkeit des Menschen Einfluss darauf was er sieht. Offenbar kann nicht scharf sehen, wer weint. Sogar Kummer allein kann den Blick trüben. Ein anrührendes Beispiel dafür beschreibt der Evangelist Lukas: Die [2] Emmaus-Jünger erkennen den Herrn vor lauter Kummer nicht, ihre Augen "wurden gehalten" (Lk 24, 16). Sie erkannten ihn erst, als sie mit ihm zu Tisch saßen an der Art, wie er das Brot dankend brach und ihnen gab (Lk 24, 30).

Sind Traumbilder "sichtbar"?

Schlafforscher haben nachgewiesen, dass sich die geschlossenen Augen in Schlafphasen rege bewegen, in denen man lebhaft träumt. Soweit Träume uns erinnerlich sind, stellen sie uns unwirkliche Ereignisse mit einer Deutlichkeit "vor Augen", die sich von Beobachtungen im Wachzustand kaum unterscheidet. Obgleich das Traumerlebnis im Gehirn selbst entsteht, sind die geschlossenen Augen daran genau so lebhaft beteiligt, als ob sie ein wirkliches Geschehen wahrnehmen würden. Wegen der mit Träumen einhergehenden Gefühle sind deren Inhalte oftmals von besonderer Eindringlichkeit, sei es "traumhaft schön" oder "alptraumhaft". Mit der Feststellung "Je weniger wir sehen, um so mehr phantasieren wir" hat schon Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778) die Übermacht der inneren Bilder im Vergleich zu den optisch sichtbaren verdeutlicht.

Wie wird Sichtbares verständlich?

Beim Betrachten von Texten wird uns deren Sinn nur verständlich, wenn wir zu lesen gelernt haben. Darüber hinaus müssen wir schon mit dem Vokabular des Gegenstandsbereichs vertraut sein, von dem der Text handelt. Für das sinnerschließende [3] Lesen ist also das Erkennen der sichtbaren Zeichenfolgen nur ein erster Schritt, die nötigste Voraussetzung. Erst das [4] geschulte Bewusstsein macht verständlich, was wir lesen. Entsprechendes gilt schon für das Benennen von Objekten mit Begriffen. Das Wiedererkennen von Objekten auch in veränderter Gestalt ist eine Fähigkeit des Gehirns, ohne die unser Auge Sinnzusammenhänge nicht erkennen könnte. "Anschauungen ohne Begriffe sind blind", formuliert es Immanuel Kant (1724-1804).

Den eigenen Augen trauen?

Was wir mit eigenen Augen gesehen haben, halten wir für wahr. Darum heißt sehen ja auch "wahr-nehmen". Was uns gezeigt wird, halten wir für überzeugender als was wir durch Hörensagen erfahren. Wer berichtet, was er gesehen hat, gilt als glaubwürdiger Zeuge. Mancher reagiert auf einen unglaublichen Bericht mit der Aussage: "Das glaube ich erst, wenn ich es gesehen habe." So z.B. der Jünger Thomas zu den Berichten der anderen Jünger über die Erscheinung des Auferstandenen (Joh 20, 25). Erst als er den Herrn selbst zu sehen bekommt, glaubt er. Und daran schließt sich eine Seligpreisung an, die uns allen gilt: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" (Joh 20,29).

Was aber kann uns außer Zweifel noch alles den "Blick verstellen"? Es sind dies mit unguten Gefühlen behaftete (Vor-)Urteile oder Unterstellungen wie z.B. Fremdem gegenüber. Antipathie, Missgunst, Neid, Hass, Abscheu sind üble Scheuklappen, die eine noch so deutliche optische Wahrnehmung einschränken und verfremden können.

Wie verlässlich sind optische Eindrücke?

Indem unsere Augen, solange sie offen sind, beständig neue Eindrücke aufnehmen, ist deren Fülle zu groß, als dass man sie detailgenau und längerfristig erinnern könnte. Das Gehirn trifft eine Auswahl, was es für erinnernswert hält bzw. einfach ausblendet, und zwar durchweg unbewusst. "Es kann ein Glück sein, etwas nicht zu sehen", sagte dazu August Strindberg (1849-1912). - Wie wahr!

Mit jeder nicht ausgeblendeten Wahrnehmung geht auch eine Deutung einher. So werden z.B. gefährliche Situationen spontan als solche erkannt. Zur Abwehr kennen alle Lebewesen drei Arten der Sofortreaktion, nämlich Flucht, Totstellen oder (Gegen-)Angriff. Menschen haben die Fähigkeit, sich die Deutung von Beobachtungen bewusst zu machen und willentlich zu beeinflussen.

Auch unbewusst kommt es je nach der persönlichen, emotionalen Betroffenheit zu ganz unterschiedlichen Interpretationen desselben optisch wahrnehmbaren Geschehens. "Ändere den Rahmen und du siehst ein anderes Bild" weiß Michael Marie Jung (*1940).

Was ist verlässlicher als die Augen?

Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) lässt den schlauen Fuchs, den der kleine Prinz "sich vertraut gemacht" hat, sein "großes Geheimnis" preisgeben: "Man sieht nur mit dem Herzen gut; das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Die meisten Menschen können dieser Aussage zustimmen. Und die andern? Vielleicht hilft ihnen die Erklärung, dass es bei der Deutung und Bewertung von optischen Wahrnehmungen eben auf die innere Verfassung des Beobachters ankommt, die sich durch Nachdenken, Selbststeuerung und [5] Perspektivwechsel beeinflussen lässt. Das geschulte Bewusstsein destilliert aus der optischen Wahrnehmung deren Bedeutung, eben das "Wesentliche" heraus. Und wer in seinen Beobachtungen nach dem Guten suchend fündig wird, dem spricht man "Herzensbildung" zu, der "sieht mit dem Herzen gut". Das genau ist die Sichtweise, die dem Gebot der Nächstenliebe entspricht. Sie öffnet Türen, überwindet Schranken und berührt Herzen. Man erkennt sie an einem wohlwollenden Lächeln.

Sprechen Augen?

"Du siehst die Weste, nicht das Herz", meint Wilhelm Busch (1832-1908). Ganz anders sieht es der Volksmund, der das Auge einen "Spiegel der Seele" nennt. Noch weitreichender hat das Ali Ibn Al Andalusi Hazm (993-1064) formuliert: "Das Auge ist der ehrliche Vorläufer der Seele, ihr recht-leitender Führer und ihr glänzender Spiegel, mittels dessen sie die Wesenheit der Dinge klar erfasst". Er war sich offenbar schon darüber im Klaren, was Verhaltensforscher der Neuzeit herausgefunden haben: Wie uns ein Mensch anschaut, ist bestimmend für das Empfinden von Zu- oder Abneigung. Blicke können z.B. als offen, freundlich, wohlwollend, besorgt, liebevoll empfunden werden - oder aber als verschlossen, unfreundlich, skeptisch, argwöhnisch, feindlich oder gar bösartig. Die Augenstellung, die Öffnung der Lider, die Gesichtsmuskeln formen die Mimik, die wir erkennen und zusammen mit Gesten und Worten als Gesamteindruck interpretieren. Man beurteilt instinktiv, ob man die Signale als angenehm oder unangenehm empfindet. Und darauf reagieren wir meist unwillkürlich spiegelbildlich mit ähnlicher Mimik, Gestik und Körpersprache. Wir verstehen einander sogar ohne Worte. So kommt es, dass ähnliche Empfindungen sich gegenseitig verstärken, und zwar im Guten wie leider auch im Unguten. Mit seiner Aussage "Wer beobachten will, darf nicht mitspielen" beschreibt Wilhelm Busch nicht nur die eingeschränkte Wahrnehmung von Spielern, sondern jedes Akteurs. Wer also Verhaltensweisen beobachten will und Selbststeuerung anstrebt, muss sich nichtverbale Äußerungen bewusstmachen. Dazu ist ein innerer Abstand vom Geschehen nötig. Den erreicht man, indem man sich die Perspektive eines unbeteiligten Beobachters zu eigen macht, sich selbst und dem Gegenüber sozusagen von der Seite her zuschaut. Aus diesem Blickwinkel kann die Situation objektiver erkannt und klüger aufgelöst werden, indem man die Analyse zur Selbststeuerung der eigenen Äußerungen nutzt. Das Bewusstmachen unbewusster Vorgänge gibt uns die Freiheit zurück, uns so zu verhalten, dass wir uns hernach nicht zu schämen brauchen. Anleitung dazu gibt das Buch [6] "Schulen brauchen gute Lehrer".



LINKS:

[1] Essay "Über das Riechen": Die Sinne - Teil 1 -
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[2] Essay "Auf dem Weg nach Emmaus": Dem Auferstandenen begegnen
- www.publicationes.de/wissen/christliche-oekumene/97-emmaus.html -
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[3] Essay "Lesen und Vorlesen": Wie Lesen zum Erlebnis wird
- www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/108-text-erleben.html -
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[4] Essay "Bewusstsein schulen": Erweiterte Wahrnehmung als Bewusstseinskompetenz
- www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/53-bewusstsein-schulen.html -
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[5] Youtube "Perspektivwechsel": Video-Präsentation auf dem YouTube-Kanal "Praktische Pädagogik" - www.youtube.com/watch?v=kIidyJQlykk -
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[6] Peter Denker, "Schulen brauchen gute Lehrer", Kap. 1.3 "Perspektivwechsel und Selbstbeherrschung":
www.publicationes.de/allgemeines/nachrichten/192-sbgl-dokumentation.html#Kap.1 -
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Über das Riechen

Nase

Die Sinne - Teil 1 -

Die unmittelbaren Sinneseindrücke bestimmen das Empfinden, das Verhalten und die Ausdrucksweise des Menschen. Dem gehen die geplanten fünf Aufsätze nach, deren erster vom Riechen handelt und der zweite vom [1] Sehen.

Semantik

Das Verb "riechen" hat dreierlei Bedeutung:

  • Einen Geruch absondern (duften),
  • einen Geruch wahrnehmen (schnuppern) und
  • - in bildhafter Sprache - etwas vermuten oder bewerten.

Gerüche absondern

Stoffe und Lebewesen geben charakteristische Duftmoleküle an die sie umgebende Luft ab: Blumen duften, Fäkalien stinken. Geruchlose Brenngase werden künstlich mit Duftstoffen versehen (odoriert), um sie wahrnehmbar zu machen. Viele Körperpflegemittel sind parfümiert, um einen Geruch zu verbreiten, der als angenehm empfunden werden kann.

Von ätherischen Ölen, die aus Pflanzenteilen gewonnen werden, strömen für die betreffende Pflanze charakteristische Düfte aus, welche die Befindlichkeit des Menschen in je unterschiedlicher Weise spürbar beeinflussen, indem sie über die Nase und Lunge auch in den Blutkreislauf gelangen. Um solche Wirkungen wusste man schon im frühen Persien, wo überliefert ist: "Pflanzendüfte sind wie Musik für unsere Sinne."

Gerüche wahrnehmen

Träger der Gerüche sind Gase. Beim Einatmen durch die Nase lösen die in der Atemluft enthaltenen Duftmoleküle in der Riechschleimhaut chemische Reaktionen und zugehörige Elektroimpulse aus. Die Riechschleimhaut ihrerseits besteht beim Menschen aus über 10 Millionen Riechzellen, die sich alle ein bis zwei Monate erneuern. Zum Vergleich: Bei Hunden sind es 250 Millionen und bei Aalen gar 1 Milliarde.

Die von den Riechzellen ausgehenden Signale werden von Nervenfasern zusammengefasst und zum Riechhirn weitergeleitet und von dort zu den "Wächtern der Wahrnehmung" Amygdala - dem Zentrum für Emotionen und Spontanreaktionen - und zu dem Hypothalamus, der die unwillkürlichen Körperfunktionen steuert. Das Riechhirn ist so unmittelbar mit dem Stammhirn verbunden, während die übrigen Sinnessignale über den Thalamus - das "Tor zum Bewusstsein" - auf die Großhirnrinde gelangen und damit dem Bewusstsein leichter zugänglich sind.

Diese Zusammenhänge hat Martin G. Reisenberg zu der Sentenz veranlasst: "Eine gute Nase verfügt vor allem über eines: Einen guten Draht zum Hirn!"

Gerüche erkennen und bewerten

Der Mensch kann von etwa 5000 unterscheidbaren Gerüchen gewöhnlich nur etwa 16 identifizieren, bei Übung allerdings - z.B. als Parfümeur - 1000 oder noch mehr. Etwa 2 Prozent der Menschen haben einen nur sehr schwachen oder gar keinen Geruchssinn. Mit zunehmendem Alter lässt die Geruchsempfindlichkeit meist deutlich nach.

Für die Geruchswahrnehmung kommt es je nach Substanz auf deren Konzentration in der Atemluft an; Moschus beispielsweise wird in sehr geringer Konzentration schon wahrgenommen, in stärkerer Konzentration bald als unangenehm. Eine etwa fünfhunderttausendfach stärkere Verdichtung seiner Duftmoleküle ist hingegen z.B. nötig, um Bananen-Öl überhaupt zu riechen.

Sehr sensibel reagiert der Mensch auf Geruchswahrnehmungen an Menschen in seiner Nähe. Schweiß, Fuß- und Mundgeruch wirken oftmals abstoßend, der Geruch der Haut oder des Haares können aber auch als angenehm empfunden werden. Menschen, denen ihr Geruch wechselseitig angenehm ist, finden einander sympathisch - und unsympathisch bei unangenehmer Geruchswahrnehmung. Dabei ist diese Art der gegenseitigen "Beschnupperns" oftmals gar nicht bewusst.

Anders verhält es sich mit Gerüchen, die eine Gefahr signalisieren, wie z.B. Gas, Abgas, Rauch oder verdorbene Lebensmittel. Der Geruchssinn kann seine Schutzfunktion aber nur erfüllen, wenn und solange der Mensch wach ist. Rauch- und Gasmelder sind deshalb so wichtig, weil ihre akustischen Warnsignale Schlafende wecken können, Gerüche aber leider nicht.

Besonders wirkungsvoll ist die Wahrnehmung von Gerüchen beim Essen und Trinken. Wer z.B. wegen Schnupfen nicht gut riechen kann, der empfindet das Essen als fade. Wenn der Kaffeeduft nicht zu riechen ist, scheint dem Kaffee sein typisches Merkmal zu fehlen.

Gerüche erinnern

Das Beispiel mit dem Kaffee verdeutlicht: Die meisten Erwachsenen verbinden mit Kaffee eine klare Vorstellung, wie er normalerweise riecht, selbst wenn gerade gar kein Kaffee aufgetischt ist. Gleiches gilt für viele andere Gerüche, an die man sich erinnern und die man sich auch bei Abwesenheit der duftenden Substanz deutlich vorstellen kann. Jeder kennt Situationen oder Örtlichkeiten, an die er sich zugleich mit einem bestimmten, ganz typischen Geruchserlebnis erinnern kann. Die Erinnerung an den Geruch kann der Situation oder dem Ort sogar eine langanhaltende Unvergesslichkeit verleihen. Diese Fähigkeit lässt sich durch systematische Riechübungen sogar wirkungsvoll steigern.

Dazu sagt Kurt Tucholsky: "Die Nase hat das beste Gedächtnis von allen! Sie bewahrt Tage auf und ganze Lebenszeiten. Personen, Strandbilder, Lieder, Verse, an die du nie mehr gedacht hast, sind auf einmal da."

Und Hans-Christian Andersen schwelgt: "Den Duft der Wirklichkeit, der dem Betrachter auf ewig in die Sinne dringt und darin bleibt, können weder Maler noch Dichter wiedergeben."

Metaphern mit Geruchsbegriffen

Weil Duftstoffe meist schon in geringer Konzentration wahrgenommen werden können, sagt man von jemandem, der aus wenigen Anzeichen eine weitreichende Prognose zustande bringt, er habe "einen guten Riecher", oder wem das besonders schnell gelingt, er habe "die Nase vorn" oder er sei andern "eine Nasenlänge voraus". Wer mit unbekümmerter Zuversicht etwas anfängt oder sich ohne Vorfestlegung auf einen Weg begibt, der geht einfach "der Nase nach". Wer allerdings mit seiner Vermutung oder Handlung Pech hatte, von dem heißt es, er sei damit "auf die Nase gefallen".

Wer sich über die Meinung anderer stur hinwegsetzt, wird "hochnäsig" genannt. Und wer anderen etwas vortäuscht, dem sagt man nach, er führe sie "an der Nase herum". Das Unbehagen an einer Entscheidung äußert ein davon Betroffener, indem er sagt sie "stinke ihm" oder er sei deswegen "stinkig". Wer sich besonders neugierig für etwas interessiert, dem sag man nach, er "stecke seine Nase darein", er "schnüffle" und sei also ein "Schnüffler".

Wer sich altklug oder wichtigtuerisch über etwas äußert, von dem er wenig Ahnung hat, den nennt man einen "Naseweis". Von Menschen, die sich treffen, um einander kennen zu lernen, heißt es, sie wollten sich "beschnuppern", obgleich dabei die eigentliche Geruchswahrnehmung keineswegs im Vordergrund steht. Jemand, der Menschen mit Ansichten oder Verhaltensweisen begegnet ist, die ihm sehr unangenehm sind, sagt von ihnen, er "könne sie nicht riechen".

Zu alledem stellt Horst Rehmann treffend fest: "Der Mensch benötigt keine besondere Nase, um im richtigen Moment den richtigen Riecher zu haben."



LINKS:

[1] Essay "Über das Sehen": Die Sinne - Teil 2 -
www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/195-sehen.html -
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