Position beziehen

Vorbemerkung:

  • Das Vorwort des Buches "Schule des Bewusstseins" ist der BoD-Leseprobe ab Seite 3 zu entnehmen.
  • Handlung und Leitgedanken des nachfolgenden 1. Kapitels finden sich in der Dokumentation. des Buches "Schule des Bewusstseins".

Ein neuer Lehrer stellt sich vor: Peißinger

Grafik 'Position im Zentrum vieler Blickrichtungen'Der Pädgoge Peißinger stellt sich seinem neuen Kollegium vor und skizziert die Grundzüge seines Verständnisses eine "Schule des Bewusstseins", in der er Bewusstseinsbildung als erzieherisches Konzept zur Persönlichkeitsentwicklung praktizieren möchte. Er kann sich dabei auf dazu koresspondierende Intentionen der Schulleiterin Lieding stützen. Kritische Nachfragen aus dem Kollegium verdeutlichen, dass sein Konzept kein Selbstläufer wird. Er bleibt zwar keine Antwort schuldig, deren Akzeptanz aber bleibt zunächst offen.

Begrüßung

Es ist der Konferenztag, der dem neuen Schuljahr drei Tage voraufgeht.
Der erste Tagesordnungspunkt lautet ‚Begrüßung / Personalia‘.
Die Schulleiterin, Frau Lieding, begrüßt das Kollegium
und stellt erfreut fest, dass alle wohlbehalten aus den Ferien zurück sind:
„Hoffentlich sind Sie alle gut erholt und motiviert,
um das neue Schuljahr mit Schwung anzugehen.
Vor den Ferien konnte ich schon einen neuen Kollegen ankündigen;
heute heiße ich Herrn Peißinger an dieser Schule herzlich willkommen
Sie und er haben jetzt die erste Gelegenheit, einander kennenzulernen.
Darum möchte ich Sie, lieber Herr Peißinger, zunächst bitten,
dem Kollegium etwas über sich selbst zu erzählen.“

Darauf ergreift Peißinger das Wort:
„Vielen Dank für die freundliche Begrüßung, Frau Lieding,
und auch dafür, mich dem Kollegium heute vorstellen zu dürfen.
Gewiss wundern sich einige von Ihnen darüber,
wie Sie, Frau Lieding, meinen Namen ausgesprochen haben,
nämlich mit e-tönendem „ei“ ähnlich dem englischen „a“.
Das hat eine kleine Vorgeschichte,
von der ich Ihnen gern erzählen möchte.


Der Name ‚Peißinger‘

Als ich noch ein Schulbub war, nannten mich alle „Peißinger“
– mit ganz gewöhnlich a-tönendem „ei“ wie im Wort ‚Mais‘.
Die hellere Sprechweise habe ich mir selbst gewählt.
Was mich dazu veranlasst hat, möchte ich Ihnen gern erzählen:
Im zweiten Semester Psychologie berichtete der Dozent
in einer Vorlesung eine Begebenheit über Milton Erickson,
die ich so bemerkenswert finde, dass ich Sie Ihnen vortragen möchte:


Milton Erickson

Ein Mann war Patient einer psychiatrischen Klinik in den USA.
Er lebte in der Wahnvorstellung, er sei Jesus
und seine Aufgabe sei Beten, Predigen und Segnen.
Darum verweigerte er sich der ihm verordneten, praktischen Werktherapie.
Die erfolglosen Therapeuten riefen Erickson zu Hilfe.
Der ging auf den Patienten zu, begrüßte ihn als Jesus aus Nazareth
und fragte ihn nach seinen Eltern.
Erstaunt ging der Patient darauf ein
und erzählte auch von seinem Vater Josef
und auf Nachfrage auch von dessen Schreinerwerkstatt.
Erickson wollte wissen,
ob er dem Vater bei seinem Tun auch zugesehen hätte.
‚Nicht nur das‘, bekam er zur Antwort,
‚ich habe ihm auch manches Mal helfen dürfen‘.
Erickson versicherte sich:
‚Dann kennst du dich mit Schreinerwerkzeugen etwas aus? ‘
‚O recht gut sogar‘, gab der Patient zur Antwort.

Ob er ihm denn beim Bau eines Regals helfen könne;
denn er selbst könne wegen einer Erkrankung im Kindesalter
mit Werkzeugen nicht gut hantieren.
‚Dann helfe ich dir gern dabei‘, antwortete der Patient.
Danach ging er mit in die Werkstatt,
bekam zu andern Menschen in der Werktherapie Kontakt
und konnte nach einiger Zeit die Klinik geheilt verlassen.

Diese Geschichte hat mich tief beeindruckt.
Denn was Milton Erickson da beispielhaft getan und geschafft hat,
ist ein nachahmenswerter Umgang nicht nur mit Psychopathen,
sondern mit jedem Menschen.

Erickson war ein Meister hinsichtlich der Fähigkeit,
sich in die Empfindungs- und Vorstellungswelt seines jeweiligen
Gegenübers hineinzuversetzen und ihm dies überzeugend zu spiegeln.
Damit hat er die Menschen nicht nur verbal, sondern auch emotional erreicht.
Sie fühlten sich von ihm immer ernst genommen und verstanden.

Diesen authentisch-verständnisvollen Umgang mit dem Patienten
hat man später als Pacing bezeichnet.
Infolge von Pacing mochten die Patienten innere Widerstände ablegen
und Ericksons Anregungen aufnehmen, sich also von ihm führen lassen.“


Fragliche Akzeptanz

Ein Kollege aus dem Lehrerrat fällt ihm etwas abweisend ins Wort:
„Und warum sind Sie da nicht bei der Psychologie geblieben?“

Peißinger blickt ihn mit entwaffnender Freundlichkeit an und sagt:
„Die Antwort ist ganz einfach: Ich wollte immer schon Lehrer werden.
Allerdings einer, der seine Schüler
sogar in Grenzsituationen akzeptiert und versteht.
Dazu war diese Geschichte für mich eine Art Schlüsselerlebnis,
ein Aha-Erlebnis mit der Erkenntnis ‚Das ist es!‘

„Was meinen Sie mit ‚Das ist es‘, Herr Peißinger?“,
fragt eine Lehrerin mit dem Fach Deutsch nach.

Peißinger erklärt:
„In meiner eigenen Schulzeit habe ich einen Lehrer gehabt,
dem war nicht nur ich gleichgültig, sondern spürbar auch alle meine Mitschüler.
Die Folge war, dass keiner von uns in seinen Fächern besonders erfolgreich war.

Das Desinteresse eines Lehrers am Kind
ist offenbar Gift für Lernbereitschaft und Lernerfolg des Kindes.

Hingegen habe ich für das Fach eines andern Lehrers ohne Ende gepaukt,
weil ich ihn und seine Art, auf uns einzugehen, einfach sympathisch fand.
Andere in meiner Klasse haben das genauso erlebt.
Inzwischen kann ich beschreiben, woran das lag:
Er vermittelte uns das Gefühl, ihm lieb und wichtig zu sein.

Als Lehrer so wahrgenommen zu werden,
finde ich für meine Schüler und mich selbst erstrebenswert.
Milton Ericksons Beispiel enthält für mich den Schlüssel dazu:
Ich möchte so viel echte Empathie für Schüler in mir aufbauen
und durch positives Spiegeln unaufdringlich spürbar machen,
wie es einer Beziehung in gegenseitiger Achtung gut tut.“

„Und was hat das nun mit ihrem Namen zu tun, Herr Peißinger?“,
erinnert ihn ein Mathematiker.


Pacing and Leading

Peißinger: „Ja, wenigstens die Anglisten unter Ihnen kennen das Wort Pacing.
Es bedeutet so viel wie ‚Schritt halten‘
und es meint in der Psychologie ‚einfühlsam begleiten‘.
Wie jedes Schritthalten verfolgt auch Pacing eine Absicht,
nämlich das Hinführen zu einem Ziel,
und zwar in der Psychotherapie hin zu therapeutischen Maßnahmen
und schließlich zur Heilung.
Dieses Hinführen bezeichnet man als Leading.
Aufgrund des Zusammenhangs dieser beiden Intentionen
nennt man die damit beschriebene Methode ‚Pacing and Leading‘.

Der einfühlsame Umgang mit Patienten ist eine wesentliche Voraussetzung dafür,
dass sie sich der Führung ihres Therapeuten anvertrauen mögen.
Analog ist der einfühlsame Umgang des Pädagogen
mit den ihm anvertrauten Heranwachsenden
die beste – und meines Erachtens notwendige – Voraussetzung dafür,
dass sie ihn als Lehrer akzeptieren.


Pädagogische ‚Entwicklungshilfe‘

So sehe ich meinen Namen als Verdeutschung meiner Absicht an,
meinen Lehrerberuf mittels ‚Pacing‘
als eine Art ‚Entwicklungshelfer‘ für Heranwachsende auszuüben.
Mit meinen Möglichkeiten möchte ich sie dann auch führen
– also auch das ‚Leading‘ nicht scheuen.

Und mein Ziel ist dabei, die in den Schülern vorhandenen Anlagen so zu entwickeln,
dass sie sich als erfolgreich erleben.
Danach sehe ich als nächsten Schritt das Loslassen in der Zuversicht,
dass sie ihre Freiheit mit Verantwortung freudig ergreifen.“


Skepsis

„Wie lange sind Sie denn schon im Schuldienst, Herr Peißinger?“,
fragt eine Religionslehrerin mit beinah mitleidsvollem Tonfall.

Darauf Peißinger: „Ich entnehme Ihrer Frage zweierlei:

Zum einen, welche Erfahrungen ich mitbringe:
Nach Referendariat, Probezeit
und zweijähriger Festanstellung an ein und derselben Schule
ist meine Bewerbung um eine Beförderungsstelle nun hier erfolgreich gewesen.
Ich bringe also schon etwas an Erfahrung mit – und die Freude darauf,
hier weiter gemeinsam mit Ihnen und unsern Schülern zu lernen.
Denn das Lernen ist mir ebenso wichtig wie das Lehren.

Zum andern höre ich aus Ihrer Frage
so etwas wie Mitleid mit jemandem heraus, der sich Illusionen hingibt.
Dazu möchte ich anmerken, dass ich mich um Balance bemühe
zwischen Wünschenswertem und Machbarem
und dazu beides auch in Frage stelle.
Wenn ich aber nach reiflicher Überlegung dazu komme, etwas für nötig zu halten,
dann begebe ich mich intensiv auf die Suche nach Bedingungen der Möglichkeit.
Dabei bin ich ein Feind der Trägheit in mir und in andern.
Etwas unverändert zu lassen, bloß weil es schon immer so war,
das kommt mir vor wie eine Art von Buchhaltermentalität.

Entwicklungshelfer wollen etwas ganz Anderes:
Sie können nur Erfolg haben, wenn sie innovationsbereit sind.
Das gilt, finde ich, auch für Lehrer,
jedenfalls in meinem Berufsverständnis.“

„Nehmen Sie es mir bitte nicht übel,
aber das klingt in meinen Ohren recht abgehoben und wirklichkeitsfremd.
Wie wollen Sie das denn als Lehrer
in dem durch Lehrpläne bestimmten Fachunterricht überhaupt realisieren?“,
wendet ein Physiklehrer ein.


Zeitfenster für Entwicklungshilfe

Peißinger: „Die Lehrpläne legen bekanntlich nur
das Obligatorische an Inhalten und Zielen des Unterrichts fest.
Daneben bleiben ja zum Glück zeitliche und inhaltliche Freiräume.
Solche Freiräume möchte ich nicht nur für fachliche Ergänzungen nutzen,
sondern auch für erzieherische Belange.

Letzteres wird besonders breiten Raum in der Klasse einnehmen,
deren Klassenlehrer ich jeweils bin. – Aber auch sonst,
wo ein Anlass für erzieherisches Handeln erkennbar wird,
werde ich mir die Zeit dafür nehmen.“


Erzieherisches Handeln

„Wie sieht denn bei Ihnen das erzieherische Handeln so aus,
was meinen Sie damit?“, fragt der Kollege aus dem Lehrerrat
mit leicht provozierendem Tonfall und einer Handbewegung,
die ein wenig nach Wegwerfen anmutet.

Peißinger schaut ihn lange und ruhig an, ehe er antwortet:

„Wissen Sie, in vielen schulischen Situationen
habe ich mich immer wieder gefragt,
wie ich Erziehung praktizieren könne.
Anfangs habe ich jeden Anlass dazu isoliert betrachtet und gemeint,
jede Situation sei so anders,
dass man kaum etwas Regelhaftes daran erkennen oder anwenden kann.

Es gibt Situationen, in denen will ich Grenzen gewahrt wissen,
sei es zum eigenen Schutz oder zum Schutz dritter.

In anderen Fällen wie z.B. Störungen oder Verspätungen
sehe ich das konkrete Schülerverhalten als schädlich für ihn selbst
oder inakzeptabel für die Lerngruppe an.
In Fällen wie Unaufmerksamkeit, Schlechterfüllung von Pflichten
oder Missachtung von Regeln zeigen Schüler Unsicherheit
oder wollen sie möglichst verbergen.

Bei der Beobachtung von Konfliktsituationen fällt mir immer wieder auf,
dass derjenige, der sich als Opfer vorkommt, das Gefühl hat,
das Tun und Lassen seines Gegenübers sei gegen ihn gerichtet,
obwohl es das oftmals gar nicht ist.

Die Angst, etwas einzubüßen,
die Furcht vor vermeintlicher oder tatsächlicher Bedrohung,
die Unfähigkeit zuzuhören oder sich verständlich zu artikulieren
sowie vorwurfsvoll geäußerte Kritik sind Hauptursachen von Konflikten.
Unreflektierte Reaktionen und lautstarkes Dominanzverhalten einerseits
oder innerer Rückzug andererseits verschlimmern die Lage für alle Beteiligten.

Erziehung soll den Heranwachsenden behilflich sein,
untaugliches Verhalten abzulegen und sich taugliches anzueignen.
Das ist, wie alle Erzieher wissen,
ein Vorhaben, das einen langen Atem erfordert.

Zweierlei halte ich im Hinblick auf die Frage nach dem erzieherischen Handeln
für ganz wesentlich:
Erstens nenne ich Erziehung einen bewusstseinsbildenden Prozess
und zweitens halte ich Pacing and Leading
für eine unerlässliche Grundlage für erzieherisch wirksames Handeln.“


Erziehung als Bewusstseinsbildung

„Haben Sie den Begriff ‚bewusstseinsbildender Prozess
auch aus ihrem Psychologiestudium?“, setzt der Lehrerratskollege nach.

Peißinger antwortet: „Nein.
Ich kenne kein Buch und keine Vorlesung, wo davon die Rede ist.
Den Begriff habe ich selbst herausgefunden
als eine mich überzeugende Definition von Erziehung.
Denn alle Wahrnehmungen,
so auch in pädagogisch relevanten Situationen,
muss ich beobachten, prüfen, deuten
und zu Vorerfahrungen in Beziehung setzen.

Zusammenfassend beschreibe ich dies so:
Ich muss mir die Situation bewusst machen.

Als Erzieher habe ich eine darüber hinaus gehende Aufgabe
gegenüber dem Heranwachsenden:
Sein Verhalten muss ich nicht nur mir bewusst machen,
sondern – was bekanntlich schwieriger ist – ihm selbst.

Die Erschwernis kommt dadurch zustande,
dass bei ihm und bei mir Empfindungen mit im Spiel sind,
oftmals sogar ziemlich heftige.


Unterbrecher setzen

Als Erzieher habe ich den Lernvorteil,
das ‚Setzen eines Unterbrechers‘ schon zu kennen und geübt zu haben.
Das ist übrigens auch wieder ein bewusstseinsbildender Vorgang.
Der benötigt nur wenige Sekunden und bezweckt,
innerlich die nötige Zeit zu gewinnen,
um eine abwägende Überlegung von Alternativen zu beginnen,
statt spontan mit Angriff, Flucht oder Erstarrung zu reagieren.
Unterbrecher zu setzen muss zunächst der Erzieher selbst trainieren,
um angemessen handeln zu können.

Und zugleich soll er diese Kompetenz soweit reflektieren und üben,
dass er auch Schüler damit vertraut machen kann;
denn auch sie sollen damit befähigt werden, besser mit sich selbst,
mit einander und mit Dritten umzugehen.

Neben dieser Basiskompetenz vernunftgeleiteten Handelns
gibt es weitere Kompetenzen,
die durch Bewusstseinsbildung zu entwickeln sind.


Bausteine der Bewusstseinsbildung

Dazu gehören

  • das aktive Zuhören,
  • das Spiegeln und Rückfragen,
  • der Perspektivwechsel,
  • das Bewusstmachen
    • der eigenen Befindlichkeit, Ressourcen und Ziele wie im Coaching
    • der Empfindungen und Absichten anderer,
    • von Suggestion und Selbstsuggestion,
  • das Umdeuten (Reframing) von Empfindungen und Äußerungen,
  • das Herstellen von Balance zwischen sich ausschließenden Extremen und
  • die Erfahrung der Macht des Willens.

Und dann gibt es neben den bewährten Mitteln der Pädagogik
wie beispielsweise Aufmerksamkeit, Vorbildhaftigkeit und Konsequenz 
auch ein weites Feld bewusstseinsbildender Maßnahmen. –

Sie merken, ich komme in das Fahrwasser,
viel davon zu erzählen, wovon mein Herz voll ist.
Darum mache ich hier jetzt erstmal einfach einen Punkt.“

„Können Sie bitte vielleicht an einem Beispiel verdeutlichen,
was Sie unter ‚bewusstseinsbildenden Maßnahmen‘ verstehen?“,
möchte ein Lehrer mit dem Fach Philosophie wissen.


Beispiele für bewusstseinsbildende Maßnahmen

Peißinger erklärt: „Gewiss und gern.
In herkömmlicher Pädagogik gilt ja neben Lob und Tadel
auch Strafe als Erziehungsmittel.
Ich aber möchte das Bestrafen der Justiz überlassen.
Wo eine in der Schule begangene Verfehlung
zu pädagogischem Eingreifen auffordert,
da habe ich schon oft eine Methode angewandt,
die ich erweiterte Wiedergutmachung nenne.

Ganz konkret: Wenn ich jemanden erwische, der ein Pult beschmiert,
verlange ich nicht nur die Schadensbeseitigung an diesem Pult,
sondern gebe ihm auf, viele Pulte zu reinigen,
im Wiederholungsfall sogar schrecklich viele.
So erklärt ein Beispiel den Begriff, nach dem Sie fragen.

Und die ‚erweiterte Wiedergutmachung‘ verlange ich nicht nur,
sondern setzte sie auch durch, energisch und konsequent.
Damit wird dann dem Heranwachsenden
die Einsicht in die Untauglichkeit des beanstandeten Verhaltens
sehr unmittelbar bewusst.“

„Erziehung als Bewusstseinsbildung zu definieren, finde ich bedenkenswert“,
meint eine Kollegin mit dem Fach Pädagogik und fragt:
„Könnten Sie bitte auch noch ein paar Worte dazu sagen,
welche Ziele Sie mit dieser Art von Erziehung verfolgen?“


Ziele schulischer Erziehung

Peißinger strahlt: „Gern!
Ich habe Frau Lieding zum ersten Mal erlebt,
als sie vor den Ferien die neuen Fünftklässler begrüßt hat.
Da hat sie den Eltern wunderbar erklärt,
welches Ziel Bildung und Erziehung an dieser Schule verfolgen:

‚Es soll den Menschen eine Freude sein,
den Absolventen dieser Schule zu begegnen‘.

Das Erstaunen der Eltern über diese Formulierung war mit Händen zu greifen.
Und dann legte Frau Lieding in Art eines kleinen Katechismus nach,
was das denn bedeute, sinngemäß wie folgt:

Persönlichkeiten mit solider Allgemeinbildung sollen sie werden,
Menschen, die ihre Freiheit in Verantwortung vor sich,
gegenüber einander und gegenüber der Natur gebrauchen;
Menschen, die aufgeschlossen sind für Neues, wertschätzend für Kulturgüter,
tolerant gegenüber anderen Denkweisen
und intolerant gegenüber jeder Form von Gewalttätigkeit.
In ihnen sollen die Freude am Lernen und
Bereitschaft zur Entfaltung ihrer Begabungen dauerhaft veranlagt werden.
Sie sollen lernen sich anzustrengen, um erfolgreich zu sein,
und hilfsbereit und rücksichtsvoll gegenüber andern.
Sie sollen den Menschen selbstbewusst, respektvoll und auf Augenhöhe begegnen,
so auch Ihnen, den Eltern, und auch uns Lehrern.

Und sie sollen fähig sein,
ihre Empfindungen zu reflektieren und so zu steuern,
dass ihr Verhalten als wohltuend empfunden wird.
Sie sollen mit akzeptablen Umgangsformen auftreten
und Menschen mit Achtsamkeit und Freundlichkeit begegnen.
Sie sollen Bitte und Danke sagen, auch Ihnen, liebe Eltern.‘

Diesen Erziehungszielen kann ich nur beipflichten. 
Sie haben mich in dem Gefühlt bestärkt, dass diese, Ihre Schule hier
auch ‚meine‘ Schule sein wird, an der ich ab heute gern tätig bin.“


Peißinger und das Kollegium

„Das ist ein wundervolles Schlusswort
zum Tagesordnungspunkt Ihrer Vorstellung, Herr Peißinger“,
schaltet sich Frau Lieding ein.
„Es schmeichelt mir natürlich, dass Sie mich so zitieren
und sich mit den Intentionen unserer Arbeit an dieser Schule
so deutlich identifizieren.

Zu ihrem Begriff von Erziehung passt gut,
was ich in meinem Statement vor den Eltern der Fünftklässler
als Idealvorstellung von Schule geäußert habe.

Ich bin mir aber nicht sicher,
wie sich das Kollegium als Ganzes gegenüber den Erwartungen einstellt,
mit denen Sie sich hier eingefunden und so engagiert vorgestellt haben.

Ohne Frage geht von Ihrer Begriffsdefinition von Erziehung
eine Überzeugungskraft aus, dass man sich fragt,
warum sie nicht längst schon in aller Munde ist.

Doch muss ich auch die gute Arbeit würdigen,
die viele erfahrene und erfolgreiche Pädagogen alter Schule
hier bei uns leisten.
Mancher, dem ihr Vokabular fremd vorkommt,
handelt längst so, wie Sie es für sich anstreben.

Ich hätte allerdings Bedenken,
wenn wir diese Schule im Sinne Ihrer Konzepte dazu bestimmen würden,
sich programmatisch als ‚Schule des Bewusstseins‘ darzustellen.
Mir scheint unabdingbar,
jedes einzelne Kollegiumsmitglied zwanglos einzuladen,
die Vorteile dieser Sichtweise anzuschauen
und womöglich für sich zu adaptieren.

Pädagogische Freiheit, die wir alle haben,
haben selbstverständlich auch Sie.
Ich bin gespannt, ob es Ihnen gelingt,
auch andere für Ihre Idee einer Schule des Bewusstseins zu begeistern.

Jetzt aber machen wir erstmal eine Viertelstunde Konferenzpause.“

Das Kollegium spendet lautstarken Beifall
und Peißinger fragt sich, wem er wohl gelten mag.



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