Einsicht vermitteln

Vorbemerkung:

  • Das Vorwort des Buches "Schule des Bewusstseins" ist der BoD-Leseprobe ab Seite 3 zu entnehmen.
  • Handlung und Leitgedanken des nachfolgenden 2. Kapitels finden sich in der Dokumentation. des Buches "Schule des Bewusstseins".

Eine unvorbereitete Schulstunde mit bewusstseinsbildendem Inhalt

Die plötzliche Vertretung eines erkrankten Kollegen gibt Peißinger die Gelegenheit einer zusätzlichen Stunde in seiner Klasse. Er konnte sich nicht darauf vorbereiten und nimmt spontan die Gelegenheit wahr, ein schulalltägliches Vorkommnis aus unterschiedlichen Blickwinkeln beschreiben und deuten zu lassen. Damit möchte er den Nutzen vielperspektivuíscher Betrachtung für die Auflösung eines Konflikts einsichtig machen.

Begrüßungsritual

Es gongt. Klassenlehrer Peißinger betritt seine neunte Klasse. Pünktlich.
Er geht zum Pult. Seine Schüler stehen auf. Kein Stühlerücken ist hörbar.

ZimbelnPeißinger nimmt ein Paar Zimbeln aus der Tasche und bringt sie zum Klingen.
Ihr schwebender Klang füllt den Raum mit einer guten Stimmung,
hat etwas die Atmosphäre Reinigendes und ruft zur Aufmerksamkeit.
Mit dem allmählich leiser werdenden Klang verstummen die Gespräche.
Indem die Zimbeln verklungen sind, ist es leise.

Die Blicke der Schüler sind auf Peißinger gerichtet, wach, freundlich, auf Augenhöhe.
Sie haben ihn akzeptiert - als Lehrer und als Mensch.
Er schaut sie an, jeden einzelnen einmal gerade so lange,
dass sich die Blicke begegnen und der Angeschaute spürt:
„Ja, ich bin ihm auch wichtig und lieb“.

Ungefähr eine halbe Minute braucht diese wortlose Begrüßung aller mit den Augen.
Dann sagt Peißinger in die Runde: „Einen guten Morgen wünsche ich uns.“
Und sie antworten im Chor: „Danke gleichfalls.“
„Danke auch“, antwortet er, „nehmt bitte wieder Platz.“
Die Schüler nehmen leise Platz, rücken dabei die Stühle fast geräuschlos zurecht.
Diejenigen, die ihre Plätze an den Fenstern haben,
schließen sie eben noch unaufgefordert, ohne dass es stört.
Derweilen steckt Peißinger das Zimbelnpaar leise wieder in seine Tasche.

Jeden Morgen, jede Stunde das gleiche Ritual.
Es gehört dazu. Selbstverständlich.
Es ist eingeübt als Ausdruck gegenseitiger Wahrnehmung und Wertschätzung.
Es ist so wichtig wie das Einschalten des Lichts frühmorgens in dunkler Jahreszeit.


Beobachtungen

Peißinger fällt beiläufig auf:

  • Laura scheint es Mühe zu machen, seinen Blick zu erwidern,
  • dem Werner blitzt der Schalk aus den Augen und
  • Manfred wirkt gelangweilt und innerlich abwesend.

Peißinger merkt es sich, um den dreien eine Hilfe anzubieten,
damit sie die Stunde aktiv mitmachen mögen.
Das nimmt er sich für die Phase des ersten Arbeitsauftrags vor.


Begebenheit als Impuls

Peißinger beginnt:
„Auf dem Weg hierher, nur ein paar Türen entfernt, hat sich folgendes zugetragen:

Ein Junge schubste ein Mädchen von hinten,
so dass es mit einem Ellenbogen
gegen die Kante der nicht ganz geöffneten Tür stieß.
Den Arm umklammerte es mit der andern Hand und weinte.
Bange sah sie sich um.
Der sie geschubst hatte, schimpfte sie an:
‚Das bist du doch selbst schuld, du blöde Ziege!‘.

Wie findet ihr das?“

Schüler äußern sich spontan mit Beurteilungen und Deutungen zu Wort.
Dreist heißt es, gemein, hinterhältig, typisch, machohaft, und von einem:
„Die ist ihm bestimmt mal ziemlich auf den Keks gegangen.“
Ein anderer fragt nach:
„Haben Sie das mit dem Schubsen auch wirklich gesehen?“

„Ja, gewiss doch“, antwortet Peißinger.
„Lasst uns die Situation einmal genauer betrachten.
Denn sie wird sich dabei als sehr lehrreich herausstellen.
An diesem Beispiel könnt ihr nämlich lernen,
wie man ein beobachtetes Geschehen
nacheinander aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann.
Hier im Beispiel gibt es drei Perspektiven,
nämlich erstens die Sicht des Mädchens, zweitens die des Jungen
und drittens auch noch meine Sicht, die des Pädagogen.

Ich schlage vor, den Akteuren Namen zu geben,
damit es leichter wird, von ihnen zu reden
und etwas über ihr Denken, Fühlen und Verhalten auszusagen.

So nennen wir das Mädchen Aline, den Jungen Roger,
und den Lehrer lassen wir so.

An dem Beispiel lasst uns zunächst prüfen,
ob sich die drei Sichtweisen überhaupt unterscheiden.


Verschiedene Sichtweisen

Fragen wir also zunächst:

Wird sich die Schilderung des Geschehens durch Aline
von der Schilderung unterscheiden, die Roger gibt,
oder stimmen beide überein, was meint ihr?“

Schüleräußerungen:

  • „Aline hat ja nicht gesehen, wer sie von hinten geschubst hat.
    Roger hatte sie vor sich.“
  • „Roger müsste ein schlechtes Gewissen haben,
    stattdessen beschimpft er Aline.“
  • „Vielleicht ist Aline aber auch eine Memme?“

Peißinger: „Welche der drei Äußerungen passt denn zu meiner Frage?“

Nachdem klar ist, dass dies nur für die erste Antwort zutrifft,
ist auch offensichtlich,
dass sich die Sichtweisen von Aline und Roger bestimmt unterscheiden.

„Und wie ist es mit den Verhaltensweisen der beiden?“

  • „Hier ist doch alles ganz eindeutig:
    Aline heult und Roger schimpft.“
  • „Nein, Aline leidet wirklich, Roger unterstellt ihr Anstellerei.“
  • „Sie findet sein Verhalten scheußlich,
    er aber weist ihr sogar die Schuld dafür zu.“

Rückfrage beim ersten Antworter: „Was meinst du dazu?“
Der antwortet: „Naja, so gesehen findet man schon noch kleine Unterschiede.“

So wird nach und nach fragend-entwickelnd geklärt:

  1. Jeder erlebt das Geschehen auf andere Weise,
    hat dem entsprechend andere Gefühle, die sein Verhalten prägen
    und die man an seinem spontanen Verhalten
    (mehr oder weniger) „ablesen“ kann.
  2. Jeder möchte mit seinem Verhalten (oft unbewusst) etwas erreichen.
    Sein Verhalten erzeugt meistens aber auch Wirkungen,
    die mit seinen Absichten womöglich gar nicht in Einklang stehen.
  3. Sich bewusst zu machen, was man sich eigentlich wünscht
    und was man dem Gegenüber in der Konfliktsituation anbieten kann,
    führt zu einer Verhaltenskorrektur auf beiden Seiten
    und damit zu einer neuen Situation.

Währenddessen ist folgendes Tafelbild entstanden:

Perspektivwechsel am Beispiel „Selbst schuld!
  Aline (Opfer) Roger (Täter) Lehrer (Vermittler)
Geschehen      
Spontanes Verhalten      
Emotionen      
Intentionen      
Wirkungen      
       
Angebote      
Überlegtes Verhalten      
Neue Situation      
 Abbildung 1a (Perspektivwechsel)

Peißinger:
„Die obere Zeile neben ‚Geschehen‘ wollen wir mal gemeinsam ausfüllen.“ —

Antworten:

  • Aline:
    Spürt den Stoß und den Schmerz am Arm, weiß nicht, wer sie gestoßen hat,
    hält Roger für den Verursacher, weil er sich outet. Sie weint vor Schmerz.
  • Roger:
    Hat Aline geschubst und deren Schmerz verursacht,
    bekennt sich aber nicht dazu,
    verteidigt sich ungerechtfertigt mit Schuldzuweisung an Aline.
  • Lehrer:
    Beobachtet die Situation genau so, hat keine Zeit schlichtend einzugreifen,
    weil er auf dem Weg in den eigenen Unterricht ist.
    Nutz den Vorfall als Gegenstand dieser Stunde.

In die obige Tabelle trägt Peißinger ein:

Perspektivwechsel am Beispiel „Selbst schuld!
  Aline (Opfer) Roger (Täter) Lehrer (Vermittler)
Geschehen Stoß von R verursacht Prellung und Schmerz hat A. geschubst und gibt A. selbst die Schuld beobachtet, kann nicht unmittelbar eingreifen
 Abbildung 1b (Perspektivwechsel, erste Einträge)

Rollenverteilung

„Jetzt seid Ihr dran:
Jeder von euch kann sich eine dieser 3 Rollen aussuchen.
Indem du dich in die von dir gewählte Rolle einfühlst,
stellst du dir die weiteren 8 Stationen möglichst anschaulich vor
und erläuterst sie in der Art, wie wir hier am Beispiel der ersten.

Schreib dazu bitte die Stichworte aus der ersten Spalte in dein Heft ab:
untereinander mit je zwei freien Reihen nach jedem Stichwort.
Dein Ergebnis notierst du dann neben und unter dem vorgegebenen Stichwort.

Anschließend sammeln wir eure Beiträge dazu und sprechen miteinander darüber.
Wenn wir es zeitlich schaffen,
können wir den Ablauf vielleicht noch in einem Rollenspiel verlebendigen.“

Die Frage, wer die Rolle von Aline, von Roger und der Lehrkraft einnehmen möchte,
geht erwartungsgemäß aus:
Die meisten Mädchen möchten Alines Rolle nehmen,
alle Jungen die von Rogers; den aber auch ein Mädchen,
das Jungen gegenüber forsch und selbstbewusst aufzutreten neigt.
Aber keiner meldet sich für die Lehrerrolle.

Peißinger:
„Wenigstens wer vielleicht mal Lehrer wird, sollte sich dafür interessieren.“

Noch immer rührt sich kein Finger für diese Rolle.

„Lehrer haben fast die gleichen Sichtweisen, wie Eltern.
Ihr könnt Euch stattdessen
auch Vater bzw. Mutter von Aline und Roger vorstellen.

Damit keine Bevorzugung für eines der Kinder stattfindet,
erklären wir die beiden einfach zu Geschwistern.
Gewiss möchten doch einige von Euch mal Elternteil sein, oder?“

Drei melden sich nun endlich, zwei Mädchen, ein Junge.

Peißinger:
„Nun einzeln an die Arbeit, zehn Minuten,
für jeden Aspekt eine Minute
und nochmal zwei zum Drüberschauen und Verbessern.
Bei Unklarheiten könnt ihr mich gern rufen.“


Blockaden lösen

Während sie anfangen, geht Peißinger der Reihe nach zu den dreien,
die ihm beim Morgengruß aufgefallen sind,
und unterhält sich mit ihnen im Flüsterton:

„Nun Manfred, wie fühlst du dich heute?“
    „Lustlos.“

„Bei dem Thema jetzt auch?“
    „Ach, dieser ganze Psychokram geht mir doch an der Hutschnur vorbei.“

„Was willst du nun machen?“
    „Ist ja sowieso egal.“

„Hast du dich denn für eine Rolle entschieden?“
    „Nee.“

„Dann möchte ich dir zu Roger raten;
der scheint mir manchmal genauso zu empfinden wie du.“
    „Wieso?“

„Wenn der etwas mehr für 'Psychokram' übrig hätte,
würde er sich nicht so verhalten.
Ich glaube, du kannst den deswegen am besten verstehen.
Probier es mal.“
    „Wenn es denn sein muss!“

Begeistert klingt das nicht, aber Manfred fängt nun wenigstens an. –

Laura, es kam mir bei der Begrüßung so vor,
als ob dein Blick meinem auswich.“
    „Ich habe Kummer, aber ich möchte jetzt nicht weiter darüber reden.“

„Das respektiere ich selbstverständlich, Laura.
Du darfst aber gern ein andermal zu mir kommen,
wenn Du mit mir darüber reden möchtest.
Allerdings wünsche ich mir das ausdrücklich von dir,
wenn dein Kummer etwas mit mir zu tun hätte, ja?“
    „Danke, für das Angebot. Mit Ihnen hat es aber nichts zu tun.
    Ich bin mir über mich selbst momentan nicht im Klaren
    und war wohl einfach in Gedanken, als sie zu mir blickten.“

„Kannst du dich denn jetzt auf das Thema der Stunde einlassen?“
    „O ja, das bringt mich auf andere Gedanken.“

"Dann schreib sie auf."
    "Mach ich."

Peißinger geht zu Werner.

„Hallo Werner!“
    „Hallo Herr Peißinger.“

„Dein Blick vorhin bei der Begrüßung machte auf mich einen verschmitzten Eindruck.“
    „Haben Sie das gemerkt?“

„Sonst könnte ich es dir ja nicht sagen.“
    „Es ist eigentlich ganz nebensächlich,
    denn sonst sind sie immer so etepetete mit ihrer Krawatte,
    aber heute hängt sie einfach schief und lose;
    das fand ich lustig.“

„Und was meinst du, sollte ich sie einfach so lassen oder glattziehen?“
    „Sie wissen doch selbst ganz genau,
    wie sie sich wohler fühlen, nicht wahr?“

„Zwei zu Null für dich Werner!“
    „Danke.“

Und dann zieht Peißinger seine Krawatte fest. –

Mit Blick auf die Uhr ist es jetzt soweit:
„Die zehn Minuten sind um. –
Können wir anfangen, eure Ergebnisse zusammenzutragen?“


Ergebnisse

Peißinger fasst die Sätze zu Stichworten zusammen und übernimmt den Tafelanschrieb
jeweils nach der Rückfrage, ob die Stichworte das Gemeinte träfen.
Er fordert die Schüler auf, die Eintragungen in ihre Hefte zu übernehmen.
Zum Schluss ist es die unten abgebildete Folie (Abbildung 1c).

Anschließend stellt Peißinger folgende Hausaufgabe:

Beantwortet bitte schriftlich folgende Fragen:

  • Was macht es Aline leichter, Roger zu verzeihen?
  • Was macht es Roger leichter, sein Verhalten zu bedauern?
  • Was benötigt der Lehrer für ein gutes Schlichtungsgespräch?
  • Welche Vorzüge hat für die Beteiligten der Perspektivwechsel?“

Dann gongt es.
„Ihr habt prima mitgearbeitet: Danke! —
Nun frische Luft, Fenster auf und Adieu.“

Peißinger geht. Und mit ihm die Lehramtsanwärterin Frau Bilsung,
die auf eigenen Wunsch einmal eine Vertretungsstunde erleben wollte.
Die Klasse diskutiert angeregt weiter.

Hier nun das (als Folie) entstandene Tafelbild:

Perspektivwechsel am Beispiel „Selbst schuld!
  Aline (Opfer) Roger (Täter) Lehrer (Vermittler)
Geschehen Stoß von R verursacht Prellung und Schmerz hat A. geschubst und gibt A. selbst die Schuld beobachtet, kann nicht unmittelbar eingreifen
Spontanes Verhalten weinen, umdrehen schimpfen vorbeigehen
Emotionen Schmerz, Selbst-mitleid Wut auf A., von der er sich provoziert fühlt Hilflosigkeit
Intentionen  Mitleid, Verständnis, Entschuldigung cool /( überlegen wirken, nicht nachgeben schlichten
Wirkungen R triumphiert und ignoriert ihr Leid, L hilf ihr nicht A ist sauer und weint, L greift nicht ein ist unzufrieden mit sich
Wünsche R sollte sich entschuldigen A sollte ihn nicht mehr provozieren längere Pause
Angebote R aus dem Weg gehen Eigenes Verhalten bedauern Gespräch mit A und R;
Überlegtes Verhalten  R, wolltest du mir wehtun? A, das tutu mir jetzt leid Könnt ihr euch selbst vertragen oder braucht ihr ein Schlichtungsgespräch?
Neue Situation Erträglicher Schmerz Abgewendeter Konflikt Kein Eingreifen mehr nötig
 Abbildung 1c (ausgefüllte Folie ‚Perspektivwechsel-Beispiel‘)

In einer folgenden Freistunde wird Peißinger diese Unterrichtsstunde
mit Frau Bilsung ausführlich besprechen.
Darüber berichtet das folgende Kapitel 3 "Unterricht reflektieren".



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