Unterricht reflektieren

Vorbemerkung:

  • Das Vorwort des Buches "Schule des Bewusstseins" ist der BoD-Leseprobe ab Seite 3 zu entnehmen.
  • Das nachfolgende 3. Kapitel nimmt auf das vorherige "Einsicht vermitteln" Bezug. Handlung und Leitgedanken des 3. Kapitels finden sich in der Dokumentation. des Buches "Schule des Bewusstseins".

Gemeinsame Besprechung der unvorbereiteten Stunde

Bild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf PixabayEine Lehramtsanwärterin, Frau Bilsung, hospitierte wunschgemäß bei Peißingers ‚unvorbereiteter Stunde‘ über den Perspektivwechsel mit der Beispielsituation ‚Selbst schuld!‘. In dessen nächster Freistunde ist sie mit ihm verabredet, um sich mit ihm über diese Stunde auszutauschen.

Notizen

„Während der Stunde haben Sie sich viele Notizen gemacht.
Was ist ihnen denn aufgefallen, wozu Sie mich befragen möchten?“,
eröffnet Peißinger das Gespräch.

Frau Bilsung fragt zurück, ob ihn das womöglich gestört habe.

Peißinger: „Nein, überhaupt nicht.
Ich habe gern Besucher in meinem Unterricht.
Und da gehört das Mitschreiben selbstverständlich dazu,
um hernach darüber zu sprechen.“

Auch jetzt dürfe sie sich gern Notizen machen.
Das störe ihn gar nicht und es werde den Nutzen des Gesprächs für sie erhöhen.

Wirklich unvorbereitet?

Nach höflichem Dank will Frau Bilsung Zweifel loswerden:
„Ich kann mir nicht vorstellen,
dass Sie diese Stunde unvorbereitet gehalten haben.
Das wirkte alles total professionell.“

Peißinger erklärt: „Sie merken natürlich,
dass mir das Thema Perspektivwechsel nicht fremd ist
und dass ich großen Wert darauf lege,
Schüler mit dieser Methode vertraut zu machen.“
Genauso wichtig und selbstverständlich sei ihm aber auch,
damit Geschehnisse und Verhaltensweisen reflektieren zu lassen,
die für das Miteinander der Schüler jetzt und künftig belangvoll seien.

Perspektivwechsel als Methode

Das Stichwort Methode veranlasst Frau Bilsung zu bedauern,
dass sie im Seminar9 noch nie davon gehört habe.
„Dort redet man immer nur von ‚Methodenwechsel‘ als Motivationshilfe
und als Qualitätsmerkmal von Unterricht.“

Peißinger erklärt ihr, die Variation von Sichtweisen sei ja – wie gezeigt –
keine Unterrichtsmethode, sondern ein Verfahren,
um sich äußere und innere Vorgänge als Beobachter bewusst zu machen.

„Die Methode des Perspektivwechsels hilft,
eine Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln
möglichst umfassend beschreiben und beurteilen zu können.
Wenn man sie als Pädagoge gegenüber Schülern und auch gegenüber Eltern
und sogar Kollegen in Konfliktsituationen anzuwenden geübt hat,
kann man den Beteiligten auch Anregungen geben,
die sie annehmen mögen.“

Zur Begründung fügt er hinzu,
dass sie sich auf diese Weise eben selbst gut verstanden fühlen
und zugleich eine verständnisvolle Sicht auf die andern Beteiligten aufgezeigt bekommen.
„Deswegen“, schließt er, „dient diese Methode
nicht nur einer umfassenderen Wahrnehmung,
sondern auch einer konsensfähigen Beschreibung und damit der Lösung des Konflikts.“

Wahrgenommene Wirkung

Peißinger fragt dann Frau Bilsung,
wie es denn auf sie als Beobachterin gewirkt habe,
die Stunde zu diesem Thema mit dieser Methode zu gestalten.

Sie antwortet, dass sie dergleichen noch nie zuvor erlebt habe
– weder als Schülerin noch in ihrer bisherigen Ausbildung –
und fügt hinzu:
„Ich bin erstaunt, wie gut sich mit dieser Methode
die Stunde und die Sache selbst strukturieren lassen.
Davon habe ich viel gelernt.“

Sie schränkt allerdings ein,
dass sie es sich noch nicht zutraue, es nachzumachen
oder auf eine ähnliche Situation zu übertragen.

Übertragungsmöglichkeiten

Peißinger ermutigt sie:
„Versuchen Sie es doch einfach mal.
Ich will Ihnen gern dabei helfen,
indem ich Ihnen einen Bericht über die Stunde an die Hand gebe.
Gelegentlich kann ich Sie dann auch einmal
eine Stunde in einer Ihnen vertrauten Klasse besuchen
und mit Ihnen reflektieren, wie Sie damit umgehen.“

Frau Bilsung dankt dafür und möchte wissen,
was denn da für Situationen oder Geschehnisse überhaupt in Betracht kämen.

„Die Frage“, entgegnet Peißinger, „gebe ich Ihnen zurück:
Überlegen Sie getrost selbst, was Ihnen dazu einfällt.“

Es entsteht eine nachdenkliche Pause.

Dann antwortet Frau Bilsung in eher fragendem Tonfall:
„Vielleicht wenn einer den Lehrer zu belügen versucht,
ein anderer aber die Lüge als solche erkennbar macht.
Oder wenn eine Gruppe mobbt und ein Opfer darunter leidet.
Oder wenn es um eine Klasse geht,
die einen Mitschüler als Außenseiter ablehnt.
Vielleicht auch ein Konflikt,
der durch Mitwisserschaft um ein Unrecht und den Streit darum geht,
ob die Klasse das aufklären sollte
oder das aus Kameradschaft zum Täter eher unterlassen.“

Peißinger ist begeistert:
„Wenn Ihnen zu einem für sie neuen Beispiel
auf Anhieb so viele Variationen einfallen,
haben Sie das Zeug zu einer guten Lehrerin!“

Frau Bilsung freut sich, wirkt aber auch ein bisschen verlegen.
„Nun ja“, meint sie schließlich,
„ich möchte mich immerhin darum bemühen,
es zu werden.“

Mit der Anmerkung: „Ich glaube, das wird ihnen gelingen“
setzt Peißinger hier den Schlusspunkt und lenkt das Gespräch
auf den konkreten, von Frau Bilsung beobachteten Unterrichtsverlauf.
Peißinger fragt sie, was ihr dabei aufgefallen sei,
um sich darüber auszutauschen.

Das Begrüßungsritual

Nach kurzem Überlegen sagt sie:
„Schon das Begrüßungsritual ist mir als seltsam aufgefallen.
Das kam mir – entschuldigen Sie bitte – vor
wie in einem Märchenfilm über Schule.
Ein Zeremoniell lief ab wie am Schnürchen.
Haben Sie die Klasse darauf dressiert?“

Frau Bilsung wirkt nach diesen Worten etwas unsicher,
als ob sie das dann doch vielleicht besser nicht gesagt hätte.
Peißinger merkt das und baut ihr eine Brücke:
„Ja, genau so muss es jemandem vorkommen, der nicht mitbekommen hat,
wie sich diese Form allmählich entwickelt hat,
und dem meine Motive dafür nicht bekannt sind.“

Gekonnt spielt Frau Bilsung den Gesprächsball zurück:
„Dann möchte ich gern mehr darüber erfahren.“

Peißinger führt aus,
dass nach seiner auf Erfahrung basierenden Überzeugung
Rituale in der Schule wie im Alltag unverzichtbar sind:
„Die Schule hat gerade deswegen,
weil im Alltag eine Verarmung an Ritualen um sich greift,
die Aufgabe, sie mit Schülern einzuüben und zu praktizieren“, stellt er fest.
Zur Begründung fügt er hinzu: „Erkannten Mängeln muss man entgegenwirken.“

Wert der Rituale

Zum Wert der Rituale befragt, antwortet Peißinger:

„Rituale sind wie Wegweiser.
Sie vermitteln Orientierung, Sicherheit und Wohlbefinden.

Sie wirken einladend,
indem sie eine stille, oft unbewusste Sehnsucht
zu befriedigen versprechen.

Was glauben Sie wohl, weshalb sonst Vereine und Gruppierungen
mit teils abstrusen Zielvorstellungen überhaupt Zulauf haben?“

Wenn nach Überwindung der Monarchie und der Hitler-Diktatur
manche Jugendliche sich trotzdem von NS-Gruppierungen angezogen fühlen,
habe das seinen Grund darin, dass da Rituale gepflegt werden,
die den Jugendlichen wichtiger wären als die Inhalte.

Da meint Frau Bilsung,
nun überschritte er doch den Rahmen der Stunden-Besprechung erkennbar.

„Ja gewiss. Wovon sein Herz voll ist,
davon erzählt der Lehrer immer wieder.
Der gute Lehrer sollte sich aber tunlichst erinnern,
wem er was schon wie oft gesagt hat,
um nicht durch unnötige Wiederholung
das Gegenteil seiner Absichten zu bewirken.“

Nun, dazu höre sie von Peißinger erstmals, räumt sie ein,
fragt aber doch nach, welche Bedeutung das Begrüßungsritual für die konkrete Stunde haben soll.

Zimbeln

„Schauen Sie, die Schüler hatten Pause,
haben sich bewegt, gegessen, geredet und sich abgelenkt.
Sie sind davon in einem ungerichteten Zustand.
Für den Unterricht möchte ich sie dort abholen
und sie Ruhe und Konzentration finden lassen.
Das geht ganz gut, indem sie sich
– mir gegenüber Achtung bezeugend –
von den Plätzen erheben und das akustische Signal der Zimbeln
als wahrnehmbares Zeichen dafür verstehen, nun still zu werden.
Dafür soll die Zeit reichen, während der die Zimbeln verklingen.

Zimbeln wähle ich aus zweifachem Grund: Sie klingen fein und schwebend,
nicht so laut und aufdringlich wie manche Glocke,
und ich kann Zimbeln immer bei mir haben,
denn sie passen notfalls sogar in die Hosentasche.“

„Ähnelt das nicht der Verwendung von Glöckchen in der Montessoripädagogik?“,
fragt Frau Bilsung.

„Ja, im Prinzip schon“, antwortet Peißinger.
„Allerdings kommt es dort vorwiegend z.B. bei der Stillarbeit zum Einsatz,
wenn der Geräuschpegel zu stark anschwillt.
Das Glöckchen soll die Schüler an den Arbeitsauftrag erinnern
und ihre Konzentration darauf wiederherstellen.
Das Glöckchen allerdings verstummt schneller als Zimbeln.
Darum verwende ich sie stattdessen, aber mit der gleichen Absicht:
Herstellung von Aufmerksamkeit durch Stillewerden.“

Blickkontakt

„Mir ist aufgefallen, dass Sie nach dem Verklingen des Tons
die Schüler nacheinander mit Ihren Augen eigentümlich fixiert haben;
was sollte das? –
Mir kam es wie eine Art Beschwörung vor“,
äußert Frau Bilsung.

„Was für einen Gesichtsausdruck
haben Sie denn währenddessen bei mir wahrgenommen?“,
fragt Peißinger zurück.

„Nein, sie schauten freundlich drein
und zeigten ein unaufdringliches Lächeln“,
gibt sie zur Antwort.

„Schön, dass Sie das bemerkt haben“,
freut sich Peißinger und erklärt:
„Indem ich meine Schüler einen nach dem andern mit den Augen begrüße,
habe ich das Gefühl von Wiedersehensfreude in mir bewusst veranlagt,
um es die Schüler spüren zu lassen.
Ich möchte jeden einzelnen damit einladen,
meine Gegenwart für sich zu nutzen.“

„Ja, aber ist das nicht ziemlich intim?
Könnte es sein, dass manche Schülerinnen oder Schüler aus anderen Kulturkreisen
das als zu wenig distanziert empfinden?“, fragt sie nach.

„Diese Frage ist sehr wichtig, Frau Bilsung.
Als Pädagoge steht man immer wieder vor graduellen Entscheidungen
zwischen zu viel und zu wenig,
vor Entscheidungen, die Balance erfordern.
Vor Einführung dieses Rituals habe ich Wiedersehensfreude
und Einladung zur Mitarbeit auch mit Worten ausgedrückt.
Jetzt sagt es ihnen mein Blick.
Nachdem ich anfangs die Erwiderung des Blickkontakts verbal erbeten habe,
kann ich inzwischen abwartend das Gewünschte auch ohne Worte erreichen.

Beim ein oder andern braucht es ein bisschen länger,
allmählich aber immer weniger Zeit.
Dieser Augenblick gegenseitiger Wahrnehmung
ist wie ein freundlicher Händedruck
bei der Begegnung zu einer gemeinsamen Unternehmung.

Und dabei kann ich die angesprochene Balance verdeutlichen:
Wie ein Händedruck zu fest, zu besitzergreifend
oder aber zu lasch und zu unverbindlich sein kann,
ebenso verhält es sich mit einem Blick.
Wer die Hand nicht bloß routinemäßig gibt,
spürt, was der Händedruck sagt.
Ebenso geht es dem,
der Blickkontakt bewusst wahrnimmt und erwidert:
Intentionen werden damit spürbar.

Wohldosierte Gefühle werden als angenehm empfunden.
Gefühle und den Umgang damit
muss man reflektieren, kommunizieren und trainieren.
Nur durch Erfahrung entwickelt man allmählich ein Gespür für die Balance“,
schließt Peißinger.

„Jetzt ist mir viel klarer geworden,
was Sie mit dem Blickkontakt bei den Schülern bezwecken. —
Gibt es denn dabei auch für Sie irgendeine Art von Erwiderung?“,
möchte Frau Bilsung wissen.

Peißinger gibt zur Antwort:
„Ja, natürlich bin ich selbst ein Wahrnehmender,
während mein Blick die Wahrnehmung jedes einzelnen sucht.
Ich versuche mir zu merken, wo ich den Eindruck habe,
es könnte die Art des empfangenen Blicks
ein Hemmnis für die Mitarbeit ausdrücken.
Nachher gehe ich dann auf die betreffenden zu,
um mit ihnen nach einem Brückchen vom Gefangensein in sich
zum Offensein für den Unterricht zu suchen.“

Ein ‚ritueller Dialog‘

Frau Bilsung findet: „Danach kam eine Art ritueller Dialog.
In andern Klassen wünscht der Lehrer einfach ‚Guten Morgen‘
und die Klasse antwortet darauf im Chor ‚Guten Morgen‘
und fügt den Namen der Lehrkraft an.
Sie machen das ganz anders.“

Peißinger antwortet ihr: „Genau!
Um dem für mein Empfinden unsäglichen, gedehnten Singsang
‚Guu-teen Moor-geen, Herr Peii-ßiin-geer‘ zu entgehen,
habe ich das Begrüßungsritual mit den Schülern zusammen so entwickelt,
wie Sie es erlebt haben.
Was genau wir uns für die aktuelle Stunde wünschen möchten,
sollte sich darin ausdrücken.
Der Gefahr, dass auch dies auf Dauer
durch Gewohnheit bedeutungslos dahergesagt wird,
begegne ich durch gelegentliche Variation meiner eigenen Aussage.
Kommt dann das gewohnte Echo allzu gewohnheitsmäßig,
frage ich auch nach: ‚Was habe ich uns gerade gewünscht?‘
So kommt die akustische Erinnerung an das Gehörte zum Bewusstsein
und kann damit wirksam werden.“

Dressur?

„Aha“, signalisiert Frau Bilsung Verständnis, und fragt:
„Und wie haben sie es geschafft,
dass die Klasse tatsächlich so auffällig leise die Stühle rückt,
die Fenstern schließt und Platz nimmt?“

Peißinger: „Das war ein langer Übungsweg.
Wiederholt haben wir besprochen,
dass jedes unnötige Geräusch der Konzentration schadet.
Diesmal hat die Art, wie die Stühle möglichst lautlos bewegt
und die Fenster unauffällig geschlossen wurden, gezeigt,
dass es den meisten wichtig war,
die erreichte Ruhe und Konzentration zu bewahren.
Und dann genau konnte der Unterricht beginnen“.

„Ich glaube, so ein Stundenanfang gelänge mir nicht“,
äußert Frau Bilsung nach längerem Schweigen.

„Das ist aber lernbar und gelingt umso besser,
je mehr man es verinnerlicht und geübt hat.
Es gehört anfangs etwas Mut dazu,
solange man es für ungewohnt hält.
Aber es wird Ihnen in dem Maße selbst gelingen,
wie sie es nicht nachahmend-schauspielerisch,
sondern authentisch üben.

Ein Gefühl in sich veranlagen

Ihr Blick drückt noch einige Skepsis aus,
der sie zu der Nachfrage bewegt:
„Sie sprachen davon,
dass sie ein Gefühl von Wiedersehensfreude ‚in sich veranlagten‘.
Ich habe keine Idee, wie das geht.“

„Da sprechen sie etwas aus meiner Sicht ganz Grundlegendes an.
Sie wissen, dass jeder Mensch seine Befindlichkeit
durch Zeichen der Körpersprache sehr klar – obwohl meist unbewusst – ausdrückt.
Dazu gehört auch die Art und Weise wie jemand blickt.
Man sagt ja nicht ohne Grund:
‚Das habe ich dir von den Augen abgelesen‘.
Der Blick transportiert also Gefühle.

Sie möchten wissen,
wie man sie in sich bewusst und willentlich erzeugen kann:
Das leistet der Blick nach innen.

Wenn ich mir selbst bewusst mache,
dass ich es schön finde, wieder vor dieser Klasse zu stehen, und dass ich mich darauf freue, mit ihr zu arbeiten,
dann erzeugt das ein gutes Gefühl in mir.

Das kann mit zunehmender Hingabe an den Gedanken sehr intensiv werden.
In diesem gedanklich gefassten Gefühl zu verweilen,
gelingt mir mit entsprechender Übung recht gut.
Und mein Blick und meine Körperhaltung
machen dieses Gefühl für mein Gegenüber wahrnehmbar,
wenn wir Blickkontakt haben. Es wirkt.“

Hypnose?

„Hat das nicht beinahe etwas Hypnotisches an sich?
Besteht da nicht die Gefahr der mentalen Vergewaltigung?“,
vertieft Frau Bilsung eine frühere Frage noch einmal.

„Ja und nein“, antwortete Peißinger.
Nein im Hinblick auf ‚etwas Hypnotisches‘.
Sie wissen ja, dass Hypnose mit Trance zu tun hat.
Mein Blickkontakt bezweckt aber Wachheit, Konzentration und Aktivierung,
mithin das Gegenteil von Trance.
Aber auch ja im Hinblick auf die Beeinflussung, die das darstellt.
Wer jemandem eine fremde Meinung oder Einstellung suggeriert,
die ihm selbst Nutzen bringen soll,
handelt offenbar unverantwortlich und gefährlich.

Gruppierungen, die mit Ritualen locken,
nehmen auf Neulinge gern Einfluss
über solche gezielt eingesetzten, sublimen Bräuche.
Vielleicht ist das bei den Scientologen so.
Werbung lebt davon, Demagogen praktizieren es virtuos
– und manche Politiker gewiss auch.

Dabei ist die willentliche Beeinflussung von Menschen
über Mimik, Gestik und Körpersprache
wie der Gebrauch von Streichhölzern:
Es kommt auf den verantwortlichen Umgang damit an!

Solange ich meine Schüler wertschätze,
füge ich ihnen keinen Schaden zu,
solange handle ich verantwortlich.

Unter dieser Bedingung halte ich den Einsatz
und die beabsichtigte Übertragung von Gefühlen für genauso legitim
wie die Liebe von Eltern zu ihren Kindern,
die sich ganz ähnlich darstellen kann.
Meine Schüler dürfen und sollen getrost spüren,
dass sie mir „lieb und wichtig“ sind.
Und sie sollen erleben,
dass ich mich als ‚Entwicklungshelfer‘ für ihre Kompetenzen verstehe.
Dazu gehört auch, dass ich sie befähige,
gegenüber sublimer Manipulation wachsam und skeptisch zu sein.
Andererseits sollen sie auch zu ‚erweiterter Wahrnehmung‘ fähige werden,
um authentische Zuwendung als solche zu erspüren.

Ihre Skepsis, Frau Bilsung, gegenüber der Beeinflussung mittels Blickkontakt
finde ich ein erfreuliches Zeichen dafür,
dass Sie selbst dergleichen kritisch hinterfragen.
Das halte ich für eine unverzichtbare Basiskompetenz von Lehrern.“

Missdeutung vorbeugen

„Wie kann ich mich aber davor hüten,
Zeichen, die Gefühle ausdrücken, zu missdeuten
oder selbst missverständlich zu gebrauchen“,
onkretisiert Frau Bilsung ihre verbliebene Unsicherheit.

„Ein Lehrer sollte sich hüten,
in die Rolle eines Rattenfängers zu geraten,
dem die Schüler zulaufen,
den sie anhimmeln und verehren.
Er sollte auch wachsam sein
im Hinblick auf die Gefahr einer eingebildeten persönlichen Zuneigung,
die sich womöglich unbewusst
als Folge einer Wunsch-Projektion einschleichen könnte.

Bei jeder persönlichen und emotionalen Zuwendung
sollte man darum eine alte Schulmeistererfahrung bedenken:

Geht der Lehrer zu nah auf seine Schüler zu,
vergrößern sie instinktiv den Abstand und verschließen sich.

Das Ergebnis wäre das Gegenteil von dem,
was der Lehrer erreichen will.
Auch hier kommt es darauf an,
die rechte ‚Balance‘ zu finden.
Dabei ist es unerlässlich,
die eigenen Wahrnehmungen kritisch zu prüfen
und darüber auch vertrauensvoll aber unaufdringlich zu sprechen.“

Ausklang

„Danke“, sagt Frau Bilsung, „genau so habe ich unser Gespräch empfunden.“

„Bitte sehr“, sagt Peißinger, „nun muss ich mich wieder anderem zuwenden.
Gern ein andermal mehr.“

„Ja, gern!“, antwortet Frau Bilsung und gibt Peißinger die Hand.
Ihr Blickkontakt lässt sie beide spüren:
Sie haben einander verstanden.


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