Erziehung in Schule und Elternhaus

Vortrag auf einem Elternabend
über Leitideen der Bewusstseinsbildung

Dieser Beitrag gibt das 10. Kapitel "Erziehung reflektieren" des Buches [1] "Schule des Bewusstseins" wieder, das ein Referat des Klassenlehrers Peißinger auf einem Elternabend seiner Klasse zum Thema [2] "Kinder unterstützen" beinhaltet. Den Text des Referats können Sie sich in 5 Videoclips vortragen lassen, die den Abschnittsüberschriften per Link zugeordnet sind.

Das Referat über Erziehung in Schule und Elternhaus, um das Sie, liebe Eltern, mich gebeten haben, möchte ich folgendermaßen gliedern:

1. Begriff der Erziehung

2. Ein Kriterium für gute Erziehung

3. Erziehung als Bewusstseinsbildung

3.1 Bewusstsein und Wahrnehmung
3.2 Pacing and Leading
3.3 Perspektivwechsel

1. Begriff der Erziehung

Bildung und Erziehung sind zwei Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung.
Während ‚Bildung‘ den Prozess und das Ergebnis
des Erwerbs intellektueller Interessen, Kenntnisse und Fähigkeiten bedeutet,
verstehe ich unter ‚Erziehung‘ den Prozess und das Ergebnis
des Trainings individueller und sozialer Verhaltensweisen.

Während Bildung hauptsächlich durch Schulen vermittelt wird,
teilen sich Schule und Elternhaus die Erziehungsarbeit,
denn nach Art. 6 (2) GG ist

Erziehung vorrangig Elternrecht und Elternpflicht,
und nach den Schulgesetzen der Länder auch Aufgabe der Schulen.
Grundgesetz, Landesverfassungen und Schulgesetze
bestimmen Ziele der Erziehung durchweg in der Weise,
dass sie Grundeinstellungen und Werthaltungen beschreiben,
die in jungen Menschen veranlagt werden sollen.

Dazu gehören also beispielsweise:

  • Ehrfurcht vor Gott,
  • Achtung vor der Würde des Menschen,
  • Bereitschaft zum sozialen Handeln,
  • Menschlichkeit,
  • Demokratie,
  • Toleranz,
  • Verantwortungsbereitschaft und
  • Gemeinschaftssinn.

Diese Ziele werden unter anderem im schulischen Unterricht angestrebt.

Die Erziehungsarbeit im engeren Sinn zielt darauf,
den Umgang der Heranwachsenden
mit sich selbst, mit einander und mit der Umwelt
zu reflektieren und zu kultivieren.

In diesem Vortrag will ich davon reden,
wie wir das an dieser Schule zu leisten versuchen,
und wie Sie, liebe Eltern,
daran teilhaben und uns darin unterstützen können.

Über schulgesetzliche Vorschriften hinaus ist uns Lehrern wichtig,
was Harald Eichelberger am 22.5.2007 in einem Festvortrag sinngemäß so formuliert hat:

Lehrer sind verpflichtet
  • dem Schutz, der Entfaltung und der Entwicklung
    des jeweils anvertrauten Individuums,
  • einem gegenseitigen Vertrauensprinzip,
  • einem Dienst ausschließlich zum Nutzen des Kindes und
  • zur Selbstbegrenzung ihrer Macht.

In diesem Sinne verstehen auch wir
Erziehung als Dienstleistung am Kind.

Erziehung soll grundsätzlich nicht den Willen des Kindes brechen,
sondern ihm Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten
aufweisen und eröffnen.
Sie soll damit seine individuelle Persönlichkeitsentwicklung fördern.

Dazu gehört auch,
es gegen ungute, fremdbestimmte Einflüsse (z.B. Werbung)
und gegen Zeitkrankheiten (wie z.B. Gier oder Sucht) zu immunisieren.

Wir bemühen uns um Akzeptanz bei den Kindern,
indem wir ihnen mit Achtung und Wertschätzung begegnen
und nötige Entscheidungen mit Augenmaß treffen und verständlich machen.

Wir versuchen, den Kindern auch als Vorbild zu dienen,
indem wir beispielsweise die Regeln, die für sie gelten, auch selbst einhalten
und indem wir unsere Autorität auf Kompetenz und Zuverlässigkeit stützen.

Wir unterscheiden uns mit diesem Ansatz sowohl von der autoritären Schule,
welche die Anpassung der Kinder an Vorgaben bezweckt,
als auch von antiautoritären Schulen nach dem Beispiel Summerhills,
in der kindlicher Freiheit fast keine Grenzen gesetzt werden
und Freiheit als Beliebigkeit missdeutet wird.

Zwischen autoritärer und antiautoritärer Erziehung
ist die Erziehung angesiedelt,
die dem Individuum Hilfe zu seiner Entwicklung bietet,
die zur Entdeckung und Entfaltung seiner Anlagen
und zur Weckung und Erhaltung seines Lerneifers
sowie zum verantwortlichen Gebrauch seiner Freiheit beiträgt.

In diesem Sinn nenne ich Eltern, Lehrer und Erzieher gern
‚Entwicklungshelfer‘ der Heranwachsenden.

Der Unfreiheit autoritärer Erziehung
und der Beliebigkeit antiautoritärer Erziehung
möchten wir die Verbindlichkeit individueller Erziehung entgegensetzen:

  • Verbindlich-respektvoll soll unser Umgang sein,
  • verbindlich-verlässlich soll unser Tun und Lassen,
  • verbindlich-richtungweisend sollen unsere Hinweise und
  • verbindlich-einladend sollen unsere Unternehmungen sein.

Sie, liebe Eltern, haben die denkbar engste Verbindung zu Ihren Kindern.
Damit sollen und können Sie in unnachahmlicher Weise als Erzieher wirken.
Ihre und unsere Erfahrungen sollten sich zum Wohl Ihrer Kinder verbinden.

Als Grundlage für Gespräche darüber möchte ich darlegen,
was sich aus schulischer Sicht für die Erziehung
als Kriteriumund auch als Methode anbietet.

2. Ein Kriterium guter Erziehung

Mein Erziehungskriterium lautet:

Ist das, was ich gerade tun oder lassen,
billigen oder verbieten will, für mein Kind
jetzt und künftig gut und nötig?

Ja, mögen Sie einwenden, wenn man das nur immer wüsste.

Aber wie ich werden auch Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen
ein Gefühl dafür entwickelt haben,
was gut sein mag und was bedenklich.
Diesem Gefühl trauen Sie getrost.

Nehmen Sie das Goethewort (aus Faust II) als Ermutigung dazu:

‚Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange,
ist sich des rechten Weges wohl bewusst!‘

Bei großer Unsicherheit sprechen Sie mit Menschen darüber,
denen ihr Kind (fast) so lieb ist wie Ihnen selbst;
denn die Liebe zum Kind ist der verlässlichste Ratgeber.

Und je größer ihr Kind wird,
desto mehr beziehen Sie es selbst in die Abwägungen mit ein,
was jetzt und künftig gut und nötig für es sei.

Solange allerdings Sie die Verantwortung für das Kind tragen,
treffen Sie die Entscheidungen, niemand sonst:
Das Kind nicht, die Großeltern und Tanten nicht
und schon gar nicht die Nachbarn.

Sie als Eltern sind für das Wohl ihres Kindes verantwortlich.
Das wissen Sie längst.

Warum thematisiere ich das denn überhaupt?
Nun, es ist eben leider im Alltag doch nicht so selbstverständlich.

Ich zähle beispielhaft ein paar denkbare äußere Entscheidungseinflüsse auf:

  • Der anstrengende Beruf,
  • die Sorge um die eigenen Eltern,
  • das übernommene Ehrenamt,
  • das knappe Geld,
  • womöglich ein Unfall mit schrecklichen Folgen,
  • der gleichwertige Anspruch der Geschwister des Kindes,
  • die fremden Kinder, deren Eltern ihnen Gott weiß was gönnen,
  • kaufen oder erlauben,
    und schließlich
  • die insgeheim offensiv miterziehende Werbeindustrie,
    die den Kindern voller List etwas vorgaukelt –
    und sogar manchen von uns.

Besonders im Bereich des heute ‚Outfit‘ genannten Krams
gilt vieles als ‚angesagt‘, was man tunlichst hinterfragen sollte,
ob es gut und nötig sei – im Sinne von

  • nützlich,
  • vorteilhaft,
  • angemessen,
  • finanzierbar und
  • bescheiden.

Ja, Sie haben recht gehört: Bescheiden!

Als Wochenspruch auf einer Internetseite habe ich einmal gelesen:

‚Bescheidenheit ist die liebe Mutter der Zufriedenheit,
Unzufriedenheit das ungeliebte Kind der Unbescheidenheit‘.

Ja, Bescheidenheit macht zufrieden, Unbescheidenheit unzufrieden.

Wenn Sie wollen, dass ihr Kind auch in Situationen
jenseits unseres derzeitigen Wohlstands zufrieden leben kann,
dann lehren Sie es Bescheidenheit.

Wenn sie das nämlich unterlassen,
geben Sie dem Wachstumsfetischismus Macht über ihr Kind,
alles müsse unbedingt immer mehr werden und wachsen.
Die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen erweist dies als Irrtum!

Ich behaupte nicht, dass es heutzutage einfach ist,
Bescheidenheit zu veranlagen.
Denn es genügt ein Kind in der Klasse oder in der Nachbarschaft,
das mit einem Unbescheidenheitsmerkmal kokettiert,
und schon haben wir als Eltern die Frage auszuhalten,
      ‚wieso nicht ich, wenn doch die … oder der … und alle … ‘.

Nachgeben ist ja zweifellos bequem,
vielleicht irgendwann die Folge von Resignation
oder bei manchen Eltern auch Sublimation schlechten Gewissens
wegen unguter Rahmenbedingungen der Erziehung.

Doch wenden Sie bitte das Kriterium auf diese Aufzählung an:

Sind Entscheidungen gut und nötig für das Kind,
die auf schlechtem Gewissen, Resignation oder Bequemlichkeit gründen?

Ich weiß wie Sie,
wie schwer es sein kann,
einem Kind nein zu sagen.
Kinder sind ja Weltmeister im Herzerweichen.
Jede solche Attacke auf Ihr Herz
ist aber auch ein Test:

„Komme ich damit durch oder nicht?“

Die Kinder sind auch Variationskünstler.
Klappt es nicht mit dem Herzen, dann vielleicht mit den Nerven?

Sie kennen das:

  • Wiederholungen ohne Ende,
  • Lautstärke erhöhen,
  • Tränen fließen lassen,
  • Vorwürfe absondern,
  • beleidigen,
  • Türen knallen,
  • Rückzug,
  • Angst erzeugen.

Die Methode, die schließlich siegt, prägt sich ein.
Das erleben Sie dann öfter.

Wenn Sie nach reiflicher Überlegung einen Entschluss
im Sinne des Erziehungskriteriums gefasst haben,
lassen Sie sich bitte auf keinen Fall einschüchtern.
Sie fallen sonst bei dem Test durch –
und dann immer wieder!

Bleiben Sie also konsequent.
Auch dann, wenn es ihnen sehr lästig vorkommt.
Das ist normal. Es gehört dazu.

Sagen Sie:

‚Nein, mein Kind, weil ich dich lieb habe,
kann ich dem nicht zustimmen.
Das musst du bitte respektieren.‘

Fest und möglichst unaufgeregt,
aber standhaft – verbindlich eben!

Erziehung ist in erster Linie Entwicklungshilfe,
in zweiter Linie aber auch Selbstschutz.
Letzteres ist meist der nervenaufreibendere Teil.
Bleiben Sie dabei möglichst gelassen, nochmal: verbindlich!

Wenn Sie verbindlich-konsequent bleiben, lässt der Druck nach.
Kein gesunder Mensch setzt nämlich
ständig vergebliche Versuche auf Dauer fort.

Diese Erfahrung haben wir den Kindern voraus.

Allerdings gibt es Kinder, die haben einen erstaunlich langen Atem,
von dem wir womöglich noch etwas lernen können.

Wie man von einander und mit einander lernen kann,
das eigene Verhalten sich selbst und andern gegenüber zu kultivieren,
davon handelt der nächste Abschnitt:

3. Erziehung als bewusstseinsbildender Prozess

3.1 Bewusstsein und Wahrnehmung

Vaclav Havel hat in einer viel beachteten Rede
vor dem Deutschen Bundestag in Bonn am 24. April 1997 folgendes gesagt:

‚Freiheit im tiefsten Sinne des Wortes bedeutet mehr,
als ohne Rückhalt zu sagen, was ich denke.
Freiheit bedeutet auch, dass ich den anderen sehe,
mich in seine Lage hineinzuversetzen, in seine Erfahrungen hineinzufühlen
und in seine Seele hineinzuschauen vermag und imstande bin,
durch einfühlsames Begreifen von alledem meine Freiheit auszuweiten.
Denn was ist das gegenseitige Verständnis anderes
als die Ausweitung der Freiheit und die Vertiefung der Wahrheit?‘

Mit anderen Worten:

Wenn es uns gelingt,
mit den Augen unseres Gegenübers auf uns selbst zu schauen
und auf die von ihm wahrgenommene Wirklichkeit,
erweitern wir unseren Horizont um seine Perspektive.

Der Schlüssel dazu ist eine herzliche Wertschätzung des Gegenübers.

Der Lohn dieser Sichtweise ist eine erweiterte Erkenntnis und der Fundus
für noch mehr Deutungs-, Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten
in unserer eigenen Lebenswirklichkeit, also ein Zuwachs an Freiheit.

Das Trainieren dieser Perspektive ist ein [8] bewusstseinsbildender Prozess.

Mit der Erziehung unternehmen wir oftmals unbewusst ungezählte Versuche,
den Heranwachsenden die Augen für unsere Sichtweisen zu öffnen.

Wenn das gepaart ist mit unserer Achtsamkeit gegenüber deren Sichtweisen
durch Hineinfühlen in ihre Lage, Erfahrungen und Seelenbefindlichkeit,
dann gehen auch uns selbst die Augen und Herzen weiter auf.

Ich versuche das einmal an einem ganz einfachen Beispiel
konkret zu beschreiben:

Tom fasst sich wiederholt an die Stirn.
Ich frage ihn: „Fühlst du dich nicht wohl?“
Tom: „Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren.“
Ich frage ihn: „Womit könnte das besser werden?“
Er überlegt und sagt:
„Eine Pause an der frischen Luft würde mir gut tun, glaube ich.“

Nachfolgend beschreibe ich Ihnen,
was sich während dieses Dialogs in meinem Bewusstsein abgespielt hat:

Toms Handbewegung fällt mir durch ihre Wiederholung auf
und wird mir durch meine auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit bewusst.

Weil mir Tom als Schüler lieb und wichtig ist,
veranlasst mich die bewusste Wahrnehmung,
ihn nach deren Grund zu fragen, um ihm vielleicht helfen zu können.

Spontan fällt mir ein, ihn nach Kopfschmerzen zu fragen.
Ich merke aber, dass ich damit meine eigene Vorstellung
‚So verhalte ich mich bei Kopfschmerzen‘ auf ihn projiziere.

Wenn das nicht zuträfe, würde ich gefahrlaufen,
mit einem ‚Nein, nein‘ abgespeist zu werden.
Darum wähle ich stattdessen die weiter gefasste Frage
nach seinem Wohlbefinden,
auf die Tom differenzierter antworten kann.

Darauf gibt Tom dann tatsächlich eine von mir unerwartete Antwort.

Erneut überlege ich, wie ich ihm helfen kann.
Ich möchte ihn aber weder mit einer Mitleidsbekundung [9] vertrösten
noch ihm von mir aus einen Vorschlag machen;
denn es geht ja um ihn.

Darum rege ich ihn zum Nachdenken über sein Problem an,
indem ich ihn frage, wovon er sich Besserung versprechen könnte.

Damit bleibt er frei, sich zu überlegen, was ihm gut scheint,
und das zu äußern.

Das ist ganz wesentlich dafür,
dass er sich anschließend wirklich wohlfühlen kann.

Im Hinblick auf das eingangs erwähnte Havel-Zitat wird deutlich:

Damit mein Fundus für Deutungsmöglichkeiten
einen Zuwachs erfahren konnte, war es wichtig,
Toms Freiheit beim Einfühlen in seine Befindlichkeit zu wahren.

Dafür war die selbstkritische Prüfung nötig,
ob mein Einfühlen in seine Befindlichkeit
womöglich von einer Projektion eigener Vorstellungen überlagert würde.

Eine Zwischenbemerkung erlaube ich mir an dieser Stelle:

Unbewusste Projektionen darf man in ihrer Bedeutung nicht unterschätzen;
denn sie verursachen häufig leidvolle Enttäuschungen
und sind oftmals ursächlich für dramatische zwischenmenschliche Konflikte.

Darum verlangt die Zukunftsfähigkeit der Kinder,
sich selbst und sie aufmerksam zu machen,
wo solche Projektionen – zunächst recht unauffällig – eine Rolle spielen.

Wenn man so achtsam und bewusst mit sich und andern umgeht,
mutet das vielleicht gewöhnungsbedürftig und kompliziert an.
Aber das ist nicht nur spannender,
sondern gut und nötig für gegenseitiges Verständnis:

Der Mensch, der sich verstanden fühlt, ist nämlich bereit,
über seine Sichtweise nachzudenken und sie zu verändern.

3.2 Pacing and Leading

Auf der Fähigkeit zur Änderung der eigenen Sichtweise
beruht die ‚Pacing and Leading‘ genannte Methode der Menschenführung.
Und auf ihr beruht das Konzept der Erziehung als Bewusstseinsbildung.

Das möchte ich Ihnen wiederum an einem ganz einfachen Beispiel verdeutlichen,
bei dem es jetzt um eine erzieherische Einwirkung geht:

Der elfjährige Kai hat einen ihm gegebenen Auftrag ‚vergessen‘.
Nur wenn Sie den Auftrag an sich für wichtiger halten als Kais Erziehung,
nur dann erledigen Sie am einfachsten selbst, was er vergessen hat.

Die Nebenwirkung wäre allerdings, dass Kai sich einprägt,
es sei recht praktisch, etwas einfach zu ‚vergessen‘.

Darum sollten Sie vielleicht doch besser
die erzieherische Einwirkung in Betracht ziehen.

Die Standardfrage der meisten Eltern an Kai wird lauten:
„Warum hast du den Auftrag noch nicht erledigt?“

Wie würden Sie sich wohl in Kais Lage fühlen,
wenn Sie diese Frage hörten?

Doch vermutlich unwohl. – Und warum?
Es liegt ja ein Vorwurf in der Frage nach dem ‚Warum nicht‘.

Den spürt Kai
und er wird darauf vermutlich abweisend reagieren:
„Das habe ich halt vergessen.“

Und er wird es in einem Tonfall sagen,
der so klingt als wolle er auch sagen:
„Was ist schon dabei.“

Bevor wir uns eine bessere Frage an Kai überlegen,
machen Sie bitte mit mir einen großen Schritt in eine fernere Zukunft:
Stellen sie sich vor, Kai hätte schon diese Schule absolviert,
aber wieder einen Auftrag zu erledigen vergessen.

Er würde das nicht abtun, sondern vielleicht sagen:

‚Oh, es ist mir gar nicht recht, dass ich es nicht schon erledigt habe;
denn du hattest dich ja auf mich verlassen.
Sei mir bitte nicht böse; denn ich möchte dich nicht enttäuschen.
Anderes ist mir dazwischengekommen,
so dass ich es aus dem Blick verloren habe.
Ist es gut, wenn ich es jetzt so schnell wie möglich nachhole? ‘

Es geht uns nicht um seine vielen Worte, es geht nur um

  • seine Einsicht,
  • sein Einfühlungsvermögen und
  • seine Bereitschaft zur Wiedergutmachung.

Dahin möchten wir Kai doch gern bringen, nicht wahr?

Wie kann das erreicht werden?

Frei von dem ‚warum nicht‘-Vorwurf wäre eine Nachfrage wie die folgende:
„Wie steht es eigentlich um den Auftrag, den ich dir neulich gab?“

Kai wird vermutlich kurz nachdenken und dann wohl wieder antworten,
dass er ihn ‚vergessen‘ habe, aber weniger abwehrend,
womöglich mit einen Unterton von Bedauern.

„Magst du mir sagen, was dir dazwischen gekommen ist?“
wäre eine anteilnehmende und daher für Kai akzeptable Nachfrage.

Er wird sie, wenn er sich noch erinnert, beantworten
oder andernfalls bedauernd rückmelden, er erinnere sich leider nicht mehr daran.
„Das kommt vor“, könnte die Antwort in beiden Fällen lauten.

Bis hierher spürt Kai, dass Sie Verständnis für ihn haben.
Das ist soweit also ein Beispiel für ‚Pacing‘.
Tückisch lauert hier allerdings die Verallgemeinerungsfalle:

Wenn Sie sich augenrollend zu einem Vorwurf hinreißen lassen wie dem,
es sei ja schrecklich,
dass er immer alles – wahrscheinlich sogar absichtlich – vergesse,
dann würden Sie ihren Einfluss auf Kai mindern – wenn nicht gar einbüßen

Sie können dann vorhersehen, dass Kai daraufhin dicht macht.
Der fühlt sich dabei nämlich ähnlich wie beispielsweise ein Mann,
dessen Ehefrau ihm vorhält, er lasse immer überall alles liegen.
Kennen Sie das? –
< Im Kapitel 6 „Vorgehen erklären“ wird beschrieben, wie diese Verallgemeinerung aufgelöst werden kann.>.

Sie wissen alle:
Kritik, die Unterstellungen und Verallgemeinerungen beinhaltet,
vergiftet bloß die Atmosphäre.

Die Kinder wie Kai empfinden das auch, sind aber hilflos dagegen
und reagieren intuitiv mit Widerspruch, Trotz oder Schweigen.

Aber auch schon der nicht verallgemeinernde, konkrete Vorwurf
würde eher Abwehr als Einsicht erzeugen.

Wie ist nun zu erreichen, dass Kai bewusst wird,
dass Sie ihn beauftragt haben, damit er Ihnen die damit Mühe abnimmt?
Sie könnten es ihm natürlich einfach so mitteilen.
Aber er könnte daraus wieder einen Vorwurf heraushören,
nämlich den, Ihre Erwartungen enttäuscht zu haben.

Das hat er ja auch.

Wäre es nicht wirkungsvoller,
er merkte das von sich aus, ohne Vorhaltung?
„Kannst du dir denken, warum ich dich gebeten habe,
mir den Auftrag abzunehmen?“

Das wäre eine Frage, die Kai veranlassen kann,
Ihre Perspektive einzunehmen.

Damit beginnt ‚Leading‘.

Unterstellen wir einmal, dass Kai die Frage blöd findet
und schnodderig mit der Antwort „Aus Bequemlichkeit!“ abtut.
Das finden Sie natürlich unverschämt.

Wenn Sie deswegen keinen Nebenkriegsschauplatz eröffnen wollen,
bewahren Sie trotzdem die Fassung als Ausweis Ihrer Überlegenheit:

„Bist du sicher?“ oder
„Hältst du mich denn für faul, Kai?“

Das wird ihn verunsichern und vermutlich einlenken lassen.

Jedenfalls wird die Frage, weshalb sie Kai beauftragt haben,
jetzt gewiss eine annehmbarere Antwort finden, beispielsweise:

„Ich sollte dir das abnehmen, weil du viel zu tun hast.“

Und wenn die Begründung fehlt,
ist es nun an der Zeit, sie selbst zu geben:

„Richtig, du weißt ja, was ich alles um die Ohren hatte.“

Nun ist Kai noch zu verdeutlichen, dass Sie ihm den Auftrag zugetraut haben
und dass Ihnen die Sache auch wichtig war.

Beispielsweise kann die Aussage
„Mit der Gefälligkeit, um die ich dich gebeten habe,
solltest du mir aber nicht nur irgendeine Arbeit abnehmen“,
Kai die Wichtigkeit des Auftrags erkennen lassen.

Und wenn Sie hinzufügen
„Ich habe mir vorher auch überlegt, ob ich dich darum überhaupt bitten kann“,
mag Kai mit der Rückfrage „Wieso?“ reagieren,
auf die hin Sie ihm erklären können:
„Du bist groß genug, dass ich es dir zutraue“.

Schließlich bleibt Kai zu veranlassen,
den Auftrag endlich auszuführen.
Dazu ist einerseits klarzustellen
„Ich möchte, dass du ihn möglichst bald erledigst“
und darüber hinaus ist Kai zu fragen,
wann er das tun kann.

Schließlich soll er Ihnen nach Erledigung Bescheid sagen.

Danach ist das Ziel von ‚Leading‘ erreicht.

Beim nächsten Auftrag wird dann alles leichter gehen,
wenn Sie sich jetzt bei Kai bedanken und ihm sagen:
„Deine Hilfe ist mir lieb und wichtig“.

Damit ist das simple Beispiel endlich fertig.

Sie werden nun fragen: „Wozu so umständlich?“.
Vermutlich führt die einfache und entschiedene Anweisung
„Bitte Kai, erledige das jetzt!“ dazu,
dass der Auftrag als solcher schnell ausgeführt wird.
Dazu bedarf es in der Tat keiner langen Diskussion.

Der aufwändige Dialog hat aber doch ein anderes Ziel,
nämlich Kai so viel an Einsicht zu vermitteln,
dass er sein künftiges Handeln daran ausrichten kann.

Im Rahmen meines Referats hat der Dialog den Zweck,
einen bewusstseinsbildenden Prozess beispielhaft vorzustellen.

Das Beispiel mag Ihnen auch als Anregung dienen,
gelegentlich auf ähnliche Weise bewusstseinsbildend zu agieren.

Sie werden merken, dass schon bei einmaliger Anwendung
das Kind mit Erstaunen und anders als bisher reagiert.

Erklären Sie ihm, dass sie mit ihm so umgehen möchten,
dass es nicht nur tut, was sie sagen,
sondern versteht, warum das wichtig für sich und für Sie ist.

Mit jeder erneuten Anwendung werden Sie selbst
die Vorteile dieser Methode wahrnehmen.
Sie fühlen sich besser – und ihr Kind auch.

Und je öfter sie wieder so handeln, üben und variieren,
desto einfacher wird es ihnen vorkommen
und desto deutlicher verbessert sich Ihre Beziehung zu Ihrem Kind.

Sie sehen:

Bewusstseinsbildung ist kein Ereignis, es ist ein Prozess.
Und der braucht einen Anfang und dann Ausdauer.

3.3 Perspektivwechsel

Wer Erziehung als Bewusstseinsbildung betreiben will,
tut sich leichter, wenn er auch übt,
selbst über Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsweisen nachzudenken,
sie sich selbst bewusst zu machen.

Dafür braucht man kein Psychologiestudium und keinen Kursus zu absolvieren.
Es genügt die Bereitschaft,
über bisher automatische Verhaltensweisen nachzudenken,
und bisher vermeintlich Gewisses doch in Frage zu stellen.

In der konkreten Situation, sobald Sie erkannt haben, was das Kind möchte,
und Sie erzieherisch handeln wollen,
genügen wenige Augenblicke um zu erkennen,

was für das Kind jetzt und künftig gut und nötig ist.

Sobald sie diese Überlegung dem Kind verständlich machen,
betreiben Sie aktive Bewusstseinsbildung.

Bisher für richtig Gehaltenes müssen Sie dabei nicht aufgeben,
aber es sich bewusst und dem Kind verständlich machen.

Wenn Sie Alternativen erkennen,
schätzen Sie kurz ab, welche Folgen daraus erwachsen können,
sprechen Sie auch darüber mit dem Kind
und treffen Sie anschließend Ihre Entscheidung,
die das Kind dann für sich als wohlüberlegt und gutgemeint empfinden kann.

Damit stellt sich sowohl beim Kind als auch bei Ihnen selbst Zufriedenheit ein.
So verringern sich nämlich Spannungen und Erziehung wird einfacher!

Manche Entscheidung werden Sie im Nachhinein als ungut bewerten.
Selbstverständlich unterlaufen Ihnen Fehler.
Die Frage, wie Sie damit vor den Kindern umgehen, zeigt,
wie ernst Sie sich um Bewusstseinsbildung bemühen:
Verschweigen, Vertuschen und Drumherumgerede helfen nicht.

Ihr Kind hat schon ein feines Gespür dafür,
wenn jemand versucht, ihm etwas zu verbergen.

Wie Sie als Erwachsene ein Gefühl dafür haben, was echt und was unecht ist,
so auch ihr Kind.

Zwar kann oder mag es das Ihnen gegenüber nicht ausdrücken,
aber es fühlt sich verunsichert, nicht ernst genommen und unwohl.
Das Vertrauen, das Sie sich von ihm wünschen, gerät unnötig ins Wanken.
Es aufrecht zu erhalten, ist ganz einfach:
Bekennen Sie sich ungeniert zu Fehlern;
denn Glaubwürdigkeit ist die Basis des Vertrauens, nicht Fehlerlosigkeit,
und Intransparenz ist ein starkes Indiz für Unglaubwürdigkeit.

Eine Bemerkung zum Lob des Fehlers möchte ich einschieben:

Ich nenne Fehler meine Freunde,
denn ich lerne von ihnen intensiv und häufig.
Allerderdings wechsle ich diese ‚Freunde‘ rasch,
möglichst nach einmaliger Begegnung mit ihnen.

Solange Sie Bewusstseinsbildung noch nicht intensiv praktiziert haben,
werden Sie ziemlich oft unsicher sein,
ob ihre Überlegungen und Handlungen ‚richtig‘ waren.

Richtig ist ja,
was Sie für Ihr Kind für Gegenwart und Zukunft für gut und nötig halten.

Unsicherheit darüber ist ein guter Anlass,
mit andern Eltern und mit Lehrern darüber zu sprechen.
Sie werden merken, dass auch die andern unsicher sind;
aber gemeinsam werden Sie noch mehr Ideen entwickeln
und sich gegenseitig unterstützen, immer ‚besser‘ zu werden.

Verabreden Sie sich mit einander, am besten heute noch.
Dann haben Sie eine große Hürde schon überwunden.

Indem Sie im Laufe der Zeit immer ‚besser‘ werden,
nehmen nicht nur Spannungen ab,
sondern es hält eine bessere Atmosphäre in Ihrer Familie Einzug.

Vielleicht halten manche unter Ihnen dies für utopisch.
Aus meiner Erfahrung als Elternteil und Lehrer sage ich Ihnen:
Es ist keine Utopie, sondern erlebbare Wirklichkeit.
Geben Sie also nicht auf, wenn Sie damit angefangen haben.

Bei der Bewusstseinsbildung wird es Ihnen auch helfen,
eine Art des Denkens zu üben, die man ‚mehrperspektivisch‘ nennt. –
Das ist im Kern wieder etwas ganz Einfaches:

Zu vielen alltäglichen Fragen vertreten Sie selbst jeweils einen Standpunkt.
Ihr Partner oder Ihr Nachbar auch, aber nicht den gleichen.

Wenn Sie jene so gut kennen, dass Sie sich – ohne sie vor sich zu haben –
ihre Standpunkte zur gleichen Frage vergegenwärtigen können,
dann denken Sie bereits mehrperspektivisch.

Diese Fähigkeit ist von großem Nutzen,
um eine Situation unter mehreren möglichen Sichtweisen
daraufhin anzuschauen, wie man sich in ihr passend verhalten kann.

Das will ich am obigen Beispiel von Kais vergessenem Auftrag konkretisieren.

Drei Arten von Perspektiven kann man dazu finden:

1. Vier individuelle Perspektiven gibt es für Kai selbst:

  • Vergangenheit:
    Warum hast du das noch nicht gemacht?
  • Gegenwart:
    Findest du das jetzt in Ordnung?
  • Zukunft:
    Wann und wie kannst du das regeln?
  • Vorschau:
    Wie geht es dir, wenn dein Ziel erreicht ist?

2. Es gibt weitere Sichtweisen, die weniger ihn selbst als andere betreffen,
die man soziale Perspektiven nennen kann:

  • Empfänger:
    Wer ist von der Nichterfüllung des Auftrags von Kai betroffen, und wie?
  • Auftraggeber:
    Wie geht es mir, der ich mich auf Kai verlassen wollte?

3. Es gibt schließlich auch noch folgende sachliche Perspektiven:

  • Relevanz:
    Wie wichtig ist die Erledigung des Auftrags jetzt und künftig?
  • Problematik:
    Welche Schwierigkeiten erschweren die Erfüllung des Auftrags?
  • Lösungssuche:
    Welche Lösungsmöglichkeiten kommen dafür in Betracht?
  • Folgenabschätzung: Welche Folgen sind damit voraussichtlich verbunden?

Die in dieser ‚Perspektivliste‘ aufgeführten Leitfragen
verdeutlichen am gewählten Beispiel etwas Allgemeineres:

Mit dem Wechsel der Perspektive
eröffnen sich neue Möglichkeiten für das pädagogische Vorgehen.

Mit der Mehrperspektivität ist aber nicht nur gemeint,
mehrere individuelle, soziale, sachliche, zeitliche oder räumliche Standpunkte
rational zu analysieren,
sondern auch die emotionale Befindlichkeit
der davon betroffenen Menschen zu reflektieren.

Das ist deswegen so wichtig,
weil alle spontanen Entscheidungen gefühlsmäßig getroffen werden.

Leider wird der Kultivierung des Gemüts auch in Schulen
noch zu wenig Bedeutung beigemessen.

So haben vermutlich die Wenigsten von uns
den bewussten [10] Umgang mit Gefühlen in der Schule gelernt.

Früher galt das Eltern und Lehrern nämlich
als Gefühlsduselei und als verpönt.

In dem Maße, in dem wir aber inzwischen hinzugelernt haben,
Gefühle als solche wahrzunehmen,
d.h. sie uns bewusst zu machen,
und darüber angemessen zu sprechen,
in dem Maße können wir besser mit uns selbst und mit einander umgehen,
und wir werden umso besser verstanden, je mehr wir uns öffnen.

Wenn wir darüber hinaus die Empfindungen anderer nicht nur beobachten,
sondern uns sogar schon vorausschauend vorstellen können,
indem wir trainiert haben,
ihre Perspektive, ihre Sicht der Dinge einzunehmen,
dann kommen wir auch zu einem verständnisvolleren Umgang unter einander.

Mit dem Instrument der Bewusstseinsbildung bekommen wir,
was wir geben - nämlich Freiheit in Verantwortung.

Dass gegenseitiges Verständnis
Freiheit und Wahrhaftigkeit in unserer Gesellschaft vermehrt,
darin stimme ich mit Vaclav Havel überein.

Das ist außerdem die Basis unserer kulturellen Identität
und unserer demokratischen Verfassung,
und es ist der Kern unseres Erziehungsauftrags.

Ich fasse zusammen:

Wenn Sie sich im Umgang mit Ihren Kindern
an dem Kriterium guter Erziehung orientieren,
wenn Verbindlichkeit an die Stelle von Nachgeben und Anweisen tritt,
wenn sie dabei sich selbst und den Kindern
immer wieder mehrere Perspektiven bewusst machen,
und wenn Sie die Wirksamkeit von Pacing und Leading
immer mehr schätzen lernen,
dann sind Sie mit den Erziehungsmethoden dieser Schule in gutem Einklang
und dürfen mit uns erwarten,
dass Ihre Kinder zu Persönlichkeiten werden, denen man gern begegnet.

Sie selbst werden dabei erleben, dass dies ungemein positive Auswirkungen
auf Ihren Umgang mit sich und mit andern hat.

Mit Havel sehe ich Bewusstseinsbildung für unerlässlich an,
um dem Ideal einer brüderlichen Gesellschaft,
die in Freiheit und Verantwortung lebt,
schließlich immer näher zu kommen.

Ihre Erziehungsarbeit, liebe Eltern, sollte
– wie unsere in den Schulen – dazu beitragen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit
und wünsche Ihnen einen guten und unterhaltsamen Heimweg.


LINKS

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[ 8 ] Essay "Bewusstsein schulen"
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[ 9 ] Essay "Trost spenden"
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[10] Kapitel 11 "Beileid bekunden" bis 19 - Dokumentation
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