Klapptafel-Mediation

Integration eines Außenseiters

klapptafel mediationDieser Beitrag war ursprünglich als zusätzliches Kapitel im Buch [1] "Schule des Bewusstseins" vorgesehen. Dort hätte ich meine Rolle dem Lehrer Peißinger zugedacht. Hier nun die Episode einer Konfliktlösung als eigenständige, authentische Ergänzung zum Thema [2] Bewusstseinsbildung.

Konflikt zwischen einem Außenseiter und seiner Klasse

Tom kam durch Umzug seiner Eltern zum Schuljahresbeginn in die Klasse 10, deren Klassenlehrer ich war. Tom war adipös . So sehr, dass er beim Vorwärtsgehen die Beine nicht nach vorn bewegen, sondern nur durch Drehung der Hüfte die Füße abwechselnd voransetzen konnte. Die eingeschränkte physische Beweglichkeit kompensierte er durch intensives Lernen, Lesen und Diskutieren. Sein beachtliches Wissen brachte er unaufhaltsam in den Unterricht ein.

Einige Wochen nach seiner Ankunft wurde deutlich, dass er seinen Lehrern gegenüber ungefragt die Rolle eines Korreferenten einnahm. Damit brachte er auch seine Mitschüler gegen sich auf. Sie begannen ihn zu hänseln, taten ihr Missfallen durch Grimassen und Zurufe kund, wollten ihn ausgrenzen, begannen ihn zu mobben. Im Kollegium wurde ich mehrfach darauf angesprochen, dass Toms Mitteilungsbedürfnis ausufere und die Spannungen zwischen Tom und seiner Klasse den Unterricht beeinträchtigten.

Auswegsuche

Daraufhin habe ich mit Tom während einer Sportstunde seiner 10. Klasse ein Gespräch geführt. Er fand die Klasse doof, wenn ihr seine guten Beiträge missfielen. Ich versuchte, ihm zu verdeutlichen, wie sein Verhalten auf die Mitschüler und auf mich wirken. Was er denn anders machen solle, wollte er wissen. Er meinte, vielleicht könne er ja etwas tun oder lassen, um seine Akzeptanz zu verbessern. Aber die ihm entgegengebrachte Abneigung motiviere ihn nicht dazu. Und wenn die Klasse sich ihm gegenüber weiter so verhielte, wäre das ja doch zwecklos.

Weil dieser Konflikt alle beträfe, wollte ich mit ihm und der Klasse nach einer Lösung suchen. Dazu schlug ich vor, die nächste planmäßige Mathematikstunde als Orientierungsstunde darauf zu verwenden. Dabei würde er drei Fragen in der Schulbibliothek bearbeiten, während ich gleiche Fragen an die Klasse richten und deren Antworten notieren würde. Hernach würde ich ihn rufen und dann seine Antworten vortragen lassen. Auch die notiere ich, um sie den Antworten der Klasse gegenüberzustellen.

Gemeinsam wollen wir damit anschließend nach Lösungsmöglichkeiten für den Konflikt suchen. Daraufhin Tom: "Na, wenn Sie meinen …". Das war keine euphorische Zustimmung, aber immerhin keine Ablehnung.

Die Idee

Zuerst soll jede Partei sich ihre eigene Betroffenheit möglichst klar bewusst machen - unbeeinflusst von der Gegenwart der anderen Partei. So auch, was genau sie am Verhalten der anderen stört oder ärgert und dann, was sie sich von der anderen Partei wünschen würde, um sich wohler zu fühlen.
Mit der dritten Frage wird jede Partei aufgefordert, sich in die andere hineinzuversetzen, also die [3] Perspektive zu wechseln. Sie soll überlegen und beschreiben, was die andere Partei denn an ihr stören oder ärgern kann. Zu jedem für die andere Seite unerfreulichen Verhalten sollte überlegt werden, welche eigene Verhaltensänderung die Beziehung zu der anderen Partei verbessern könnte, was also als passendes "Angebot" für die Gegenseite dienen könne.

Nach Gegenüberstellung der Wünsche der einen zu den Angeboten der anderen Partei, bietet es sich an, in beiden möglichen Gegenüberstellungen erkennbare Entsprechungen zwischen Wünschen und Angeboten z. B. durch Unterstreichungen hervorzuheben. Daraus sollte sich eine mögliche Übereinkunft für mögliche Verhaltensänderungen beider Seiten ableiten lassen. Über einen Entwurf würde solange diskutiert, bis beide Parteien der Übereinkunft zustimmen. Zudem soll eine zu verabredende Geste bei Bedarf an die Übereinkunft erinnern. Schließlich kann eine Kontrollvereinbarung festlegen, wann die Wirksamkeit der Übereinkunft auf den Prüfstand kommt, um dann gegebenenfalls Ergänzungen oder Änderungen nachzuverhandeln.

Die Orientierungsstunde

Zu Beginn der Orientierungsstunde stellte ich der Klasse deren Anlass und Absicht vor, gemeinsam nach einer Lösung des Konflikts mit Tom zu suchen. Die Skepsis der Klasse war spürbar: "Immer Tom!", klang es fast vorwurfsvoll. "Nein, jetzt endlich ihr!", wandte ich ein. "Na denn." Das klang so ähnlich wie am Vortag bei Tom.

Fragen an Tom

So gab ich also Tom die an ihn gerichteten Fragen zur stichwortartigen Beantwortung auf je einem Zettel, dazu Schreibzeug, und schickte ihn damit in die Bibliothek:

A)   Was genau stört oder ärgert Dich am Verhalten der Klasse Dir gegenüber?
B)   Was wünschst Du Dir von der Klasse, um Dich wohler zu fühlen?
C1) Was genau stört oder ärgert die Klasse an Deinem Verhalten?
C2) Was könntest Du Dir vornehmen und der Klasse anbieten,
      damit sie weniger Anlass hat, sich über Dich zu ärgern und Dich abzulehnen?
Ordne die Antworten zu C2) den Stichworten zu, die Du zu C1) notiert hast.

Fragen an die Klasse

Nachdem Tom mit seinen Aufgaben zur Bibliothek aufgebrochen war, erläuterte ich der Klasse, dass nach meiner Kenntnis Toms Adipositas genetisch und organisch bedingt sei. Er habe sich diese Krankheit nicht etwa selbst "angefressen". Dass er die mangelnde Beweglichkeit durch geistige Aktivität auszugleichen versuche, verdiene Respekt, aber sein unsensibles Mitteilungsbedürfnis sei für alle ein Problem. Die verschiedenen Gesichtspunkte des Problems möchte ich in dieser Stunde der Klasse und Tom bewusst machen und beiden Seiten durch passende Fragen einen Ausweg erkennbar machen. Die Antworten der Klasse wie auch die von Tom werde ich auf der Klapptafel stichwortartig notieren.

Die Fragen an die Klasse lauteten:

D)   Was genau stört oder ärgert euch am Verhalten von Tom?
E)   Was wünschst ihr euch von Tom, um euch wohler zu fühlen?
F1) Was genau stört oder ärgert Tom an eurem Verhalten?
F2) Was könntest ihr euch vornehmen und Tom anbieten,
      damit er weniger Anlass hat, sich über euch zu ärgern und euch abzulehnen?

Die Klapptafel

Die Antworten von Tom und der Klasse wollte ich auf einer Klapptafel stichwortartig notieren, und zwar die Antworten der Klasse auf den linken 3 Tafelflächen in der Reihenfolge 1 bis 3 und Toms dann rechts auf den mit 4 bis 6 bezeichneten Flächen. Bei der aufgeklappten Tafel sind die vier Innenseiten 1-2-6-4 sichtbar, während beim Zuklappen der Seitenflügel deren Außenseiten 3 bzw. 5 die beiden zentralen Felder 2 bzw. 6 überdecken.
Klapptafel-Schema
Abb. 1  Klapptafel-Schema

Damit Tom seine Antworten auch unbeeinflusst von den Antworten der Klasse vortragen kann, habe ich den linken Flügel 1 der Tafel zugeklappt und dessen Außenseite 3 mit Packpapier und Klebeband verdeckt, während der Klassensprecher Tom aus der Bibliothek abholte. Zur Diskussion über die Eintragungen beider Parteien wurde diese Abdeckung natürlich entfernt. Dann zeigte sich die Klapptafel wie folgt beschriftet:

Klapptafel-Verwendung
Abb. 2  Klapptafel-Verwendung

Die Nummerierung und Zuordnung der Tafelflächen ist mit Bedacht so gewählt:

  • Im komplett aufgeklappten Zustand stehen im Zentrum die Wünsche an Tom (E) dessen Angeboten (C) gegenüber.
  • Wird nur der rechte Flügel zugeklappt, stehen die Wünsche beider Seiten (E und B) einander gegenüber.
  • Wenn nur der linke Flügel zugeklappt ist, stehen die Angebote beider Seiten (F und C) einander gegenüber.
  • Werden beide seitlichen Flügel zugeklappt, stehen auf den Außenflächen die Angebote an Tom (F) dessen Wünschen (B) gegenüber.

Besonders die beiden Zustände mit gleichartiger Lage der Flügel, welche die Angebote einer Partei zugleich mit den Wünschen der anderen sichtbar machen, sind gut geeignet, gemeinsam Überlegungen zu einer möglichen Übereinkunft zu diskutieren.

Klapptafel-Alternativen

Statt auf einer herkömmlichen Klapptafel lassen sich die Antworten auch mit moderneren Mitteln darstellen:

  • Wenn weder Beamer noch Smartboard, aber wenigstens ein Overhead-Projektor verfügbar ist, verwendet man für die Tafelinhalte 1 bis 6 Folien, die halb so breit sind wie die Projektionsfläche. Dann passen jeweils zwei zu vergleichende Folien nebeneinander auf den Projektor.
  • Mit IT-Geräten nimmt man die Stichworte in zwei Abschnitte einer Textdatei auf, z.B. "Klasse" und "Tom" die jeweils mit den Stichworten "Verhalten", "Wünsche", "Angebote" untergliedert werden. Die zugehörigen Eintragungen auf einem Laptop o.ä. werden simultan per Beamer oder Smartboard projiziert. Bringt man abschließend beide Abschnitte "Klasse" und "Tom" in getrennten Fenstern nebeneinander zur Darstellung, lassen sich die zur Mediation hilfreichen Gegenüberstellungen durch Scrollen in den beiden Fenstern erreichen.

Befragung und Dokumentation

Die Antworten der Klasse und von Tom zu den ihnen gestellten Fragen habe ich selbst notiert. Dafür sprechen mehrere Gründe:

  • Die erdachte Anordnung der Beiträge an der Klapptafel bedarf keiner zeitraubenden Erläuterung gegenüber den Schülern.
  • Mir fällt es leichter als Schülern, deren Äußerungen stichwortartig knapp zusammenzufassen. Das darf hier so genutzt werden, weil "Sinngemäßes Verkürzen von Äußerungen" nicht Lerngegenstand dieser Stunde ist.
  • Der mündliche Vortrag meiner Kurzfassung vor ihrer Verschriftlichung ist eine Art "aktiven Zuhörens" . Damit wird sichergestellt, dass wirklich das im Schülerbeitrag Gemeinte von mir aufgeschrieben wird.
  • Herabwürdigende Beiträge werden – nach Beantwortung meiner Rückfrage, was daran verletzend wirken könne – nicht notiert.

Ergebnisse

Unter Verzicht auf die Dokumentation der Dialoge mit der Klasse und mit Tom während des Ausfüllens der Tafelfelder stelle ich nachfolgend nur die Taffelnotizen dar:

Tafel 1 (Klasse zum Verhalten von Tom):


  Tom …
  … beansprucht zu viel Aufmerksamkeit 
      und Redezeit,
  … erzählt ungefragt, was er alle weiß,
  … wirkt dabei lehrerhaft und besserwisserisch,
  … sitzt isoliert am Doppeltisch, grenzt sich ab,
  … erklärt Mitschüler für doof,
  … hat keine Freunde in der Klasse,
  … macht nichts mit,
  … geht allen auf den Keks, sogar Lehrern.


Tafel 2 (Wünsche der Klasse an Tom):


  Tom sollte …
  … sich erst melden und abwarten, bis er drankommt,
  … weniger und kürzere Beiträge anbringen,
  … öfter mal fragen statt vortragen,
  … in Diskussionen auf uns eingehen,
  … sich nicht besserwisserisch aufspielen,
  … keinen von uns für doof erklären,
  … sich mit Einzeltischbreite begnügen,
  … Interesse an uns Mitschülern
      und an Klassenaktivitäten zeigen.


Tafel 3 (Angebote der Klasse an Tom):

 F1 Ärgernisse

      F2 Wir können …

 Attacken

      … Attacken unterlassen,

 Missachtung

      … nicht übel über ihn reden,

 Ausweichen

      … keinen Bogen um ihn machen,

 Desinteresse

      … seine Interessen erfragen,

 Ausgrenzung

      … ihn zum Mitmachen auffordern,

 Ablehnung

      … einen neuen Anfang wagen.


Tafel 4 (Tom zum Verhalten der Klasse):


  Mitschüler …
  … zeigen Desinteresse an meinen Beiträgen
      (z.B. durch Stöhnen und Zwischenrufe),
  ... meiden Kontakt zu mir
      (z.B. Blick, Nähe Begegnung),
  … beleidigen mich oft indirekt,
      indem sie Mitschülern zurufen,
      was mich kränkt
      (fett, stinkend, arrogant, …),
  … haben mich wiederholt attackiert
      (z.B. nasser Schwamm oder Reißnagel auf Sitz),
  … lachen mich aus oder verspotten mich
      (wg. Gehbehinderung, Frisur, Kleidung, Adipositas).


Tafel 5 (Wünsche von Tom an die Klasse):


 Die Mitschüler sollten …
  … mich nicht beleidigen oder kränken,
  … mich nicht ärgern oder attackieren,
  … keinen Bogen um mich machen,
  … mir auch zuhören und darauf eingehen,
  … sich über ihre und meine Interessen 
      mit mir austauschen,
  … mich als zu ihnen gehörig akzeptieren.


Tafel 6 (Angebote von Tom an die Klasse):

 C1 Ärgernisse

      C2 Ich könnte …

 Zuviel Beiträge

      … mich weniger oft äußern,

 Zu lange Beiträge

      … mich kürzer fassen,

 Ichbezogenheit

      … euch mehr und besser zuhören,

 Dozieren

      … öfter Fragen stellen,

 Heftige Reaktion

      … gelassener reagieren,

 Isoliertheit

      … euch zeigen, dass ihr mir wichtig seid.


Gegenüberstellung der Tafeln

Am deutlichsten korrespondieren die Tafeln 5 und 3, also Toms Wünsche mit den Angeboten der Klasse. Weniger die Tafeln 2 und 6, also die Wünsche der Klasse mit Toms Angeboten. Daraus ergab sich die Aufgabe für Tom, seine Angebote zu überdenken und womöglich zu erweitern. Er konnte die meisten Wünsche akzeptieren, nur am Einzeltisch habe er einfach nicht genug Platz und er hätte sich nie besserwisserisch aufgespielt. Es sei ihm immer nur um die Sache gegangen. Aus der Klasse wurde ihm verdeutlicht, dass aber die Art, in der er seine Beiträge ausbreite, genau diesen Eindruck machte.

Einvernehmen statt Übereinkunft

In der Zeit einer Unterrichtstunde hat sich das fernere Ziel, aus einander entsprechenden Angeboten und Wünschen eine schriftliche Übereinkunft zu formulieren, nicht erreichen lassen. Die Klasse war sich mit Tom einig, dass es nach dem intensiven Austausch keines gesonderten Papiers bedürfe, um von jetzt an besser mit einander umzugehen. Meine Klapptafelmethode hätte sie sehr beeindruckt und sie wünschten sich von mir, den Inhalt der Tafeln mit den Wünschen und Angeboten als Kopie zu bekommen. Dazu habe ich die 6 Tafeln fotografiert und daheim wie oben dargestellt aufbereitet.

Meine Anregung, für den Fall einer Vernachlässigung der guten Absichten ein Zeichen zu vereinbaren, mit dem man sein Gegenüber daran wortlos erinnern kann, nahmen sie gern an. Sie fanden gut, wenn man dazu die linke Handfläche zu einer Stopp-Geste geöffnet zeigen würde.

Auch meine Anregung, die Sitzordnung so zu ändern, dass Toms Doppeltisch nicht mehr in der ersten Reihe und nicht mehr isoliert stünde, fand Zustimmung.

In der Folgezeit habe ich keine Spannungen mehr beobachtet, Tom hielt sich mehr zurück und stellte oftmals kluge Fragen. Bei der Ausgabe des Zwischenzeugnisses bedankte er sich bei mir und seinen Mitschülern für die Unterstützung und bekam dafür studentischen Beifall. Die Zeugniskonferenz hatte beschlossen, Tom das Überspringen eines Schuljahrs zu ermöglichen. Tom aber lehnte das ab:

"Ich möchte mit dieser Klasse möglichst lange zusammenbleiben."

 


LINKS

[1] Peter Denker, "Schule des Bewusstseins" - Dokumentation:
https://p-j-r.de/publicationes/mitteilungen/205-sdb-doku.html
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[2] Essay "Bewusstseins schulen":
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/53-bewusstsein-schulen.html
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[3] YouTube-Video "Perspektivwechsel"https://youtu.be/kIidyJQlykk
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© Copyright 2020 by Peter J. Reichard -   details:
www.p-j-r.de/allgemeines/copyright.html


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