Sich über Bilder austauschen

"Mitbetrachtung" macht eigene und fremde Sichtweisen bewusst

Unterschiedliche Sichtweisen sind wie Streichhölzer. Sie können ein Gebäude in Flammen aufgehen lassen oder eine behagliche Stimmung erzeugen. Unterschiedliche Sichtweisen können das Verständnis für einander erschweren aber auch bereichern. Verständnis für andere Sichtweisen wird erschwert oder begünstigt, indem intuitive oder unbewusste Bewertungen die Wahrnehmungen überlagern. Wenn dabei ablehnende Emotionen im Spiel sind, kann das Betrachten und Geltenlassen anderer Sichtweisen genau daran scheitern.
Mit einem Partner oder einer Partnerin, zu dem bzw. der keine Antipathie bestehen sollte, dem bzw. der gegenüber man bereit ist, mit einander offen zu sprechen, kann man sich über unterschiedliche Sichtweisen unbefangen austauschen. Jedes gemeinsame Tun bietet dazu mehr oder weniger zufällig Gelegenheit. Um sich eigener und fremder Sichtweisen bewusst zu werden und jene als Bereicherung zu erleben, bietet sich eine Übung an, die Gegenstand dieses Aufsatzes ist, nämlich die angeleitete Auswahl und Betrachtung von Bildern, die Menschen in einer deutlichen emotionalen Verfassung zeigen. Diese "Mitbetrachtung" genannte Übung hat der Autor in Fortbildungsveranstaltungen mit Lehrkräften mehrfach mit Erfolg erprobt. Das Vorgehen wird im Folgenden dargestellt und über Erfahrungen damit berichtet.

Anleitung

Verabreden Sie sich mit einem Partner oder einer Partnerin zu folgender Übung, bei der sie über von Ihnen beiden ausgewählte Bilder abwechselnd Betrachtungsaufgaben bearbeiten und darüber ins Gespräch kommen. Die Durchführung beschreibt die folgende Anleitung,Ergebnisse und Einsatzmöglichkeiten schließen sich an.

Vorbereitungen:
  • Besorgen Sie sich eine oder mehrere reich bebilderte Illustrierte, die nicht aktuell sein müssen, um daraus Bilder auszuschneiden, und eine Schere.
  • Suchen Sie in den Zeitschriften nach Bildern von Menschen, deren emotionaler Zustand deutlich erkennbar ist.*)
  • Schneiden Sie solche Bilder ohne Unterschrift oder Beschreibung aus, und lassen Sie solchen Kontext bitte absichtlich unbeachtet. - Bei einem Gruppenfoto schneiden Sie eine Person aus, deren Emotionalität besonders deutlich ist.
  • Beteiligen Sie einen Partner bzw. eine Partnerin, solche Bilder zu suchen und auszuschneiden.

Durchführung:
  1. Wählen Sie beide für sich je ein Bild aus, das Sie persönlich besonders anspricht.
  2. Notieren Sie bitte auf einem Blatt Papier Ihre Antworten zu den folgenden Fragen bzw. Aufträgen:
    1. Was genau hat Sie an dem Bild so angesprochen, dass Sie es ausgewählt haben?
    2. Welche Erinnerungen oder Assoziationen löst das Bild (womöglich) in Ihnen aus?
    3. Welche Empfindungen verbinden Sie mit dem Bild?
    4. Geben Sie dem Bild einen möglichst treffenden Titel oder eine möglichst kurze Beschreibung, die auch etwas von Ihren Empfindungen ausdrückt.
    5. Die dargestellte Person zeigt ihre Stimmung. Beschreiben Sie diese Stimmung und benennen Sie die konkreten Merkmale, an denen Sie diese Stimmung erkennen.
    6. Welche kurze, diese Stimmung treffende Aussage könnte der dargestellten Person in den Mund gelegt werden?
  3. Tauschen Sie gegenseitig die von Ihnen beiden ausgewählten Bilder und
    1. bearbeiten Sie 2b bis 2f auf einem andern Blatt Papier (oder der Rückseite der ersten) für das neue Bild entsprechend,
    2. formulieren Sie ggf. *) zu 2c und 2f zusätzlich Antworten, die Sie aus der Perspektive Ihrer Partnerin bzw. Ihres Partners erahnen oder erwarten.
  4. Legen Sie nacheinander die beiden Bilder und die zugehörigen Notizen vor sich hin und tauschen Sie sich über Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus. (Murmelphase)
  5. Welche Wirkung hat diese Übung auf Sie beide ausgeübt (Meta-Ebene)? Notieren Sie erst beide je für sich Ihre Feststellungen und Einschätzungen hierzu. Und tauschen Sie sich anschließend auch darüber aus.
  6. Möchten Sie diese Art der "Mit-Betrachtung" vielleicht wiederholen?
    *) Aufgabe 3b ist für Partner gedacht, die einander gut genug kennen, um sich das zuzutrauen.

Einfühlung

Die "Mitbetrachtung" ist eine in vielerlei Hinsicht aufschlussreiche Übung: Sie machen sich bewusst und formulieren, was Sie selbst bewogen hat, sich für das konkrete Bild zu entscheiden, und welche Empfindungen es in Ihnen ausgelöst hat. Ihr Einfühlungsvermögen ist gefordert, wenn Sie Aufgabe 2b und 2f bearbeiten und in besonderem Maße bei 3b. Ihre Fähigkeit, eigene Wahrnehmungen über andere Menschen auf objektive Merkmale zu beziehen, wird in 2e angesprochen.

Die 3. Aufgabe dient der Vorbereitung des anschließenden Austauschs von Erfahrungen zwischen Ihnen beiden mit den folgenden Aufträgen. Dabei erleben Sie entweder eine Verstärkung oder Ergänzung ihrer eigenen Sichtweise oder werden womöglich mit einer anderen Sichtweise konfrontiert.

Gespräch

Manchen Probanden fallen die Aufgaben 2c, 2e und 3a schwer, weil sie ihnen sehr ungewohnte Fragen und ein tendenziell recht intimes Gespräch zumuten. Gerade Menschen, die sich im Äußern von Gefühlen schwertun, ist aber die Mitbetrachtung sehr zu empfehlen, weil es darin um virtuelle Emotionen einer Person geht, zu der keine direkte Beziehung besteht, und um die Reflexion und Kommunikation eigener, davon ausgehender Stimmungen. Die eigene Emotionalität ist hierbei weniger belastend als sie es gegenüber realen Personen in realen Situationen oder schon bei Aufgabe 3b sein kann.

Erfahrungen

Nach Erfahrungen des Autors mit zahlreichen Probandenpaaren treten sehr ähnlichen Antworten zu 2b bis 2f ungefähr genauso häufig auf wie ziemlich unterschiedliche Antworten zu diesen Aufträgen. In beiden Fällen kommen Teilnehmer überwiegend zu der Einschätzung, dass sie für sich selbst und für den Übungspartner einen Verständniszugewinn erlebt haben. Sie haben über ihre eigenen Wahrnehmungen und zunächst unbewussten Empfindungen wie auch die Ihrer Übungspartner kommuniziert und dabei viel mehr Aspekte als allein für sich erkannt und das als Bereicherung empfunden. Oftmals ist Heiterkeit entstanden, wenn unerwartete oder verblüffende Unterschiede oder Übereinstimmungen festgestellt wurden. Viele Partnerpaare haben die Übung auch als förderlich für die gegenseitige Wahrnehmung und Wertschätzung erlebt.

Variation

Eine ähnliche Übung kann durchaus mit heranwachsenden Jugendlichen ab etwa 15 Jahren als Partnerarbeit durchgeführt werden, sei es in Jugendgruppen oder in der Schule, hier sogar in einer Vertretungsstunde oder in Fächern wie Praktische Philosophie, Lebenskunde, Religion, Deutsch, Kunst oder in der Orientierungsstunde des Klassenlehrers. Der Übungserfolg steigt, wenn man einen neuen Durchgang mit Wechsel der Übungspartner ermöglicht.

Weiterführung

Im Anschluss kann das ein oder andere Bild dazu dienen, sich gemeinsam mit der darauf erkenn-baren Emotion und den sie auslösenden Umständen zu befassen. Die Überlegung, wie man jenem Menschen so begegnen kann, dass er sich dabei wohl fühlen mag, kann der Moderator bzw. die Lehrkraft mit der Aufforderung anstoßen: "Versetze dich in dessen Lage und sag, wie du dich mit dem Vorschlag fühlen würdest."

Anwendungsbeispiele

Mitbetrachtung kann zwischenmenschliche Gesprächsblockaden spielerisch zu überwinden helfen. Beispielsweise ist in der Paartherapie Aufgabe 3b besonders belangvoll, weil die Partner damit an einem Beispiel, das sie nicht unmittelbar selbst betrifft, erkennen können, wieviel gegenseitiges Einfühlungsvermögen sie verbindet. In ähnlicher Weise kann zwischen einem Kind und einem seiner Eltern durch derart spielerische Aktivität mehr Verständnis für einander entstehen.

Ergebnis

Mitbetrachtung leitet dazu an, über Empfindungen mit einander frei von abwertenden Urteilen zu sprechen. Sie macht individuelle Sichtweisen bewusst und lässt Interesse, Verständnis und Achtsamkeit für einander entstehen. Dabei steigern sich individuelle Wahrnehmungsfähigkeit und gegenseitiges Verständnis. Die Teilnehmenden fühlen sich durch solche Erfahrungen bereichert. Es lohnt sich also, das Streichholz der unterschiedlichen Sichtweisen achtsam zu entzünden.


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