02 - Notwendigkeit und Nutzen Unterbrecher zu setzen

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SELBSTBEHERRSCHUNG
ist lernbar und nützlich

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Sie fühlen sich angegriffen

Sie kennen das: Eine Frechheit, eine Bosheit, eine Beleidigung, eine böse Unterstellung empört Sie. - Den Angriff auf Ihre Selbstachtung und Ihr Wohlbefinden wollen Sie abwehren - spontan, sofort, heftig und authentisch.
Zum Beispiel so: "Unverschämtheit! Das ist der Gipfel! Das nehmen Sie sofort zurück!"

Danach stellt sich bei Ihnen womöglich das Gefühl ein, sich zu Recht verteidigt zu haben, es dem Boshaften "so richtig gegeben" zu haben. Das tut gut, meinen Sie vielleicht. Aber doch wohl nur Ihnen selbst. Wie steht es um jenen und um den Eindruck, den Sie bei ihm hinterlassen? – Wir kommen darauf am Schluss dieses Kapitels zurück.

Womöglich haben Sie gelegentlich die Erfahrung gemacht, dass spontane Äußerungen sich nicht dauerhaft als glücklich erweisen. Das im Nachhinein zu bekennen fällt vielen schwer. Sie fürchten nämlich, es könnte nachteilige Urteile über ihr Verhalten nach sich ziehen. Also Schwamm drüber? Besser nicht; denn der - wenn auch zu Recht - Gedemütigte wird in seiner Bosheit auf Rache sinnen. Und Beobachter der Auseinandersetzung werden über beide Kampfhähne den Kopf schütteln.

Auf den kompetenten Umgang mit Fehlern und Kritik wird ein späteres Kapitel ausführlich eingehen. Vorab schon einmal der Hinweis auf bereits bestehende Artikel: [1] "Aus Fehlern lernen" bzw. [2] "Kritik nutzen".

Spontanreaktionen

Bekanntlich können alle Kreaturen auf Angriffe spontan mit drei Verhaltensweisen reagieren, nämlich mit Angriff, Flucht oder Totstellen.

Ein tierisch-eindrucksvolles Beispiel für Konfliktvermeidung durch Sich-totstellen und Flucht nach dem Ende der akuten Gefahr zeigt ein [3] Video-Clip von @TrendNieuws: Eine Ente duckt sich vor einem Hund auf den Boden. Ihr ist klar, dass sie sich vor dem Hund weder mit Angriff noch mit Flucht retten kann. Sie rechnet damit, dass der Hund an ihr das Interesse verliert, wenn sie sich totstellt. Das tritt genauso ein. Nachdem der Hund sich abgewandt hat, kann die Ente gefahrlos fliehen.

Für Menschen mag das Beispiel in einer Gefahrensituation wie z.B. einer Schießerei nachahmenswert sein. Bei einem boshaften Angriff auf Ihre Selbstachtung könnte hilfreich sein, "einfach" so zu tun, als beträfen Sie die Unterstellungen oder Beschimpfungen gar nicht. Solches Sich-totstellen fällt allerdings den meisten Menschen sehr schwer. Selbst wenn es Ihnen gelänge, könnte das die Angriffslust des Boshaften womöglich noch weiter steigern.

Also den Boshaften einfach stehen lassen und selbst weggehen? Schön, wenn der Ihnen dann nicht nachstellt. Aber sicher ist das auch nicht.

Sollte der Boshafte so weit gehen, sich bedrohlich und sprunghaft zu nähern, könnten Sie das zulassen und in letzter Sekunde mit einem Schritt zur Seite ausweichen. Auch das will geübt sein und wird nicht in jedem Fall gelingen. Wenn es gelingt, fällt der Angreifer womöglich hin. Das mag Sie mit Genugtuung erfüllen. Aber der Aggressor wird vermutlich umso wütender. -

Alle beschriebenen Spontanreaktionen gehen also mit dem Risiko des Scheiterns und der Eskalation einher. Was also bleibt außer Angriff, Flucht oder Sich-totstellen übrig? Vor einer Antwort darauf ein Blick auf die „Schaltzentrale“ für das Verhalten in Gefahrensituationen, das menschliche Gehirn.

Spontanes Verhalten

Die Entscheidung zwischen den drei Optionen (Gegen-) Angriff, Flucht oder Sich-totstellen geschieht unbewusst und in Sekundenbruchteilen in einem Bereich des Gehirns, der keiner rationalen Kontrolle unterliegt.


Schnitt durch das menschliche Gehirn  (Abbildung von www.goodair.ch)

Die Amygdala ("Mandelkern", rot) bewertet die Wahrnehmung durch Abgleich mit dem benachbarten Hippocampus (als Erinnerungszentrum, blau) und löst bei erkannter Gefahr im nahen Hypothalamus (oberhalb der Amygdala, unterhalb des Thalamus) die Ausschüttung der Nervenbotenstoffe für das Bewegungszentrum aus. Der Gesamtvorgang benötigt nicht mehr als einige hundert Millisekunden. Das rettet Sie z.B. vor einem auf Sie zufahrenden PKW durch einen schnellen Sprung zur Seite.

Bei den oben dargestellten Reaktionsweisen auf eine Gefahrensituation würden Sie sich eben dieses „kurzen Schaltweges“ bedienen. Allerdings hat die sekundenschnelle, nicht rational kontrollierte Reaktion den Nachteil zu misslingen oder zur Eskalation des Konflikts zu führen.

Kontrolliertes Verhalten

Gesunde Menschen sind aber offenkundig auch in der Lage, wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen, bei der Für und Wider im Hinblick auf absehbare Folgen abgewogen werden. Solche Abwägungen leistet der präfrontale Cortex ("Stirnlappen") des Gehirns. Aufgrund seines Abstands von den Sinnesorganen und zu Amygdala und Hippocampus benötigen die Deutung und Bewertung der Situation, die Folgenabschätzung und die willkürliche Auslösung der gewählten Verhaltensweise erheblich mehr Zeit als die Spontanreaktion. Qualität und Schnelligkeit Ihrer Entscheidung über das eigene Verhalten sind also gegenläufig. Zu klären bleibt, wie man bei Gefahr eine kontrollierte Verhaltensentscheidung überhaupt ermöglichen kann.

Unterbrecher setzen

Verzweifelte, unter Ängsten leidende Patienten fühlen sich nicht imstande, ihr Verhalten selbst zu steuern. Um solche emotionalen Selbstblockaden aufzulösen, kommt erfolgreich eine Methode zum Einsatz, die den Patienten „dissoziiert“, das heißt, ihn aus seinem aktuellen Zustand entführt. Der Therapeut setzt einen Separator ("Unterbrecher"), indem er mit einer Frage oder einem Auftrag die Aufmerksamkeit des Patienten auf einen Gegenstand oder Vorgang richtet, der mit dem behandlungsbedürftigen Zustand in keinerlei Zusammenhang steht, so z.B. mit der Frage „Wie spät mag es jetzt sein?“ 

Unterbrecher-SchaltbildDie Abbildung links stellt einen elektrischen Schaltkontakt dar, der sich – wie durch den Pfeil angedeutet – öffnet, also den zuvor geschlossenen Stromkreis unterbricht. Sie symbolisiert den Vorgang des Unterbrecher-Setzens in sinnfälliger Weise. Der emotionale „Strom“ spontanen Reaktionseifers oder anhaltender Selbstblockade soll willentlich unterbrochen werden, um den „Umweg“ über die Vernunftinstanz zu eröffnen.

Innehalten

Stoppuhr zeigt 7 Sekunden

Auch ohne Gegenwart eines Therapeuten lässt sich das Unterbrecher-Setzen als Methode zur Selbststeuerung anwenden. Sie besteht darin, zu einer emotional bewegenden Wahrnehmung erst einmal wenigstens sieben Sekunden keine Reaktion zuzulassen.

Warum 7 Sekunden:
Diese Zeit genügt dem menschlichen Gehirn,

  • um die Lage bewusst wahrzunehmen,
  • um die erfolgte Wahrnehmung einer Kontrolle durch den Stirnlappen (Präfrontaler Cortex) zu unterwerfen und
  • damit zu beginnen, nach einer möglichst günstigen Lösung zu suchen.

Mehr Zeit führt also zu besseren Entscheidungen.

7 Sekunden innezuhalten ist allerdings nicht nur ungewohnt, sondern auch schwer. Die Willensanstrengung gelingt erst durch Einübung, indem man sie wiederholt mit dem selbstsuggestiven, unausgesprochenen Auftrag verbindet: "Halt inne!".

Der Selbstauftrag lässt sich mit einer individuell wählbaren Geste verstärken. Das kann z.B. ein indifferentes Lächeln sein. Aber Vorsicht: Üben Sie das vor dem Spiegel oder einer Selfie-Kamera, damit es weder aggressiv noch hämisch, überlegen oder abweisend wirkt. Auch ein vertrauter Mitmensch kann Ihnen dabei behilflich sein, indifferent lächeln zu lernen.

Indifferentes Lächeln ist immer dann hilfreich, wenn Sie Zeit gewinnen wollen, um eine Aussage oder Situation skeptisch zu prüfen. Bei ihrem Gegenüber kann ihr Lächeln womöglich sogar Verunsicherung auslösen.

Mit der Aussage "Ich brauche etwas Zeit zum Nachdenken" entspannen Sie die Situation.

Einem kundigen Gegenüber machen Sie damit auch deutlich, dass Sie gerade dabei sind, die "schnelle Umgehungsstraße" (Amygdala - Hippocampus) zugunsten des "Umwegs" über den präfrontalen Cortex zu unterbrechen.

Immer nur Lächeln?

Dem Schauspieler Charly Chaplin (1889 – 1977) schreibt man den Spruch zu:

"Wenn du jemanden ohne ein Lächeln siehst:
Schenk ihm deins!
"

Man nennt dem entsprechend ein freundliches Lächeln auch "entwaffnend". Es ist imstande, einem Konflikt die Spitze zu nehmen, indem es ohne Worte ausdrückt: "Ich bin dir nicht böse und möchte gut mit dir auskommen."  Menschen mit Charme und Charisma sind Meister in der Kunst, gewinnend zu lächeln. Wem diese Merkmale nicht in die Wiege gelegt sind, kann sich wenigstens vornehmen, statt eines indifferenten sogar ein freundliches Lächeln zu üben und anzuwenden.

Natürlich gibt es Situationen – z.B. in Verbindung mit einem Trauerfall – in denen Lächeln unpassend wäre. Hier kann ein ganz neutraler Gesichtsausdruck in Verbindung mit "Lassen Sie mich bitte einen Moment nachdenken" ebenso hilfreich wie angemessen sein. Wenn Sie weder lächeln noch etwas sagen mögen, können Sie auch irgendeine andere Handlung wie z.B. das gerade Ausrichten der linken Handfläche mit der Selbstsuggestion "Halt inne!" verbinden, um sie zu "ankern". So nennen Kenner von NLP die Herstellung einer Verbindung zwischen einer inneren Haltung mit einer äußeren Handlung. Zugrunde liegt die Erfahrung, dass eine eingeübte äußere Handlung die zugeordnete innere Haltung leichter und sicherer einzunehmen ermöglicht.

Zur Einübung des "Unterbrecher-Setzens" eignen sich vorzüglich Rollenspiele mit zwei oder mehreren Teilnehmern. Das ist in Übung 4 meines Buches [4] "Schulen brauchen gute Lehrer" näher ausgeführt.

Suche nach einer Lösung

Mit der bewussten Wahrnehmung der Situation geht schon deren intuitive Deutung einher. Diese Deutung muss man sich ebenfalls bewusst machen und sie zudem skeptisch prüfen. Die skeptische Prüfung können Sie ebenso wirkungsvoll wie einfach einleiten, indem Sie sich unausgesprochen die simple Ein-Wort-Frage: "Wirklich?" stellen. "Welche anderen Deutungsmöglichkeiten sind möglich?" leitet einen Perspektivwechsel ein. Der wiederum mündet in die Frage "Welche Handlungsweisen eröffnen sich mir dadurch?" sowie schließlich "Welche Handlung ist für mich, mein Gegenüber und die Sache an sich - jetzt und künftig - am besten?".

Diese Lösungssuche ist ein komplexer Vorgang, der ausreichende Bedenkzeit braucht. Davon handelt der Artikel  [5] "Bedenkzeit für bessere Lösungen".

Erfolg

Schon mit dem geäußerten Wunsch nach ausreichender Bedenkzeit wird ihr Gegenüber Sie als bedächtig reagierend und selbstbeherrscht wahrnehmen. Dadurch erlangen Sie schon einen Achtungserfolg für sich. Der ist eine gute Voraussetzung für die Akzeptanz eines wohlüberlegten Lösungsvorschlags. Damit ist bereits deutlich mehr gewonnen, als wenn Sie es dem Gegenüber einfach nur "gegeben" hätten, nicht wahr?


LINKS

union jack icon von pixabay  Englischsprachige Version:

https://p-j-r.de/pdf/articles/interrupter.pdf
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[1] Aus Fehlern lernen:
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/68-aus-fehlern-lernen.html
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[2] Kritik nutzen:
https://p-j-r.de/publicationes/wissen/psychologie/155-kritik-nutzen.html
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[3] Video von @TrendNieuws auf Facebook:
https://www.facebook.com/TrendNieuws/videos/2234601033452274/
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[4] Peter Denker, "Schulen brauchen gute Lehrer":
https://p-j-r.de/publicationes/pd-nachrichten/207-sbgl-dokumentation.html
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[5] "Bedenkzeit für bessere Lösungen":
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/selbstkompetenz/236-bedenkzeit.html:
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