03 - Bedenkzeit für bessere Lösungen

Bedenkzeit benötigen bzw. gewähren

1. Bedenkzeit benötigen

Sie kennen das: Jemand setzt Sie unter Druck: "Hier und jetzt!" – "Sofort!" – "Augenblicklich!" – "Unbedingt!" – "Unverzüglich!" – "Jetzt aber los!" – "Mach schon!" – "Sag endlich was!" – …

Wie Unangenehm! Innerlich wehren Sie sich dagegen. Aber wie können Sie damit umgehen?

Spontane Reaktionen

Stop-HandWomöglich neigen Sie dazu, den Angriff auf Ihr Wohlbefinden mit einem Gegenangriff abzuwehren? Etwa so: "Hau ab!" – "Du hast mir überhaupt nichts zu sagen!" – "Das geht dich gar nichts an!" – "Lass mich in Ruhe!" – "Ich verbitte mir jede Maßregelung!" – …

Oder Sie versuchen spontan mit einer Ausrede auszuweichen? Vielleicht so: "Bin längst dran!" – "Bin einfach noch nicht dazu gekommen!" – "Es gibt Wichtigeres!" – …

OK-HandOder Sie stellen die Balance zwischen Fremderwartung und Selbstbestimmung her: "Natürlich kümmere ich mich darum; und ich möchte selbst bestimmen, wann!" - Beachten Sie das Und nach dem Semikolon: Ein Aber an gleicher Stelle würde weniger dazu einladen, Ihrem Wunsch zu entsprechen. Mit dem Und  ist es eine für beide Seiten annehmbare Äußerung. Man muss allerdings erst darauf kommen. In sofern ist es nützlich, sich diese Strategie übend anzueignen, um sie passend anzuwenden.

Selbststeuerung

Unterbrecher-SchaltbildWenn Sie sehr heftig unter Druck gesetzt werden, müssen Sie womöglich erst einen [1] Unterbrecher setzten, um sich dann an diese Strategie der Balance zu erinnern. Das ist vor allem bei vorwurfsvollen Mahnungen erforderlich, die meist mit Verallgemeinerungen gespickt sind, z.B. "Immer verschiebst du alles bis auf den letzten Drücker!" oder "Ich bin es satt, dich immer wieder zu ermahnen!".

Die Verallgemeinerung ist Ihnen natürlich unangenehm, vor allem, wenn damit eine Schwäche angesprochen wird, die Sie ungern bekennen. Die Abwehr mit dem Gegenangriff "Das ist eine unverschämte Unterstellung!" verschlimmert den Konflikt. Hingegen ist ruhiges Nachdenken über die Sache, ihre Dringlichkeit und ihren voraussichtlichen Zeitaufwand sachgerecht und hilfreich.

Zur Versachlichung und Beschwichtigung trägt es bei, dem Mahner für seine Erinnerung freundlich zu danken und ihm anzubieten, seinen Hinweis so bald wie möglich aufzugreifen. Sie müssen sich dabei zur Sache selbst gar nicht sofort äußern. Das trifft insbesondere für schwierige Angelegenheiten zu, die reifliche Überlegung oder aufwändige Vorbereitungen erfordern.

Hilfreicher Schlaf

In solchen Fällen und wenn es um weitreichende Entscheidungen geht, sollten Sie darum bitten, sie frühestens am nächsten Tag zu treffen. Das dient Ihnen, den von der Entscheidung betroffenen und der Sache gleichermaßen. Nehmen Sie sich also die Zeit, darüber mit sich und anderen zu Rate zu gehen und möglichst einmal darüber zu schlafen.

schlafen thnDenn im Schlaf gewinnen Sie nicht nur Abstand zu dem, was Sie bedrängt, sondern durch Entspannung am nächsten Morgen auch mehr Klarheit. Ausgeschlafen finden Sie leichter mit wachem Bewusstsein mögliche Lösungen. Das führt Sie zu Ergebnissen, die sachdienlicher und aussichtsreicher sind als ein spontan gefällter Entschluss. Daher wird auch der Mahner Verständnis dafür aufbringen, wenn Sie als Wunsch formulieren: "Ich wünsche mir Zeit, die Angelegenheit zu überschlafen." Oder: "Ich möchte jetzt nichts Verkehrtes sagen, sondern wünsche mir wenigstens bis Morgen Zeit darüber nachzudenken." So geben Sie sich keine Blöße, und lassen zudem erkennen, dass Sie eine weitere Eskalation vermeiden möchten.

Das gilt in ähnlicher Weise für die Bewältigung von Konflikten. Dabei geht es weniger um Entscheidungen, sondern mehr um die Bereitschaft, eine Übereinkunft zum Ausgleich der Interessen anzustreben. Die Möglichkeiten dazu wollen gut überlegt und auf Annehmbarkeit für beide Seiten ausbalanciert werden. Das Kapitel [2]  Konfliktlösung durch Perspektivwechsel handelt davon.

Klare Terminvereinbarung

Terminkalender-FotoMit Vereinbarung eines ausreichend großen Zeitfensters sollte auch dessen Abschluss verabredet werden, nämlich wann, wie lange und wo man sich zum klärenden Gespräch treffen kann.

Gesichtspunkte dafür sind:

  • Beginn: Zeitnah – wenn möglich am Folgetag,
  • Ende: begrenzt – auf eine halbe bis eine Stunde,
  • Ort: "auf neutralem Boden".

Als neutraler Ort kann gelten, wo beide keinen Heimvorteil haben und jeder die Möglichkeit hat zu gehen, wenn er denn möchte.

Moderation?

Moderator schlichtetIm Konfliktfall ist erwägenswert, ob man einen Moderator zu dem Gespräch hinzuziehen möchte. Das bedingt auch, sich auf eine Person zu einigen und diese in die Terminvereinbarung einzubeziehen. Ein in Konfliktmanagement erfahrener Moderator würde sogar in einem schweren Konflikt bewirken können, dass die Kontrahenten eine für beide akzeptable Lösung finden.

Die Kernfrage

Die ausbedungene Bedenkzeit nützt Ihnen nur, wenn Sie diese auch tatsächlich aktiv nutzen. Überlegen Sie: "Was ist für mich selbst, für die übrigen Betroffenen und für die Umwelt jetzt und künftig am besten?". Dieses [3] "Balance-Kriterium" kann Ihnen als Richtschnur für das Abwägen unterschiedlicher Möglichkeiten dienen. Ihre Gedanken dazu sollten Sie mit stichwortartigen Notizen so dokumentieren, dass Sie Ihre gewonnene Einsicht im vereinbarten Gespräch überzeugend darstellen können.

Aufgepasst!

Schließlich sollten Sie den vereinbarten Termin auch wahrnehmen.

SmartphoneWenn Sie viel um die Ohren haben, tragen Sie den Termin am besten sogleich mit einem Erinnerungsvorlauf z.B. in Ihrem Smartphone ein. Ein versäumter Termin würde dem, der Ihnen am Zeuge flickte, ein tatsächliches Argument gegen Sie liefern. Und ein unzureichend vorbereitetes Gespräch nimmt leicht einen ungewissen Verlauf. Beides wollen Sie ja bestimmt nicht.

Also: Nutzen Sie die beanspruchte Zeit zu Ihrem Vorteil, machen Sie Ihre Bedenkzeit zu gewonnener Zeit!

2. Bedenkzeit gewähren

Angenommen Sie tragen Verantwortung für ein Projekt oder Mitarbeiter oder Angehörige. Sie haben klare Erwartungen formuliert und wichtige Verabredungen getroffen. Aber sie werden nicht eingehalten. Wie werden Sie dann vorgehen?

Lösungsorientierung

Indem Sie sich – wie oben – in die Lage von ermahnten Menschen versetzen, werden Sie versuchen, die Säumigen nicht unter Druck zu setzen. Sie tun gut daran, die bislang oder wiederholt nicht erfüllten Erwartungen und die dadurch eigetretenen Folgen sachlich zu beschreiben, aber nicht vorwurfsvoll. Es geht Ihnen um eine Lösung des Problems, die der Säumige mittragen kann. Er sollte sich in einer vereinbarten Bedenkzeit Gedanken dazu machen, auf welche Weise er dazu beitragen kann und will, die entstandenen Probleme zu lindern und künftigen vorzubeugen.

Dieselbe Bedenkzeit sollten Sie auch für sich nutzen, indem Sie überlegen, welche Rahmenbedingungen Sie so ändern können, dass sie leichter und besser erfüllt werden können.

Lohnende Nachsicht

Indem Sie für andere Verantwortung übernommen haben, sollten Sie ihnen gegenüber deren Unvollkommenheit auch Nachsicht üben. Lassen Sie [4] Fehler anderer ebenso als Lerngelegenheiten gelten wie Ihre eigenen für sich. Vielleicht gibt Ihnen das Beispiel eines Konzernchefs zu denken, das ich in [5] "Schule brauchen gute Lehrer" zitiert habe:

coins 1857222 150Zum Konzernchef wurde ein Manager gerufen, nachdem er mehrere Millionen Dollar "in den Sand gesetzt" hatte. Kleinlaut räumte er ein, nun um seine Entlassung bitten zu müssen. Der Konzernchef entgegnete: "Wieso entlassen? Ich werde Sie doch nicht entlassen, wo ich gerade ein paar Millionen Dollar in Ihre Ausbildung investiert habe." -
Sie können sich vorstellen, wie der Manager darauf reagiert hat.

In Fehlern ihren Nutzen zu erkennen, ist offenbar auch ein Ausweis hoher Selbstkompetenz.

Fazit

Auch für denjenigen, der einem Säumigen Bedenkzeit einräumt, ist diese Zeit nicht verloren, sondern gewonnene Zeit. Und Nachsicht zu üben ist Ausweis von Stärke, nicht von Schwäche!


LINKS:

[1] "Unterbrecher setzen":
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/selbstkompetenz/235-unterbrecher.html
- zurück zu [1]

[2] "Konfliktlösung durch Perspektivwechsel" beschreibt die Analyse der Situation und Vorbereitung des klärenden Gesprächs:
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/selbstkompetenz/237-konfliktloesung.html
- zurück zu [2]

[3] Das Balance-Kriterium und das daraus abgeleitete Verantwortlichkeits-Kriterium werden im Kapitel "Freiheit verantworten" meines Buches "Schule des Bewusstseins" erläutert:
https://p-j-r.de/publicationes/pd-nachrichten/205-sdb-doku.html#2.16
- zurück zu [3]

[4] Aus Fehlern lernen:
https://p-j-r.de/publicationes/bildung/kompetenzentwicklung/68-aus-fehlern-lernen.html
- zurück zu [4]

[5] "Schulen brauchen gute Lehrer", Kap 1.5 "Emotionale Intelligenz", S. 67 "Anders deuten" – dokumentiert in
https://p-j-r.de/publicationes/pd-nachrichten/207-sbgl-dokumentation.html#Kap.1
- zurück zu [5]


© Copyright 2019 by Peter J. Reichard -  details:
www.p-j-r.de/allgemeines/copyright.html


Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok