Vorlese-Texte

Der Tannenbaum

Weihnachtsbaum @ pixabay

Nach der gleichnamigen Erzählung
von Hans Christian Andersen

Weihnachtsbaum @pixabay

Draußen im Tannenwald wuchs ein kleiner Tannenbaum.
Er wünschte sich:

»Ich will wachsen und schön groß und ganz alt werden!«

Im Spätsommer kamen zwei Kinder aus dem nahen Dorf des Weges
mit Körben, um darin Waldfrüchte zu sammeln.
Neben dem kleinen Tannenbaum machten sie Rast.

»Schau nur, wie niedlich klein dieser Baum ist!",
sagte das eine Kind.
»O ja, wie putzig!", fand auch das andere.

Das ärgerte den Baum, denn er dachte:

»Ich will doch wachsen und schön groß und ganz alt werden!«

Im Winter, als er von funkelnd weißem Schnee umgeben war,
kam häufig ein Hase auf ihn zu gehoppelt
und sprang vergnügt über den kleinen Baum hinweg.
Wieder ärgerte sich der kleine Tannenbaum:

»Ich will doch wachsen und schön groß und ganz alt werden!«

Nachdem zwei Winter vergangen waren,
war das Bäumchen im dritten Winter so groß,
dass der Hase um es herumlaufen musste.

»Nun bin ich gewachsen und schön groß
und möchte ganz alt werden«,
dachte der Tannenbaum

Es ging auf Weihnachten zu.
Da kamen Waldarbeiter mit Äxten und Sägen.
Sie fällten junge Tannenbäume ganz in seiner Nähe.
Manche waren noch kleiner und jünger als er.
Aber die Waldarbeiter fanden sie besonders schön,
fällten sie und luden sie auf einen Wagen.
Den zogen dann Pferde aus dem Wald hinaus.

Neidisch beobachtete das der herangewachsene Tannenbaum.

»Wohin geht deren Reise?«, fragte er und empörte sich:
»Die sind doch nicht größer als ich!«

Und er wünschte sich, er wäre auch mitgenommen worden.

»Wohin nur geht deren Reise?«, wiederholte er laut.

Das hörten Meisen, die um ihn herumschwirrten.
Sie zwitscherten:

»Das wissen wir! Das wissen wir!
Sie werden in die Stadt gebracht
in Stuben voller Schmuck und Pracht.
Wir sahen durch die Fenster rein:
In jeder Stube steht dort fein
ein hübsch geschmückter Tannenbaum
als Zierde für den schönen Raum.
Und Lichter leuchten an den Zweigen,
die sich unter Äpfeln, Plätzchen und Spielzeug neigen.«

«Und dann?«, fragte der Tannenbaum ganz aufgeregt,
»Was geschieht dann?«

»Mehr haben wir da nicht geseh'n!
Das war ja einfach wunderschön!«

»Oh, wenn ich doch auch dorthin kommen könnte!«,
sehnte sich der Tannenbaum.
»Wäre es nur schon Weihnachten!
Nun bin ich doch so groß und stattlich wie die anderen Tannen,
die im vorigen Jahr in die Stadt gebracht wurden!
Oh, käme ich doch bald mit dem Wagen in die Stadt
und dort in eine gemütlich warme, prächtig geschmückte Stube!«

Dann wurde es Sommer und wieder Winter.
Grün stand er da, dunkelgrün und schön groß.
Die Leute, die ihn vorbeikamen, sagten:

»Das ist ja ein schöner Baum!«

Endlich kam die Weihnachtszeit,
und jetzt wurde er - als erster! - Tannenbaum gefällt.

Die Axt trennte ihn von seinen Wurzeln.
Mit einem Seufzer fiel er zu Boden.

Er kam erst wieder zu sich,
als er in einem Hof mit anderen Bäumen abgeladen wurde
und er einen Mann in seiner Nähe sagen hörte:

»Der hier ist aber prächtig!
Den – und nur den – wollen wir haben!«

Das gefiel dem Tannenbaum:

»Jetzt gehen meine Wünsche in Erfüllung!"

Da kamen zwei festlich gekleidete Diener
und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal.
Dort wurde er in ein großes, mit Sand gefülltes Fass gestellt.
Oh, wie der Tannenbaum bebte!

Diener und junge Frauen schmückten ihn dann.
An einige Zweige hängten sie kleine, mit Süßigkeiten gefüllte Netze,
an andere vergoldete Äpfel und Walnüsse.
Es sah aus, als wären sie dort festgewachsen.
Dazwischen wurden viele rote, blaue und weiße kleine Lichter befestigt
und hoch oben in der Spitze ein Stern aus Goldpapier angebracht.
Das war prächtig, ganz besonders prächtig!

»Heute Abend«, sagten alle,
»heute Abend wird dieser Tannenbaum voll Glanz erstrahlen!«

Und sie nickten ihm begeistert zu.

»Oh«, dachte der Baum, »wäre es nur schon Abend!
Würden auch die Lichter bald angezündet!
Und was geschieht dann wohl?
Ob wohl Bäume aus dem Wald herkommen, um mich zu bestaunen?
Ob auch die Meisen bewundernd vor den Fensterscheiben flattern?
Ob ich in diesem Fass wohl festwachse
und das ganze Jahr über geschmückt bleibe?«

Es war Heiligabend und still im Haus.
Glockengeläut ertönte von der Kirchturmspitze.
Alle kamen aus der Kirche heim,
legten die Mäntel ab und warteten vor der Stube.

Der Großvater zündete die Lichter an.
Welcher Glanz, welche Pracht!
Nachdem Erklingen des Glöckchens gingen beide Flügeltüren auf.

Da stürmte die Kinderschar auf den Baum zu,
als ob sie ihn umwerfen wollten.
Die älteren Leute hielten bedächtig Abstand.
Großvater räusperte sich.
Da hielten die Kleinen inne.

»Schaut Euch den schönen Tannenbaum an«, sagte Großvater,
»wie schön er geschmückt ist und wie strahlend er leuchtet!
Er ist ein schönes Zeichen unserer Weihnachtsfreude.«

Während er das sagte, leuchteten die Lichter am Tannenbaum
eine Weile ohne zu flackern und der Tannenbaum bewegte kein Zweiglein,
so gut taten ihm Großvaters Worte.

»Lasst uns wie alle Jahre den Tannenbaum besingen«,
sagte er dann, und stimmte das Lied an, in das alle einstimmten:

»O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter!
Du grünst nicht nur zur Sommerzeit,
nein auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter!«

Die Kleinen hatten sich an den Händen gefasst
und tanzten beim Singen um den Tannenbaum herum.

Der Tannenbaum strahlte und dachte:

»Jetzt singen die Menschen sogar ein Loblied auf mich!
Sie freuen sich an meinen allzeit grünen Zweigen.
Sie machen mich stolz und froh.
Ich bin heute der Mittelpunkt ihres Festes
und für die Kleinen sogar der Mittelpunkt ihres Tanzens.«

Kaum war das Lied verklungen,
richteten die Kinder die Augen fragend zum Großvater.

»Ja, jetzt dürft ihr Süßigkeiten und Päckchen
vorsichtig von den Zweigen nehmen«, erlaubte er.

So wurde Ein Geschenk nach dem andern abgepflückt und verteilt.
Dann probierten die Kinder ihr Spielzeug aus
und naschten zwischendurch Plätzchen, Früchte und Schokolade.
Die Großen hatten ihre Freude daran
und erzählten einander von Erinnerungen an frühere Weihnachten.

Bald sah dann keiner mehr nach dem Baum,
außer das alte Kindermädchen.
Es schaute zwischen den Zweigen nach,
ob da vielleicht noch eine Feige oder ein Apfel übersehen worden sei.

Die nächsten Tage spürte der Tannenbaum,
wie das Interesse an ihm immer mehr nachließ.
Abends entzündete man seine Lichter
und löschte sie vor dem Schlafengehen – sonst nichts.

Einmal gab es noch Festtagsstimmung.
Feuerwerk leuchtete vor den Fenstern und Lärm drang herein.
Die Kleinen waren draußen,
die Großen ließen gutgelaunt Gläser an einander klingen.
Ein neues Jahr hatte begonnen.

Dann löschten sie die Lichter,
und allmählich wurde es draußen still.
In der dunklen Stube spürte der Tannenbaum das Ende der festlichen Tage.

Am andern Morgen kamen zwei Diener herein
und schleppten ihn zum Zimmer hinaus über den Hof in die Scheune.
Dort stellten sie ihn in einen dunklen Winkel ohne Tageslicht.

»Nun ist es Winter draußen!«, dachte der Baum.
»Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt.
Da können die Menschen mich jetzt nicht wieder einpflanzen.
Deshalb werde ich wohl bis zum Frühjahr hier aufgehoben!
Wie fürsorglich die Menschen doch mit mir umgehen!
Wäre es hier nur nicht so dunkel und einsam!«

Eines Morgens kamen Leute und räumten die Scheune auf.
Der Tannenbaum wurde in den Hof getragen.
Der Stern von Goldpapier saß noch oben in der Spitze
und glänzte im hellen Sonnenschein.

Im Hof spielten dieselben Kinder,
die an Weihnachten um den Baum herum getanzt waren
und sich so über ihn gefreut hatten.

Ein kleiner Junge lief zu ihm hin
und riss von seiner Spitze den Goldstern ab.

»Vorbei, vorbei!«, sagte sich der arme Baum.
»Weihnachten war so schön,
meine grünen Zweige waren so prächtig geschmückt.
Nun sind die Nadeln braun geworden
und fallen rieselnd ab.
Ich bin nicht mehr, der ich war.
Vorbei, vorbei!«

Ein Diener kam mit einer Axt in der Hand.
Damit hieb er den Baum in kleine Stücke,
mit denen er unter dem Braukessel ein Feuer entzündete.
In das Feuer warf er nach und nach die Stücke des Baumes hinein.
Jedesmal flackerte das Feuer unter dem Braukessel hell auf.

Der Baum seufzte tief,
und jeder Seufzer war ein lautes Knistern,
und manches Knistern war so laut wie ein Knall.

Da erinnerte sich der Baum

- an warme Sommerabende im Wald,
- an den Hasen, die Kinder und die Meisen,
- an sternenklare Winternächte da draußen im Schnee;
- an das prächtige Weihnachtsfest hier um ihn herum und
- an seinen Stern aus Goldpapier.

Dann war der Baum verbrannt.

Die Kinder spielten im Hof,
und der kleine Junge hatte den Goldstern auf der Brust,
den der Tannenbaum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte.

* * *


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