Lesetipps

"Kleine Kinder sind große Lehrer" von Marco Wehr

Das Genie der frühen Jahre - Rezension

Buch-Einband Auf der Buch-Rückseite heißt es:

»Kleine Kinder sind extrem neugierig, begeistert und unermüdlich. Sie lassen sich durch Misserfolge nicht vom Wege abbringen. Mutig suchen sie sich Ziele, denen sie kaum gewachsen sind. Solcherart Lernenergie kleiner Kinder entfaltet sich vor unseren Augen scheinbar von allein. Und so haben Erwachsene die Chance zu beobachten, was beim Lernen wichtig ist. Marco Wehr, Wissenschaftler und international bekannter Tänzer, zeigt, wie Eltern und Lehrer dieses wertvolle Wissen in ihrem Alltag mit Kindern nutzen können.

"Wie wäre es, die Nase einmal da reinzustecken, wo Lernen ohne jeden Zweifel gelingt, und sich dann zu fragen, was man dort über das Lernen lernen kann? Damit hätte man einen verlässlichen Kompass in der and, der für alle Lehr und Lern-Situationen gilt" Marco Wehr«

Der Autor und sein Buch

Dr. Marco Wehr ist ein nachdenklicher, eloquenter Tanzpädagoge, Philosoph und Autor. Aus aufmerksamen Beobachtungen bei Kindern und „Meistern“ einerseits und neurobiologischen Erkenntnissen andererseits leitet er nachvollziehbare Schlussfolgerungen für das Lernen und den lernförderlichen Umgang mit Heranwachsenden ab. So ist ein Buch entstanden, das Eltern, Erziehern und Lehrern Sichtweisen eröffnet, die geeignet sind, ihren Kindern für deren Entwicklung förderliche Lernbedingungen zu schaffen. Der Schreibstil erzeugt Lesefreude, jedenfalls beim „gebildeten“ Leser.

Unterschiedliches Lernen bei Tier und Mensch

Auf die Eingangsfrage seines Buches „Wer kann uns lehren, wie man lernt?“, gibt der Autor eine dreifache Antwort: Die Evolution, die Kinder selbst und die „Meister“, die es mit kindlicher Ausdauer zu außergewöhnlichen Leistungen bringen. Die nächste Kapitelüberschrift „Der Mensch - das missratenste aller Tiere?“ zeichnet die Entwicklung vom hilflos-schutzbedürftigen Säugling zum „Spezialisten im Nicht-Spezialisiertsein“ als einen Vorgang, die viel mehr Zeit (und elterliche Geduld) erfordert als die rekordverdächtig rasante Anpassung von Tieren an ihre konkrete Umgebung. Zwar entwickelt sich der Mensch viel langsamer, dafür aber in einzigartig flexibler Anpassung an seine familiäre, geografische und kulturelle Umgebung.

Spezialisierung versus Anpassungsfähigkeit

„Wir sehen mit milliarden Augen - Katzen mit zwei“ nimmt den Unterschied zwischen Spezialisierung der Tiere und universeller Anpassungsfähigkeit des Menschen in den Blick: Selbst „intelligente Tiere“ sind beim [1] Lernen aus Erfahrung darauf angewiesen, dass Artgenossen unmittelbar zugegen sein müssen, die ihre Erfahrungen durch Vormachen weitergeben. Beim Menschen erweitert sich mit Sprache, Schrift und Medien der Horizont für das Lernen aus den Erfahrungen anderer zwar langsam, aber prinzipiell unbegrenzt. Dieser verführerische Umstand hat jedoch auch Schattenseiten. Sie treten zutage, wenn das Lernbare nicht in den dafür durch die Gehirnentwicklung vorbestimmten Zeitfenstern eingeübt wird, und wenn der autonome Zugriff auf virtuelle Wissensquellen zu früh und ohne reale Erfahrungen oder ohne Beziehung zu einem Empathie-vermittelnden Menschen zugelassen wird. Mit ihrem „evolutionären Lernprogramm“ vollbringen Kinder ungeheure Lernleistungen mittels Nachahmung und Übung. Dazu der Autor: „Kinder lernen in kurzer Zeit Fertigkeiten, die die besten Wissenschaftler und Ingenieure der Welt immer noch nicht kopieren können.“ Erstaunlich ist dabei, dass kleine Kinder dieselben Lernstrategien verwenden wie große Meister, die uns durch ihr außergewöhnliches Können beeindrucken. „Sie unterscheiden sich nur durch den Grad der Bewusstmachung.“

In der Welt des Wissens heimisch werden

Mit dem Kapitel „Werkzeugkasten für die Welt des Wissens“ geht der Autor der Frage nach, wie das Kind in der Welt des Wissens heimisch werden kann. Der Grund, weshalb das Kind dafür so viel mehr Zeit benötig als jedes Tier für seine Reifung, liegt in der Komplexität seiner Lebensumwelt und der Anpassungsfähigkeit daran, die sich nur in Wechselwirkung damit entwickeln kann. Schon der aufrechte Gang und das Laufen sind das Ergebnis komplexer Steuerungskunst des Gehirns. Ebenso das Beherrschen der Gesichtsmuskulatur, das Zeigen und Erkennen von Mimik und Gestik, das Betätigen der Lippen und Hände. Der Homo sapiens weist eine solche Vielfalt motorischer Fähigkeiten auf wie kein Tier; er dürfte darum auch ‚homo motoricus‘ genannt werden. Zum bedeutsamen Zeigen auf etwas und dem Verstehen der Gesten kommt die Entwicklung verständigen Hörens und Sprechens hinzu, das Erkennen und Ausdrücken von Absichten je nach Bezugsrahmen, das Wahrnehmen und Äußern von Gefühlen und das Mitempfinden als Vorstufe des Perspektivwechsels. Ansprache braucht das Kind, Vorgänge zum Beobachten und Imitieren. Als Nachahmungskünstler ist es ständig damit beschäftigt, alles ihm Mögliche zu üben, bis es klappt.

Choreografie des Lernens

„Die Kunst des Gehirns, sich (fast) von alleine zu formen“ verdeutlicht, dass Nachahmung (wie alles Lernen) ein Prozess ist, bei dem es auf menschliche Ansprache, Empathie und Bindung zu Bezugspersonen ankommt. Fehlt dem Gehirn in dem jeweiligen Zeitfenster für die Ausprägung grundlegender Fähigkeiten der nötige Input, verkümmert die betreffende Anlage. Das belegt Wehr mit bekannten Beispielen von Kindern ohne menschliche Ansprache in ihrer Kindheit. Im anschließenden Kapitel „Die semantische Nabelschnur“ wird deutlich, dass die Kinder schon vor dem Spracherwerb auf Menschen angewiesen sind, die sich um sie kümmern. Deren Stimmungen können sie an Tonfall, Mimik und Gestik erkennen und damit emotionale Bedeutsamkeit für sich erschließen. Auch ihr eigenes Befinden können sie entsprechend ausdrücken. „Die Choreografie des Lernens“ werden grundlegende Erkenntnisse der Neurobiologie über Synaptogenese, Pruning und Myelinisierung zur Erklärung des frühkindlichen Lernens als Adaptionsprozess an die jeweilige sprachliche, geografische und kulturelle Umgebung herangezogen. „Der Mensch ist der unübertroffene Spezialist im Nichtspezialisiertsein“, folgert Wehr. Wird dem Gehirn allerdings in der Phase der ersten Lebensjahre nur „Magerkost“ serviert, kann das zu schweren, womöglich irreparablen Schäden führen. Unbehandelter Strabismus oder Katarakt gelten dafür als Beispiele. Das Fehlen menschlicher Ansprache bei Kindern, die im diktatorisch regierten Rumänien in Heimen interniert waren, belegt mit grauenvoller Nachdrücklichkeit die Folgen, nämlich dauerhafte, gravierende Störungen z.B. im Sozialverhalten.

Elementare Lernerfahrungen ermöglichen

Vom folgenden Kapitel an geht es um die Frage, welche Folgerungen sich aus derlei Befunden für Eltern und Erzieher ergeben. Einleitend verweist Wehr auf die Notwendigkeit, die kindliche Entwicklung durch „4 Z“, nämlich Zeit, Zuneigung, Zuwendung und Zutrauen zu fördern, indem zur rechten Zeit die passenden Anreize geboten werden, z.B. „wenn das Kind sprechen lernt, dann muss jemand mit ihm sprechen“. Dass bei der Entwicklung vieler Kinder „etwas schief geht“, erklärt Wehr damit, dass entweder „Wesentliches unterlassen“ oder aber „des Guten zuviel getan“ wird. Für eine gute Entwicklung des Kindes sorgen „dem Kind zugewandte Erwachsene, die es ermuntern, seine Welt zu erforschen“ und „es »laufen« lassen, ohne es in Watte zu packen“. Hingegen behindern überbehütende Eltern die Potenzialentfaltung ihrer Kinder, indem sie ihnen „elementare Lernerfahrungen vorenthalten“. Die Unsicherheit der Eltern überträgt sich auf ihre Kinder.

Natürliche Lernumgebungen

Fast ein Viertel seines Buches widmet der Autor den „Lern- und Lehrmeistern“ und der Einsicht, dass „Meister es machen wie die Kinder“. Wer mit vermeintlichem Besserwissen in die natürliche Lernstrategie der Kinder eingreift, erreicht oft das Gegenteil dessen, was er eigentlich will. Die Antriebskraft des natürlichen Lernens ist die Neugier des Kindes. Die sollte es der natürlichen Welt zuwenden. Die - und nicht die virtuelle Welt an Bildschirmen - vermittelt dem Gehirn für die Ausbildung der verschiedenen Gedächtnisformen tauglichen Gegenstände und Erlebnisse. Fernsehen und Bewegungsmangel führen zu einem gravierenden Verlust an wirklicher Erfahrung. Mit Hirnforschern ist sich Wehr einig, den frühzeitigen Einfluss virtueller Medien als schädlich für die Entwicklung des Kindes anzusehen. „Ein Kind vorm Fernseher bewegt sich nicht, es sieht und hört nur. Und sehen tut es in allem Überfluss auch nur in zwei Dimensionen.“

Für das Lernen des Kindes ist die Unmittelbarkeit der Erfahrungen ganz wesentlich:

  • Um Sehen zu lernen, muss es etwas Reales zu sehen geben,
  • zum Sprechen, dass jemand wirklich mit ihm spricht,
  • zum Tasten etwas Greifbares,
  • zur Beweglichkeit eine Umgebung, in der es sich bewegen kann,
  • zum Einfühlen einfühlsame Menschen um sich herum.

Misslingenskompetenz

Neugier und Motivation „befeuern das Gehirn beim Lernen“ - ganz von selbst. „Lernen bedeutet, etwas zu tun, das man noch nicht kann“, ruft Wehr den Eltern und Pädagogen ins Gedächtnis. Kinder lassen sich vom Misslingen ihrer Lernversuche nicht demotivieren, sondern probieren und üben so lange, bis ihnen das gelingt, was sie können wollen. Wehr nennt diese wundervolle kindliche Eigenschaft „Misslingenskompetenz“, die er von „Frustrationstoleranz“ (der Erwachsenen) deutlich unterscheidet: Erstere ist eine Form von Gelassenheit als Voraussetzung zum Weiterüben, letztere Selbsttröstung derer, die aufgeben, was ihnen nicht perfekt genug oder nicht schnell genug gelingt. „Gehen können bedeutet tausendmal fallen“, wie wahr! Wenn Eltern oder Lehrer ängstlich versuchen, die Kinder vor „Misslingen“ zu bewahren, beeinträchtigen sie deren Lernen wie auch den Aufbau des Selbstbewusstseins. Kinder suchen sich dauernd „Aufgaben, die ihr momentanes Können überschreiten“ und versuchen damit beharrlich, die Grenze ihres Könnens immer mehr zu erweitern. Dabei erleben sie mit ihrem „inneren Auge“ Wiederholungen als spannendes Wachstum.

Zeitlicher Verlauf von Lernfortschritten

Die allgemeine Bedeutsamkeit der kindlichen Eigenschaften für gelingendes Lernen erhellt sich aus dem Vergleich mit den Strategien derer, die es auf ihrem Gebiet zu Können und Meisterschaft gebracht haben. Ihre intrinsische Motivation befeuert ihre Ausdauer (Einsteins „Stirn“), die in Verbindung mit einem Gespür für weiterführende Fragestellungen (Einsteins „Nase“) zu bewundernswerten Erkenntnissen führt. Genialität beruhe - so Einstein - eben auf „Nase und Stirn“. Um es mit einer Fähigkeit zur Meisterschaft zu bringen, veranschlagt die Expertiseforschung etwa zehntausend Stunden Übungszeit. Es hat damit zu tun, dass sich Fähigkeiten um so langsamer verbessern, je höher sie schon ausgebildet sind. Das Lernen folgt nämlich einer Sättigungskurve, die anfangs steil ansteigt, aber je länger desto flacher verläuft. Entsprechend werden schließlich für geringe Lernfortschritte exponentiell zunehmende Übungszeiten benötigt. Beachtlich ist auch, dass Lernerfolge von Menschen, die sich anfangs schwertun, später die von andern übertreffen können, denen anfangs rasche Lernforstschritte gelingen.

Erfolg nährt Erfolg

Im Kapitelchen, dessen Titel die Kosakenweisheit wiedergibt „Schmeiß dein Herz über den Graben, dann folgt das Pferd von alleine“, verdeutlicht Wehr, dass es kein Klischee gibt, dem die Motivation von Meistern folgt. Viele scheren sich weder um Anerkennung noch Reichtum noch um Macht, folgen ihrem inneren Antrieb wie Kinder. Ihr „Erfolg nährt ihren Erfolg“ - bei Meistern wie bei Kindern. Wenn Kinder im Üben der „Königsdisziplinen der Neurobiologie“, nämlich Sprechen und Beobachtungslernen, gefördert werden, können sie entsprechend der menschlichen Anpassungs-fähigkeit in eine Lernspirale hineingelangen, in der ihr Selbstwertgefühl und Lebensmut mit ihrer Fähigkeit zunehmen, sich Problemlösungen zuzutrauen.

Als „Archimedischen Punkt des Lernens“ bezeichnet Wehr den Übergang vom rein spielerischen zum systematisch angeleiteten Lernen. Dabei ist entscheidend, dass Eltern und Lehrer die Motivation des Kindes nicht durch eigene Besorgnisse und Ängste beeinträchtigen. Sie sollten ihr schützendes Eingreifen auf tatsächliche Gefahrensituationen beschränken. Wehr nennt es „fahrlässig“, Kinder vor Anforderungen und Belastungen zu schützen statt ihnen behilflich zu sein, damit zurechtzukommen. Wichtig sei auch, Fehler als „Freunde“ anzusehen, um aus Erforschung ihrer Ursache zu lernen, sie künftig zu vermeiden. Dabei hilft dem Kind nicht die Warnung vor oder gar die Sanktionierung von Fehlern, sondern nur deren verständnisvoll-wohlwollende Unterstützung. Ausschlaggebend für erfolgreiche Unterstützung des kindlichen Lernens ist die Balance zwischen Über- und Unter-forderung zu finden: „Die zumutbare Zumutung“ nennt Wehr, dem Kind Aufgaben zu stellen, die „knapp oberhalb seiner persönlichen Leistungsgrenze liegen“, eben seiner „Könnensschwelle“, aber noch unterhalb seiner „Belastungsgrenze“. Die zu überschreiten würde das Kind einem entmutigen¬den Scheitern - eben Frustration - statt dem es herausfordernden Misslingen aussetzen. Die Bewältigung von zumutbaren Zumutungen stärkt das Selbstvertrauen und die Entwicklung von Lösungskompetenz.

Üben muss geübt werden

Umgekehrt gilt es der Neigung entgegenzuwirken, den „Weg des geringsten Widerstands zu gehen“. Dazu muss das „Üben geübt werden“. Neben Motivation braucht es dazu auch Selbstdisziplin, die sich in Langmut, Ausdauer, Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit erweist. Diese Eigenschaften sind von den Erziehern vorzuleben, manchmal aber auch einzufordern. Die demgegenüber verbreitete Haltung, jeder Unmutsäußerung nachzugeben, führt dazu, dass die Kinder das Lernen nicht lernen. Der Satz „Wer kein Ziel hat, dem ist jeder Weg zu weit“ markiert die Folgen mangelnder Motivation. Wer wirklich für etwas motiviert ist, kann das lange ermüdungsfrei betreiben. Dem entsprechend nennt Wehr Motivation „die Königsdisziplin der Pädagogik“. Eltern erreichen also die bestmögliche Förderung ihrer Kinder, wenn sie ein feines Gespür dafür entwickeln, wofür sich ihr Kind „wirklich“ begeistert, und das Kind darin unterstützen.

Begeisterung überträgt sich

Die Begeisterungsfähigkeit ist die letzte Stufe der von Wehr in seinem Buch aufgerichteten Leiter, das er überschreibt: „Wer zünden will, muss selber brennen“. Was Lehrer auszeichnet, die Schüler begeistern, belegt Wehr durch eine Miniumfrage unter Schülern: Kompetenz, Strenge, Gerechtigkeit, Humor und Empathiefähigkeit. Schüler wünschen sich eine Umgebung, in der Lernen möglich ist. Sie erwarten, dass Lehrer selbst vorleben, was sie zur Nachahmung empfehlen, so z.B. Pünktlichkeit, Fairness und gute Vorbereitung. An guten Lehrern besteht ein Mangel: Etliche Schüler übertreffen manche ihre Lehrer an Begeisterungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Zuversicht. Etliche Lehrer ergreifen ihren Beruf eben nicht aus Begeisterung für diesen Beruf. Wer hingegen als Lehrer verkörpert, was er lehrt, hat weder ein Motivations- noch ein Disziplinproblem.

Bedeutsames zu lernen braucht Zeit

Mit Gerald Hüther stimmt Marco Wehr überein: „Das Gehirn lernt, was ihm bedeutsam erscheint“. Also kommt es bei der Motivation genau darauf an, die Bedeutsamkeit des Lerngegenstands überzeugend darzustellen. Dazu kann es beispielsweise dienlich sein, „trockener Wissenschaft“ durch Erzählen ein „menschliches Antlitz“ zu geben. Wichtig für „begeistertes Lernen“ ist, dass reichlich Zeit dafür eingeräumt wird.
Wehr ist sich mit vielen Pädagogen darin einig, dass Schulzeitverkürzungen wie G8 und die Vollverschulung des Hochschulstudiums kurzsichtig und schädlich für die Kommunikations¬fähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung sind. Er wünscht den Schülern mehr unterrichtsfreie Zeit für die Entdeckung und Pflege eigener Interessen.

Persönlichkeitsentwicklung gemeinsam fördern

Schule sollte sich so organisieren, dass Synergieeffekte der Fächer bedacht und realisiert werden statt deren Bedeutsamkeit durch die ihnen zugebilligten Stundenzahlen zu demonstrieren. Epochenunterricht und vernetzte Lehrpläne kämen dem entgegen. Auch eigenständige Leistungen sollten in stärkerem Maße gefördert und gefordert werden. Die Aufgabe und Verantwortung, ihren Kindern die dafür erforderliche Haltung zu vermitteln, weist Wehr den Eltern zu. Er sieht durchaus die Gefahr, dass Schüler mit mangelhafter Lernbereitschaft die ihnen gebotenen Freiräume nicht nutzen oder gar missbrauchen, hält aber eine Schule, bei der die Individualität der Schüler mehr im Mittelpunkt steht für möglich und wünschenswert. Beispielhaft an Tänzern aufgezeigt, aber nicht auf diese beschränkt zeigt Wehr sich überzeugt, dass die Entwicklung und der Ausdruck des eigenen Selbst zugleich unverzichtbarer Bestandteil kultivierten Umgangs mit einander sind. Für den Austausch von Ideen, die das zum Ziel haben, haben sich beispielsweise Teestunden an Forschungseinrichtungen als taugliches Ritual erwiesen. Wehr bezweifelt allerdings, ob das als Modell für Schulen infrage käme. Er fordert andererseits dazu auf, zur Inspiration über die Schulmauern hin den Blick auf Tanzklassen zu richten, in denen „das Erlernen komplizierter Techniken und die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit in einem Umfeld“ stattfinden, „das von Respekt, Toleranz sowie dem Willen und der Lust zu Lernen geprägt ist“.

Kritik an der Bildungsforschung

In seinem „Abgesang“ wünscht sich Wehr mehr Wertschätzung für die Lernstrategien der Kinder und „Meister“ in Elternhäusern, Schulen und Hochschulen. Er bezweifelt, dass Bildungsforscher als „analytische Zuchtmeister“ dazu verhelfen können. Sie „suchen nur, wo man etwas sieht, können aber nicht sicher sein dort zu finden, wonach sie suchen“. Sie erfassen zwar wichtige Fähigkeiten, aber andere, mindestens so wichtige, lassen sich gar nicht erfassen, so z.B. den Mut Fehler einzusehen oder den eigenen Standpunkt entschieden zu vertreten. Charaktereigenschaften darf man aber nicht einfach vernachlässigen. Auf die entscheidende Frage, welche Einsichten, Fertigkeiten und Charaktereigenschaften man für ein geglücktes und gelungenes Leben benötigt, können Bildungsforscher nichts antworten. Sie reden in einer an der Ökonomie orientierten Sprechweise z.B. von „Humankapital“ und „Bildungsinvestitionen für die Zukunft“.
Gegenüber dem irrigen Glauben, aus Messungen quantifizierbarer Größen gültige Aussagen über das Gesamtsystem ableiten zu können, erweist sich das Nachdenken des Empirikers aufgrund sorgfältiger Beobachtung als überlegen. Marco Wehr nimmt dem entsprechend für sich in Anspruch, nachahmenswerte Lernstrategien beob¬achtet und gründlich reflektiert zu haben. Das überzeugt auch den Rezensenten als erfahrenen Schulpraktiker. Das Fehlen von dezidierten Quellenangaben mag den von ihm selbst nicht erhobenen Anspruch von „Wissenschaftlichkeit“ mindern, aber nicht die Überzeugungskraft seiner authen¬tischen Beispiele.

Persönlichkeits¬- und Charakter-Entwicklung fördern!

Die Kritik an den „Bildungsforschern“ ist im Hinblick auf die Begrenztheit ihres Horizontes und besonders hinsichtlich ihres dominierenden Einflusses auf die Bildungspolitik nachvollziehbar. Den Bildungsforschern, die Lernergebnisse und Kompetenzen in verschiedenen Ländern, Fächern und Altersgruppen z.B. mit groß angelegten PISA-Untersuchungen vergleichen, hält Wehr vor, ihre „Wissenschaft“ vernachlässige ganz wesentliche Aspekte des Lernens, nämlich solche, die zur Persönlichkeits¬- und Charakter-Entwicklung beitragen. Das räumt auch der Schulpädagogik-Professor und Übersetzer der Hattie-Studien Klaus Zierer in seinem Kommentar unumwunden ein. Gleichwohl liefern z.B. gerade die Hattie-Studien durchaus beachtliche und erfahrungs¬konforme Ergebnisse, die auch viele der von Wehr vorgetragenen Aspekte untermauern. Dass Wehr gleichwohl dem „genauen Beobachten und Nachdenken“ mehr zutraut als den mit gigantischem Aufwand betriebenen Untersuchungen, ist wenigstens in soweit nachvollziehbar, dass er damit deren Lücken verkleinert.

Bedingungen der Möglichkeit effektiven Lernens

Die Orientierung der Anforderungen an der individuellen Leistungsgrenze von Heranwachsenden wird deren Eltern und Leitern von langjährig zusammengehörigen Gruppen besser gelingen können als Lehrern mit einer Vielzahl von jährlich wechselnden Klassen. Die Erfahrungen Wehrs mit der „zumutbaren Zumutung“ regen aber auch Lehrer zum Nachdenken an, wie sie bei der Ausgestaltung und Bewertung z.B. von Klassenarbeiten die individuelle Leistungsgrenze berücksichtigen können.
Seine Skepsis gegenüber der Möglichkeit einer „Teestunde“ an Schulen fordert geradezu dazu heraus darüber nachzudenken, ob dergleichen nicht eben doch möglich und hilfreich sein könnte. Jedenfalls verdienen Marco Wehrs Überlegungen zu den Bedingungen der Möglichkeit effektiven Lernens verbreitete Beachtung. Den Rezensenten veranlasst die Lektüre, konkrete Folgerungen daraus in seine Überlegungen zum lernförderlichen Umgang von Lehrern mit sich, ihren Schülern, dernen Eltern, mit Kollegen und Vorgesetzten einzubeziehen.


Anmerkung

[1] Imitation – d.h. Nachahmung – ist eine sehr komplexe Fertigkeit, bei der zu einem visuellen Input im Gehirn eine dazu passende motorische Aktion ausgelöst werden muss. Das können Affen, allerdings auch nicht beliebig gut, und mit großen Abstrichen können es auch Katzen und Hunde, erstaunlicherweise sogar Oktopusse und einige „kluge“ Vögel wie Raben und Papageien. – zurück zu [1] .


Bibliographie

Marco Wehr: "Kleine Kinder sind große Lehrer" – Das Genie der frühen Jahre.
BELTZ FLUGSCHRIFTEN ARCHIV DER ZUKUNFT (Herausg.: Reinhard Kahl)
Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2014, ISBN 978-3-407-85990-7, Taschenbuch, 156 Seiten


© Copyright 2015-2019 by Peter J. Reichard - details:
www.p-j-r.de/allgemeines/copyright.html


 

"Medizin für die Bildung" von Manfred Spitzer

"Ein Weg aus der Krise" - Rezension

Bucheinband

Erkenntnisse der Gehirnforschung nehmen an Zahl und Qualität immer mehr zu. Das geht mit der Perfektionierung der bildgebenden Verfahren zur Untersuchung von Gehirnaktivitäten einher und mit der Anwendung verlässlicher Methoden der Statistik auf Fragestellungen nach Gehirn-Aktivitäten beeinflussenden Bedingungen. Damit gewinnt diese Forschung immer mehr an Bedeutung als etablierte naturwissenschaftliche Disziplin, die auch immer mehr und beachtliche Aussagen über günstige und ungünstige Einflussfaktoren für die Persönlichkeitsentwicklung durch Bildung und Erziehung vermittelt. Davon handelt das Buch des Psychiatrieprofessors Manfred Spitzer. Er sieht und zieht Parallelen zwischen Arzt und Lehrer bzw. Medizin und Erziehungswesen und kommt dabei zu teils evidenten, teils überraschenden Ergebnissen und auch zu einigen ernstzunehmenden Vorschlägen auf dem Gebiet "translationaler" (interdisziplinärer) Forschung.

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Gedanken zum "Runterricht" von Horst Hensel

Eine Gegenüberstellung zur "Schule des Bewusstseins"

Schule des Bewusstseins Runterricht
BoD.de   Verlag Norderstedt   2012
ISDN 978-3-8482-1739-7   € 28,00
mut-verlag.de   Asendorf   2013
ISBN 978-3-89182-088-9   € 19,80

Die Verschiedenheit der Bucheinbände spiegelt die unterschiedlichen Schulszenarien der beiden Autoren D. und H.

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"Ich, Tobit, erzähle diese Geschichte" von Arnulf Zitelmann

Ein Roman aus der Jesuszeit - Rezension

 

Einband

Die meisten Christen haben von der Jeus-Zeit nur Vorstellungen, wie sie die Evangelien vermitteln. Deren Fokus liegt natürlich auf der Person und dem Wirken von Jesus Christus. Über das Denken und Leben der Menschen seiner Zeit aber findet man darin nur Spuren. Um zu begreifen, wie revolutionär das Auftreten von Jesus damals gewirkt hat, bedarf es einer Zeitreise. Die lässt [1] Arnulf Zitelmann in seinem "Roman aus der Jesus-Zeit" den jungen Tobit aus Alexandria mit einer Pilgerreise nach Jerusalem unternehmen. Faszinierend, welche Sicht auf die damalige Zeit, die Juden in und außerhalb Israels, die Römer und die Griechen dessen Erzählung lebendig vergegenwärtigt.

 

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Kant-Biografie von Arnulf Zitelmann

"Nur dass ich ein Mensch sei" - Rezension

Bucheinband 1996 Bucheinband 2009
Bucheinband 1996 Bucheinband 2009

Als sich in der gymnasialen Oberstufe Ende des vergangenen Jahrzehnts das Fach Philosophie etabliert hatte und zunehmend Interesse fand, fehlte es an für Schüler verständlichem Schrifttum über Kant. Diesen Mangel hat [1] Arnulf Zitelmann mit seiner Erzählung über Kants Leben und philosophisches Schaffen mit dem Taschenbuch behoben, das bei Beltz & Gelberg 1996 erschienen ist. Im Jahr 2009 hat der Verlag das Buch - ein wenig gekürzt und überarbeitet - in ansprechender Aufmachung erneut herausgebracht.

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